Atommüll für immer: Angst vor dem Ende

Die Baracke im Vordergrund rechts ist faktisch Deutschlands Endlager, sie darf nur nicht so heißen.

Die Stimmung ist gekippt, die neue Angst vor einem kalten Winter hat die alte abgelöst, die damals nach Fukushima dafür sorgte, dass ganz Deutschland wie ein Mann gegen die Atomkraft aufstand. Seit im Wetterbericht nicht mehr von heranziehenden strahlenden Wolken aus Fernost die Rede ist, sondern von abgesperrten Erdgasleitungen, ist Kernkraft wieder hoffähig: Umfragen zeigen eine Mehrheit für die Weiternutzung der Risikotechnologie, die bitter ausstiegsentschlossene Bundespolitik öffnet sich vorsichtig eine Hintertür zur atomaren Katastrophe und selbst in den Reihen der Grünen, die den Atomausstieg erfunden haben, bleiben nur noch Teile der Partei fest im Glauben, dass es auch so gehen wird.

Gelöste Endlagerfrage

Das Hauptargument der ungeachtet aller Gefahren für die Versorgungssicherheit weiterhin Ausstiegswilligen ist die ungelöste Endlagerfrage. Nirgendwo auf der Welt sei eine Möglichkeit gefunden worden, atomaren Müll so zu verstauen, dass er seine jahrtausendelange Abklingzeit verbringen könne, ohne Gefahren für Mensch und Natur heraufzubeschwören, heißt es in Gutachten, bei Greenpeace und bei Fachleuten der Bundesregierung. Ohne Endlager aber, wie Finnland es sich mit Onkalo gebaut hat, könne Kernkraft keine Zukunft haben.

Die Suche nach einem Ort, an dem der schwach-, mittel- und hochradioaktive Abfall für immer verklappt werden könnte, ist auch aus diesem Grund bis heute ergebnislos geblieben. Niemand will ein solches Endlager in seiner Nachbarschaft. Vor allem aber wollen die Gegner der Kernkraftnutzung nicht, dass es ein solches Endlager gibt. Über Jahrzehnte schon wird deshalb gesucht, mittlerweile mit einem Zeitplan, der bis in die Unendlichkeit reicht und gar nicht mehr versucht, eine Dringlichkeit für die Lösung der Endlagerfrage zu behaupten. Wichtig ist nur noch, dass es dauert. Denn akuten Bedarf für ein Endlager – supersicher, tief in Salz- oder Granithöhlen versteckt – gibt es nicht und es wird ihn auch niemals geben.

Es geht auch ohne

Denn Deutschlands Atommüll kommt gut so zurecht. Große Mengen liegen zum Beispiel in einer simplen Lagerhalle nahe der Ostsee im sogenannten „Zwischenlager Nord“, einem schmucklosen Zweckbau bei Lubmin, das noch von den DDR-Behörden geplant, 1992 von den Bundesbehörden genehmigt und 1994 bereits in Betrieb genommen wurde. Das Endlager, das seit 1999 eine Genehmigung hat, schwach- und mittelradioaktive Stoffe unbefristet und hochradioaktive Stoffe vorerst befristet bis zum Jahr 2039 zu lagern, besteht aus acht Hallen in einem 18 Meter hohen Gebäude, das nicht anders aussieht als ein Amazon-Logistikzentrum. 

Weit weg vom Widerstand

Drinnen liegt alles, was Deutschland nicht anderweitig los wird, direkt am Strand der Ostsee, unbehelligt von Protesten und ohne dass irgendjemand vorhat, die Nutzung der „Zwischenlösung“ in absehbarer oder unabsehbarer Zukunft zu beenden. Experten, soweit es sie noch gibt, wissen, dass ein Lager, das 30 Jahre hält, auch 60, 100 oder 200 Jahre zu seinem Zweck taugt. Hin und wieder mal eine Sanierung, ab und zu neue Farbe an die Wand. Fertig. Geht doch. 

Wenn die heutige Generation die Schnellbau-Baracken als Ersatz für einen tausende Meter tiefen Salzstock oder ein Erzbergwerk nehmen kann, dann werden künftige zweifellos auch aufmerksam genug sein, den Betrieb zu ihren Lebzeiten ebenso abzusichern. Reicht der Platz nicht mehr, lassen sich neue Lagerhäuschen bauen, jede Menge sogar, den Platz hat Vorpommern genug.

Niemand stört den Atommüll

Hier oben im äußersten Norden des Ostens, wo nicht einmal Urlauber in nennenswerter Zahl hinkommen, stört sie auch keiner dabei. Die nächsten größeren Städte liegen 100 Kilometer entfernt. Die beiden deutschen sind eher klein, die einzig nennenswert große ist bloß polnisch. Es gab nie Proteste oder gar die Art bockigen Widerstand, den die letzte Generation pflegt. Die westdeutsche Zivilgesellschaft, die sich engagiert und blockiert und Sorgen hat, das nächste Fukushima könne sich vor der eigenen Haustür abspielen, war immer weit weg, sie ist weit weg und wird weit weg bleiben.

Wenn nicht, ja wenn nicht bei der großen deutschen Endlagersuche, die in den nächsten 20, 30 oder 50 Jahren vollführt werden soll, der Blick nach Lubmin gehen sollte. Geologisch ist die Region zwar ein ungeeignetes Gebiet, hier lässt sich nichts verbuddeln oder vergraben, hier muss alles an Deck bleiben und wer weiß, Mann der erste Klimatsunami über die Ostsee heranfegt und auf das nur 1,5 Kilometer vom Strand errichtete Lager knallt. Den geplanten Neubau einer zweiten Halle, diesmal sogar gesichert gegen „Terrorangriffe“ (DPA), hat die deutsche Anti-Atomkraftbewegung gerade noch geduldet, wenn auch grabestief schweigend.

Sollte jedoch das Wort „Endlager“ fallen, entweder, weil der Einfachheit halber gleich hier eins errichtet werden soll oder, noch einfacher, das vorhandene seinen Tarnnamen verliert, dann wäre was los. Denn ein Endlager, das auch so heißt, darf es nicht geben, nirgendwo. Schließlich ist sein Fehlen ein fester Bestandteil der Ausstiegsfolklore.

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