2021: Als die Wirklichkeit zum Witz wurde

Marx kann sich wieder sehen lassen: Für viele bleibt der Mann mit dem Bart in Visionär.

Wäre er da nicht schon gewesen, wäre Jesus 2015 womöglich im Mittelmeer ertrunken. Grenzen klafften damals offen, sie würden erst viel später überall wieder zuklappen wie Gartenstühle in einem Freiluftrestaurant am Ende der Open-Air-Saison. Die Kanzlerin, sie wird es nicht verhindern, jedenfalls nicht lange. Ihre Botschafterin in Brüssel wird klagen, aber nur anfangs. Anschließend rüttelt sich dann alles schnell zurecht in einer „neuen Normalität“, wie es der nachfolgende Mann im Kanzleramt noch vor seinem Umzug genannt hat. Danach galt sein erstes Bestreben der Umleitung von „bundeskanzlerin.de“ auf „bundeskanzler.de“.

Wie die Wirklichkeit Satire wurde

Der Mann ist Feminist, vor allem aber Pandemist. Er rutschte auf seinem gebrochenen Versprechen von den zehn Millionen Imfungen pro Woche ins Amt, wo er als allererstes 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten versprach. Als das nicht wurde, wurden 30 Millionen bis Jahresende daraus. Und als dieses Ziel sich als unerreichbar herausstellte, sprach der hanseatische Rhetoriker einfach von „weiteren 30 Millionen Impfungen bis Ende Januar“. Als habe er die ersten 30 Millionen selbstverständlich längst in der Tasche.

2017 war das Jahr, in dem die Wirklichkeit die Satire hinter sich ließ. 2018 dann das, in dem die Satire gewordene Wirklichkeit niemanden mehr zum Lachen brachte. Es kam 2019, ein langes Warten auf das Ende einer Ära, das politische Zwerge wie Annegret Kramp-Karrenbauer nach oben spülte und vermeintliche Riesen wie den Franzosen Emmanuel Macron entzauberte. Wer da noch lachte, kannte der Humor nicht, den Gott gelegentlich aufblitzen ließ: Auf einmal war die Todesseuche da, aber nicht ganz so tödlich wie im Film. 

Perfide Tricks der Pandemie

Ein perfider Trick. Die Pandemie raffte Millionen weg, traf aber durchaus hinterlistig Auslese. Der Todeszoll stieg in Deutschland auf mehr als eine Million Menschen in zwei Jahren – 0,12 Prozent aller Einwohner. Olaf Scholz würde womöglich von einer „kleinen, extremistischen Minderheit“ sprechen, die sich „von unserer Gesellschaft, unserer Demokratie abgewandt“ habe. Fakt aber ist, dass die an und mit Corona Verstorben eine gesellschaftliche Spaltung vertieften, die zuvor zwar sichtbar, aber ohne Bedeutung gewesen war: Oben die einen, mit Zugang zu Medien, mit Deutungshoheit und der vereinten Kraft, Normalität zu definieren. Unten die anderen, hilflos staunend und wortlos verweigernd. 

2018 noch war der kaum jemandem bekannte Begriff „Heißzeit“ zum „Wort des Jahres“ erklärt worden. Greta Thunberg und Luisa Neubauer stimmten die mediale Weltbevölkerung in Deutschland Hamburg, München, Köln, Berlin und Stuttgart auf große Veränderungen ein. In einem ersten Schritt beschloss die EU ein Trinkhalmverbot. In der ARD wurde plötzlich mit Pausen im Wort gesprochen, um alle mitzunehmen. Deutsch als Fremdsprache.

Deutsch als Fremdsprache

Und ausgerechnet in diesem Moment, als die Hoffnung aufkam, dass es viel verrückter ja nun bald nicht mehr werden könne, kam die Pandemie. Donald Trump, der Weltfeind Nummer 1, wurde sein erstes Opfer. Die CDU war sein zweites. Dann starb der Klimawandel, still und unbeachtet in einer Ecke, in der schon die beiden führenden Klimagesichter endgelagert worden waren. 

Seither gab es keinen Tag ohne Regen. Ausgenommen jene, an denen es schneite. Der Winter 2021 kam mit Schneewehen und es ging mit weihnachtlichem Frost. Die Strompreise sprangen Tag für Tag zu Rekorden, Gas ging durch die Decke. Die amerikanischen Verbündeten schickten eine Freiheitsflotte mit Fracking-Gas, um Europa aus den Krallen des russischen Bären zu befreien. Die neue Außenministerin, die die Seite https://www.bundesaußenministerin.de/ bisher nicht hat registrieren lassen, verkündete den festen Willen Deutschlands, atomar abzurüsten. Vorbild Angola: Das afrikanische Land gilt als erstes, das aus der Braunkohleverstromung ausstieg. Ohne je eine Schippe Braunkohle verstromt zu haben.

