Bänkelsänger für das Parlament: Hofnarren gesucht

Eine kleine diverse Kapelle nur bräuchte der Bundesbänkerlsänger, um seines Amtes zu walten. Und jeder Euro wäre gut investiertes Geld.

Dunkle Tage, schwere Zeiten, eine ganze Nation auf Wahrheitssuche. Wo ist der Unterschied zwischen einem frisch Geimpften und einem Geboosterten? Was überhaupt bedeutet „frisch“? Wieso schlagen Tests bei Ungeimpften besser an als bei Geboosterten, selbst wenn die nach früheren Festlegungen gerade noch nur doppelt und damit nach den neuen EU-Verfallsverordnungen unter Umständen überhaupt nicht mehr geimpft sind? Und weswegen fallen alle diese Menschen, Impfwillige und Durchgeimpfte, aber Ungeboosterte, niemals aus der Impfstatistik. Selbst wenn ihr letzter Piks so lange zurückliegt, dass das ehemals rein technische Ablaufdatum des Impfzertifikats von modernen Luca-Scannern selbst für die Staatsanwaltschaften nicht mehr ausgelesen werden kann?

Nach unten besser erklären

Es ist Zeit für umfassende Reformen der Regierungsbemühungen, die gute Politik von oben nach unten noch besser zu erklären. Kanzler Olaf Scholz versucht es, indem er sein „Team Olaf Scholz“ bei Twitter nur noch Festtagsgrüße übermitteln lässt. Die Gemeinsinnmedien zählen die Infektionszahlen, erläutern die Weisheit der wegweisenden neuen Regeln und loben die Kontinuität deutscher Regierungsarbeit. Mögen auch die Handelnden gewechselt haben, die Handlungen sind dieselben: Hart und weich zugleich, drastisch und freiheitlich, symbolische Zeichen, die es dem Virus unmöglich machen werden, sich an Kneipentischen zu verbreiten.

Aber reicht das? Ist das genug, eine tief verletzte Nation zu heilen? Den Rechtsextremismus und das Spaziergängertum zu bekämpfen? Impfverbrecher auszugrenzen, wie es ihnen gebührt, sie aber nicht fallen zu lassen, ohne ihnen die Chance zu geben, zurückzufinden in die Solidargemeinschaft? Die Autor*innen Svenja Prantl, Frauke Hahnwech und und Frank-Ludwig Kapitelmansard glauben es nicht.

Bänkelsänger im Kanzleramt

Die drei vor allem für ihre pointierten Sach- und Fachartikel im Internet* bekannten Feuilletonist*innen fordern deshalb jetzt im Zuge der aktuellen Welle der Bundesbeauftragtenernennungen die Schaffung der Funktion eines Bänkelsängers im Bundeskanzleramt, der künftig gemeinsam mit dem/der neuen  Parlamentspoetin im Bundestag, dem Hofnarren des Bundespräsidenten und den Wahrsagern und Horoskopisten von RKI, Innenministerium, EU-Kommission, Stiko und Nato zusammenarbeiten soll.

Für Svenja Prantl, die als ausgewiesene Kennerin des Bundesbeauftragtenwesens mit derzeit 39 Bundesbeauftragten und -Koordinatoren gilt, ist die Schaffung des Bänkelsängerpostens unumgänglich gerade in Zeiten, in denen KLunst und Kultur seit zwei Jahren vor dem Neustart stehen.  „Unsere  Demokratie braucht auch diese weichen Standortfaktoren“, sagt die selbst vielfältig kulturell tätige Digitale Nomadin. Grundlage der Idee der Schaffung einer solchen Bänkelgesangsbeauftragtenstelle sei die Forderung von Autorenseienden gewesen, endlich einen Bundestagspoeten zu ernennen. 

Das fanden wir gut, aber zum alten deutschen Kulturverständnis gehört eben nicht nur das Gedicht, sondern auch der Gesang“, sagt Prantl, die mit dem zuletzt durch Rechtsstaatszweifel auffällig gewordenen früheren SZ-Schriftführer weder verwandt noch verschwägert ist.

