2021: Das Gestern als gelobtes Land

Der Streit zwischen versteinerten Gesellschaftsformationen erlebte im Jahr 2021 ein formidables Comeback.

Fast so schlimm war es noch nie wie in diesem Jahr 2021, das auf die ersten zwölf Monate im Zeichen des großen C  folgte. Was im ersten Anlauf wie ein Ausrutscher schien, ein Notstandsregime, geführt von einer Kanzlerin, die von der Furcht vor dem Unbekannten getrieben aus der kompletten Unsichtbarkeit agierte, wurde zu einer gewohnten Regierungsform. Expertengremien, Krisenkabinette und informelle Land-Bund-Runden agierten, nie war das, was war, irgendwer gewesen, nie war irgendetwas falsch oder wenigstens nicht richtig, übertrieben oder rechtswidrig. Wer rechtzeitig vorsorgt, der kann sich darauf verlassen, dass er auch von den höchsten Richtern nichts zu fürchten hat.  

Die Grundfesten der Selbstgewissheit

2021 war das Jahr, in dem die alte, graue Bundesrepublik mit ihren verschiedenen Gewalten, den demokratischen Ritualen, dem Parteienstreit bis aufs Messer und den unablässig an den Grundfesten der Selbstgewissheit der Regierenden schabenden, kratzenden und sägenden Medien endgültig verschwand. Und zugleich zurückkehrte, in bunten Fetzen, mit einem aufgemalten Lachen und bemüht, immer noch so zu tun als ob. Das Land absolvierte Lockdowns und Grenzschließungen, Sommerferien und Schulverbote, eine Impfhysterie und einen Bundestagswahlkampf, ohne dass je Ungewissheit darüber aufkam, dass es nirgendwo im Weltall besser läuft als hier. Und wären da nicht die, die das nicht glauben wollen, weil sie verblendet oder verführt waren, es liefe sogar nicht besser.

Einen ganzen Wahlkampf lang schunkelten Millionen in Illusionen. Man würde mit einem Kreuz die Welt vor dem Klimatod retten können. Man würde elektrisch fahren, vom Staat gefördert. Man würde mehr Mindestlohn  bekommen und für jede regionale Kartoffel auf dem Tisch ein dickes Fördergeld. Jeder zweite Herzschlag wird endlich „Respekt“ (Scholz) sein, jener große Bruder der Toleranz, der vom Schächten über das Beschneiden bis zum mittelalterlichen Aberglauben alles nicht nur duldet, sondern es lobt und rühmt als bewundernswerte Art zu leben, so ursprünglich, so regional und nachhaltig. Die EU werde demnächst „unseren Wertekanon erneuern“, hat die neue Außenministerin Annalena Baerbock zuletzt angekündigt, denn das sei schließlich „die Grundlage unserer gemeinsamen Zusammenarbeit“.

Führende Rolle der Bedeutung

Ein Satz, der die führende Rolle der Bedeutung bei der Durchführung aller Beschlüsse zentral in den Mittelpunkt stellt. Es gibt keine Alternative zum Leersprech von den Latifundien des Bionade-Adels, der aus allen Kanälen schwappte schlimmer noch als in all den Jahren zuvor, seit die Alternativlosigkeit des jeweiligen Regierungshandeln es gebietet, voller Hochachtung von jeder Entscheidung jeder Gebietskörperschaft als letztgültigem Durchbruch zu einer besseren Welt für Mensch, Tier, Atmosphäre  und kommende Generationen zu sprechen.

Das Wort „Corona“ stand auf keinem Wahlplakat, aber das stieß niemandem verdächtig auf. Kein Wort fiel ja auch irgendwo darüber, was wie werden würde im nächsten Jahr oder im übernächsten. Woher der viele Strom, woher die viele Dämmung, die vielen Milliarden, die neuen Gleise, die neuen Züge und das alles ohne ein Gramm CO2. Es ging um 2030 oder 3038, um 2050 und 1,5 Grad und gemeint war nicht  die für viele aus Kostengründen unumgängliche Absenkung der Wohnzimmertemperatur. Sondern eine Neuauflage des wenigstens im Osten der Republik gut bekannten Versprechens, dass bald  schon der Kommunismus ausbrechen werde, wenn nur. Wobei wieder nicht klar war, was. 

Noch ein bisschen mehr Planerfüllung

Nur noch ein bisschen mehr Planerfüllung. Nur noch ein bisschen mehr Zuversicht. Nur noch ein wenig weniger Braunkohle und Atom. Und schon ist sie da, die nachhaltige, regionale und vegane Fahrraddemokratie, über der das größte verfassungswidrig gewählte Parlament der Welt sitzt und streng darüber wacht, dass niemand es für irgendetwas verantwortlich macht.

