Auch eine demokratische Zumutung

ANALYSE. Warum es so wichtig ist, dass Meinungsforschungsinstitute und Medien aufhören, mit zweifelhaften Umfragen zu arbeiten.

Vor einer Woche wurde hier auf zwei widersprüchliche Umfrageergebnisse zur Tiroler Landtagswahl hingewiesen: Einmal kam die ÖVP auf 25,3 Prozent, einmal auf 35 bis 39 Prozent. Wobei zum Seltsamen gehörte, dass die Befragungen beinahe zeitgleich durchgeführt wurden. Das Ergebnis ist bekannt, die Volkspartei erreichte beinahe 35 Prozent. Was nicht bedeutet, dass die eine Umfrage, die dem sehr nahe kam, methodisch besser war. Es könnte sich genauso gut um einen Zufall handeln. Zumal sie mehr als drei Wochen vor dem Urnengang durchgeführt worden war und sich in der Zwischenzeit wohl das eine oder andere verändert hat.

Abgesehen davon ist die Qualität schlicht kaum bis gar nicht nachvollziehbar. Zweifeln lässt etwa die Tatsache, dass die meisten Erhebungen vor der Landtagswahl online erfolgten. Und dass damit auf Richtlinien gepfiffen wurde, die der Verband der Markt- und Meinungsforschungsinstitute festgelegt hat. Sie sehen vor, dass auch telefoniert wird. Aus gutem Grund: Nicht alle sind online erreichbar. Statistik Austria hat für das Jahr 2020 beispielsweise erhoben, dass bei den 65- bis 74-Jährigen 23,4 Prozent der Männer und gar 38,3 Prozent der Frauen gar nie „im Netz sind“, wie man so sagt.

In Tirol war es so gesehen schwer bis unmöglich, bei insgesamt ohnehin nur 600 Befragten (übliche Größe), durch eine reine Onlinebefragung momentane Mehrheitsverhältnisse punktgenau (geschweige denn auf eine Kommastelle genau) festzustellen. Zumal sich nach der Wahl zeigt, dass vor allem ältere Frauen die ÖVP vor einem größeren Absturz bewahrt haben; dass die Partei bei ab 60-Jährigen überhaupt beachtliche 50 Prozent erreichte (während sie bei Jüngeren keine 20 Prozent schaffte).

„Einige der veröffentlichten Umfragen waren nichts als methodischer Schrott“, sagte Peter Filzmaier am Abend nach der Tiroler Wahl. Recht hat er. Wobei es nicht darum geht, dass einem eine Lust auf Umfragen genommen wird. Es handelt sich vielmehr um eine demokratische Zumutung: Die Unverschämtheit ist, dass auf Basis von Schrott quasi vorgegaukelt wird, wie die Menschen ticken.

Umfragen sind wichtig, um belastbare Stimmungsbilder erhalten zu können. Aber es muss sich eben um belastbare handeln. Das bedeutet, dass sie größtmöglichen Qualitätskriterien gerecht werden müssen; und dass sie im Sinne der Transparenz ebenso transparent sein müssen – irgendwelche Prozentwerte zu veröffentlichen, bei denen es sich zudem nur um Hochschätzungen handelt, reicht nicht.

Die vorherrschende Praxis grenzt an Wählerbetrug, ist in jedem Fall aber fahrlässig gegenüber dem Souverän: Wenn einer Tiroler ÖVP auf zweifelhafter Grundlage 25,3 Prozent ausgewiesen werden, löst das etwas aus; einige bekommen vielleicht Mitleid mit ihr und wählen sie allein deswegen, andere rennen unter Umständen erst recht davon. Mit 25,3 Prozent geht in jedem Fall eine Information einher, die Einfluss hat. Schon von daher ist es wesentlich, dass sich Wählerinnen und Wähler darauf verlassen können, dass ihnen eben (einigermaßen) Belastbares vorgelegt wird.

Mehr denn je notwendig ist das aber auch im Hinblick darauf: Politik wird immer stimmungsgetriebener. Auch in einer repräsentativen Demokratie kann sie sich dem nie ganz entziehen. Es gibt soziale Netze, in denen sich Meinungsbildungen beschleunigen und so sehr verstärken, dass Politik darauf reagieren muss. Besser ist es für sie bei alledem, sie kann agieren, weil sie Veränderungen in den Stimmungslagen frühzeitig erkennt – durch Umfragen.

Wobei es wiederum (zum Beispiel) Präsidentschaftskandidaten gibt, die Umfragewerte, die ihnen passen, gezielt einsetzen, um etwa eine Entlassung der Bundesregierung zu begründen – mit dem Hinweis, dass es keine Mehrheit mehr gebe für ÖVP und Grüne. Abgesehen davon, dass das kein Kriterium sein kann (es steht nirgends, dass eine Mehrheit, die bei einer Wahl erreicht wurde, über eine gesamte Legislaturperiode halten muss), sollte man vorsichtig sein: Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Türkis-Grün nach einer Wahl am kommenden Sonntag nicht mehr ausgehen würde, wissen tut man jedoch gar nichts. Siehe Tirol, wo Ende August, Anfang September nicht nur die eine Umfrage 25, 26 Prozent für die ÖVP auswies, sondern dies immerhin drei von vier Umfragen getan haben.

PS: Wie’s geht, beweisen bei der Bundespräsidenten-Wahl hier etwa das Meinungsforschungsinstitut „Unique Reseach“ sowie das Nachrichtenmagazin „profil“ und die Gratiszeitung „Heute“ – inklusive Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit, dass Wähler einem bestimmten Kandidaten ihr Stimme geben, Rohdaten etc.  

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