Anschwellende Mainstreamkritik

Alle sehen das gleiche, halten sich aber für bestens informiert (Bild: Netzfund)

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«Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche», so könnte man das Buch von Harald Welzer und Richard David Precht über die Dysfunktionalität der heutigen Medien zusammenfassen. Beide Autoren waren zunächst stramm auf Corona-Linie, Precht lobte den Gehorsam des Bürgers in einem Essay, Welzer forderte die Ungeimpften zu Solidarität auf. In ihrer Streitschrift monieren nun aber beide überraschend, dass die Debattenräume zu eng geworden sind, die veröffentlichte Meinung nicht der öffentlichen entspricht und dass Kritiker der Mainstream-Meinungen in einem Akt kollektiven Mobbings in Talkshows runtergeputzt werden. Was ist passiert? Es brauchte für beide Autoren die wohl heilsame Erfahrung, mal die Minderheitsposition einzunehmen, konkret zur Russland-Ukraine-Frage, um zu erkennen, dass im medialen Betrieb etwas nicht stimmt.

Auch Medienkritik muss erst mal durch die Medien durch, insofern ist das Buch der beiden Bestseller-Autoren strukturell notwendig; beide Stimmen sind noch nicht durch den Mainstream desavouiert worden, sie werden im Mainstream ernst genommen, mehr noch: bis vor kurzem wurde kaum jemand so verhätschelt, wie die beiden Alleserklärer. Und beide bemühen sich auch redlich, die Medien in Deutschland zunächst zu loben und den öffentlichrechtlichen Rundfunk zu preisen, die bittere Medizin also im Bonbon anzuliefern. Doch dann werden sie recht schnell deutlich: das Mediensystem lässt Öffentlichkeit nicht zu, sondern erschafft eine Scheinrealität; bekannte Mainstream-Journalisten wie Josef Joffe und Jochen Bittner von der Zeit oder Stefan Kornelius von der Süddeutschen Zeitung, tanzen nach der Pfeife transatlantischer Thinktanks, dazu hier ein Ausschnitt aus der ZDF-Satiresendung “Die Anstalt”:

Journalisten versuchen zudem wie bei einem Videospiel mit dem Cursor stets die vermeintlich korrekteste Meinung zu treffen, um sich das Lob von Kollegen zu erhaschen. Und all das, während eine Mehrheit der Deutschen laut Umfragen inzwischen glaubt, nicht mehr zu allen Themen frei die Meinung sagen zu können.

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Diese Ohrfeige an den Mainstream hat gesessen, wie die beleidigte Kritik an den beiden Autoren zeigt. Und in der Tat sind viele Teile des Buches erhellend, so zum Beispiel zur Frage, wie stark sich die Medienrealität in der Praxis von dem abgekoppelt hat, was Habermas einst als «herrschaftsfreien Diskurs» beschworen hat, nämlich ohne Ansehen der Person das beste Argument entscheiden zu lassen. Im Kern lassen beide Autoren keinen Zweifel daran, dass das aktuelle Mediensystem an Systemversagen leidet. Am schwächsten sind beide dort, wo sie sich an Nebenkriegsschauplätzen abarbeiten, wie der medialen Hetzjagd auf den Bundespräsidenten Christian Wulff, welcher dereinst mit inquisitorischem Eifer aus dem Amt gejagt wurde; ähnlich vibrationsarm sind die schon oft gehörten Auslassungen über Echokammern oder die Verflachung und Beschleunigung des Mediengeschäfts durch Twitter & Co.

Von den richtig heißen Eisen lassen sie die Finger: Wie steht es um die Machtkonzentration in den Medienbetrieben? Wie genau wird heute Konsens fabriziert? Wie durchsetzt ist der Medienbetrieb mit Propaganda, wenn ein Bill Gates über 300 Millionen Dollar an Medienbetriebe spendet? Die volksverhetzende Verunglimpfung von Ungeimpften durch Journalisten ist eher ein Randthema, ebenso wie die inzwischen weitverbreitete Zensur freier Medienkanäle auf Twitter, Facebook oder YouTube. Am Ende werben beide, ganz wie der neue Habermas, für einen öffentlichen europäischen Medienfonds sowie Presseförderung als Mittel gegen die selbstverursachte Misere. Die Versagermedien sollen an den Tropf. Schade: So ein langer Anlauf für einen so kurzen Sprung!

Richard David Precht, Harald Welzer: «Die Vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist», S. Fischer 2022. Diese Rezension erschien zuerst in der Weltwoche.


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