Es sind immer die anderen, die abweichen, dem falschen Glauben folgen, der wiederum morgen schon die einzig wahre Lehre sein kann. Zum Zwecke der Vereinfachung der Erklärprozesse von oben nach ganz unten, mittlerweile Hauptaufgabe aller sich nur noch selbst ernstnehmenden Medien, kommt niemand mehr auf die Wahrheit von gestern zurück, wo es doch heute schon längst eine neue gibt.  Dafür ist das Personal vergangener Zeiten gefragt wie nie: Abba von null auf eins der Charts, „Wetten, dass…“ als Straßenfeger, Asterix geht weiter und beim Aldi gibt es Hendrix-T-Shirts.

Deutschland ist nun das Land des Friedrich Merz, des Olaf Scholz, der Claudia Roth und des Cem Özdemir, einer Generation Politiker, die ihre Zukunft lange hinter sich hatte, die waldorfschulige Schwäche der unbedarften Jüngeren aber konsequent nutzte, um doch noch dorthin zu gelangen, wo es sie schon immer hingezogen hatte. 

Eine neue Comeback-Kultur

Das der Korruption verdächtige (Der Westen) Krawattenmodel und die nachsichtige Besucherin des Mullah-Staates, der in den CumEx- und Wirecard-Skandalen getaufte Hardcore-Schröderianer und der trotz seiner Bemühungen um eine Abgrenzung nach rechts – „der Hohmann ist doch ein Rechtsradikaler“ – von Angela Merkel abgesägte und verbannte Friedrich Merz – sie stehen für eine Comeback-Kultur, die Anleihen beim glücklosen US-Präsidenten Biden nimmt, einer legendären Betriebsnudel des Washingtoner Geschäfts. Sie alle wollen nichts als das sein, was sie nun sind. Sie wollen nichts tun, nur tun dürfen, entscheiden, regieren. Durchkommen bis zum nächsten Mal.

Die Vorgängerin dagegen ist schneller und gründlicher verschwunden als noch jeder ihrer Vorgänger. Heute hier, morgen fort, Angela Merkel war zwar schon in den 18 Monaten ihrer Pandemieregierung nie mehr richtig da, im Jahr der vielen Vergangenheiten aber tauchte sie komplett unter, sobald der letzte Takt ihres Zapfenstreichs verklungen und die letzte der Fackeln verloschen war, die ihre Anhänger im den Hof des Verteidigungsministeriums entzündet hatten. Merkel ließ einen frisch aufgebauten Obrigkeitsstaat zurück, kregel wie schon lange nicht mehr und kaum noch maskiert. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Wer sich wehrt, lebt verkehrt, so schallt es aus den Gazetten und aus dem Gemeinsinnfunk.

Nichts Neues im Westen

Traditionell nichts Neues im Westen. Der fürsorgliche Staat sitzt in Deutschland immer mit am Tisch, er bekommt die dicksten Kartoffeln und den meisten Respekt. Nun aber hat er es sogar mal wieder auf die Stirnseite geschafft, getragen von der tiefsitzende Sehnsucht der Deutschen, Vater Staat, die gute der Mutter, werde nun nicht mehr nur ansagen, was sie essen sollen, wann sie essen sollen, wie viel sie essen sollen, wie schnell sie fahren dürfen, welche Maske getragen wann wirkt und welche Inzidenz gerade als wie beunruhigend mit Blick auf den R-Wert zu gelten haben könnte. Es scheint, sie sind nun wirklich auf den Geschmack gekommen, jetzt, wo sowieso niemand mehr glaubt, dass die da oben sicherlich schon irgendwie wissen, was los ist und was man am besten tun sollte.

Warum nicht so weitermachen? Warum nicht sich endlich alle Träume erfüllen, die schon so viele, viele Jahre geträumt werden in den Hinterzimmern der Parteizentralen, in den Kabinettsberatungen und Programmkommissionen der Wahlkampfberater? So sehr das Versagen der Schönwetterkapitäne auf der Brücke des Staatsschiffes nach beinahe zwei Jahren desaströser Notstandsadministration unübersehbar ist, so sehr wachsen ausgerechnet dort, wo peinliche Beschämung und Schuldgefühle herrschen müssten, die Begehrlichkeiten, die Gelegenheit zu nutzen. 

Keine roten Linien mehr

Endlich keine roten Linien mehr. Keine Grenzen, die Grundrechte ziehen. Keine Opposition, niemand, der auf die Straße geht und demonstriert und daraufhin angehört wird. Keine Kompromisse. Keine Zweifel. Keine Gerichte voller Winkeladvokaten, die das Notwendige unmöglich machen. Keine Alternativen. Keine fruchtlosen Diskussionen.

Die Corona-Pandemie, so schrecklich sie für alle ist, deren Leben sie beendet, zerstört oder gestört hat, hat der großen Politik in die Hand gegeben, wonach sie sich schon immer sehnte: Den Zauberstab, der die wildesten, verrücktesten und abseitigsten Wünsche erfüllt.

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