Trend zum Absurden

Der Trend geht zu absurd. Eine gefühlte Klimaweltmacht leistet sich das größte Kabinett aller Zeiten, mit den meisten Ministern jemals. Den Klimaschutz aber macht der Wirtschaftsminister nebenher, in enger Zusammenarbeit mit einer Parteigenossin, die den Umweltschutz machtber die Landwirtschaft, denn die macht ein Parteigenosse, der allerdings auch für „Wald, Nachhaltigkeit, Nachwachsende Rohstoffe“ zuständig ist.

Wichtig ist, was nicht mehr ist. #MeToo, George Floyd, Ouri Jalloh, Hillary Clinton, Angela Merkel, Fukushima, die NPD, Storch, Gauland und Höcke, überhaupt Thüringen, die Finanzkrise, Klimawandelleugner, Windkraftverweigerer, Netanjahu, Sascha Lobos „Latenznazis“, die keine Nazis sind, aber anderer Meinung als Lobo, Angela Merkel, Olaf Scholz, Nancy Faeser und der jeweilige Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Spaziergänger im Schafspelz

Ein Zirkelschluss, der die Hermeneutik kommunistischer Philosophie atmet. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Wer nicht glaubt, was wir glauben, hängt Verschwörungstheorien an, die der aufgeklärte Bionadeadel „Verschwörungserzählungen“ nennt, weil sie keine Theorien seien, wie es heißt. Sondern was? Der Klassenfeind, der Gegner unserer Ordnung. Ein Spaziergänger im Schafspelz, unter der verweigerten Maske ein Wolf, der des Menschen Wolf ist. Wie im Reich von Väterchen Stalin muss der Betreffende nicht wissen, dass er von der Linie abweicht, sich in falsche Lager vergaloppiert hat. Das wussten schon die Sozialisten und Kommunisten für ihn und die Demokraten wissen es heute wieder.

Nie war alles so prima wie heute, nie stiegen die Löhne und Gehälter schneller, gab der Staat mehr Geld aus für Programme gegen rechts, für mehr Bildung, saubere Schultoiletten, Integration und Erziehung zur Toleranz. Doch Wohlstand scheint Wut zu erzeugen, und mehr Geld gegen rechts immer mehr Rechte. Was ehemals der kleine Bereich zwischen CSU-Vertriebenenfunktionären, Nazi-Parteiarbeitern und jugendlichen Sachsen war, die Hakenkreuze an Bushaltestellen ritzten, reicht heute bis in die linke bürgerliche Mitte hinein: Wessihasser, Waldörfler, Homöopathen, Protestanten, „Familien mit Kindern“ (DPA) und selbst Mitarbeitende des „chronisch unterfinanzierten“ (Spiegel) Gesundheitswesen entpuppten sich als Impfverbrecher, Querleugner, Wirkstoffverweigerer und SZ-Abo-Kündiger.

Marx in alter Pracht

Die Schuldenbremse ist weg, Karl Marx ist wieder da, in alter Pracht und mit neuem Selbstbewusstsein. In einem „Meinungskorridor“ (Walter Steinmeier), in dem eine „erstaunliche Homogenität“ (Steinmeier) herrscht, ist der Mann mit dem Bart Leitstern eines verschworenen Parteiensystems, das in sich selbst ruht und Schuldige an den verschiedenen Miseren wie einst die Preise bei „Am laufenden Band“ vorführt. Nationalisten, Rassisten, Russen, Trumpisten, „komische Mischpoke“, Sachsen, Spaziergänger. „In Deutschland gibt es zwar die Demonstrationsfreiheit“, hatte Angela Merkel schon lange vor der Aufhebung des unbeschränkten Rechts auf unangemeldete Versammlungen ohne Waffen auf ihre ganz eigene philosophische Art angekündigt. Aber. 

2021 ist das Ende dessen, was vor einem Jahrzehnt in den „Stunden hektischer Krisendiplomatie“ (FAZ) seinen Anfang nahm, als Merkel und Sarkozy den Euro retteten, ohne irgendein Parlament zu befragen. Seitdem baute die Exekutive ihre Macht immer weiter aus, ein Billardspiel mit der EU, die flankierte, organisierte und dafür mit beständig wachsenden Zuständigkeiten belohnt wurde, ohne demokratische Kontrolle fürchten zu müssen. In Corona-Deutschland perfektionierten Ad-hoc-Komitees, Expertenräte und Kriegskabinette das Kommissarsprinzip. Das Land hat sich natürlich nicht in eine DDR verwandelt, in der jeder zwar noch „die formale Freiheit hat, zu sagen, was man denkt“.

Strafe für schäbige Schauspielschufte

Aber sicherheitshalber ist jeder gehalten, nicht mehr denken zu wagen, was man nicht sagen soll. Sonst kommt der digitale Mob und straft die „Hetzer, Hasser und Zweifler“ (Claus Kleber) mit dem bürgerlichen Tod, der Aberkennung der Rederechte und Querverbindungsentdeckungen zu Querdenkern, Faschisten, Identitären und schäbigen Schauspielschuften. Niemand kommt jemanden abholen, außer dort, wo die Menschen sind und warten, dass ihnen alles noch besser erklärt wird.

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