Niemand will ohne Gesang leben

Frank-Ludwig Kaptelmansard, der über die FDJ-Singebewegung der DDR zur Laute kam, unterstützt diese Sichtweise. Zu Beginn der Menschheitsgeschichte habe es Leute gegeben, die konnten gut jagen. Andere hingegen hätten gut singen können. Dass das Ansehen der ersteren höherrangig gewesen sein, halte er immer noch für ein Versäumnis der damaligen Machthaber in den einzelnen Stämmen und Sippen. „Man kann vom Gesang vielleicht nicht leben, aber will man ohne Gesang leben?“, fragt der Brandenburger Liedermacher. 

Die aus Sachsen stammende Frauke Hahnwech schüttelt entschieden den Kopf. Als vereidigte Gebärdendolmetscherin ist sie immer wieder mit arhythmischen und asymptomatischen Äußerungen in der Politik konfrontiert, die in ihr den Wunsch weckten, Politik in einer andreen Dimension erleben zu wollen. Zwar sei es der neuen Bundesregierung gelungen, den Kurs des ausgeschiedenen Kabinetts beizubehalten und Entscheidungen von großer Rätselhaftigkeit mit Maßnahmen zu kombinieren, die viel vom Glauben der Handelnden an Magie, Homöopathie und die Wundertätgkeit von Wünschen verraten. „Aber ein Bundesbänkelsänger, der neue Vorordnungen zu einer schönen Melodie vorsingt, könnte der Gesellschaft eine Selbstvergewisserung geben, die klarmacht, wer wir als Menschen sind, was wir zu bewältigen haben und wie wir uns unsere gemeinsame Zukunft vorstellen.“

Eine Landschaft von Kunstmehrwertschaffenden

Den drei Initiatoren schwebt dabei aber vor, das Amt des Bänkelgesangsbeauftragten einzubetten in eine ganze Landschaft von Kunstmehrwertschaffenden, die das, was Politik anrichtet, kunstvoll verarbeiten und nach außen tragen. Neben der Parlamentspoetin und dem Bundesbänkelsänger solle ein Hofnarr angestellt werden, dazu brauche es eine umfassende Reform des Wahrsagerwesens und wenigstens in den Verfassungsministerien jeweils zuständige Verantwortungsträger für Jux und Dollerei. „Sie könnten eine Brücke zwischen Parlament, Regierung und Gesellschaft bauen.“

An der fehle es derweil, denn seit mit Karl Lauterbach der führende deutsche Talkshow-Politiker die Seiten gewechselt habe, würden Epidemiologen, Medizinstatistiker, Virologen und Wissenschaftsjournalisten gezwungen, sich ausschließlich miteinander zu unterhalten. „Sie reden dabei oft in technischen, störrischen Sätzen, die kaum noch etwas mit gelebter Sprache zu tun haben“, beklagt Frauke Hahnwech. Hier wären Raum und Platz für Bänkelsänger, Hofnarr und die Parlamentspoetin bzw. den Parlamentspoeten: „Als Person von außen, die aber einen exklusiven Zugang hat, könnten sie die Sprache der Macht für die Menschen draußen im Lande in hübsche Gedichte, fesselnde Sketche und Mitsingmelodien übersetzen.“

Poesie gegen Populismus

Viel brauche es nicht, um politische Debatten so in gesellschaftliche Debatten zu übersetzen. Nach Berechnungen des Initiativkreises wäre ein Bundesdichteramt mit vier, fünf Vollzeitstellen fürs Erste ausreichend gerüstet, um mit der Poesie der Sprache in aktuelle Konflikte wie etwa die Debatte über die Impfpflicht einzugreifen und poetisch konkret gegen Populismus Front zu machen. 

Der Bundesbänkelsänger®© benötige zwar zumindest eine kleine Band für größere Auftritte, doch wenn man sich anschaue, unter welcher Spannung die Bundesrepublik stehe, sei jeder Euro hier gut investiertes Geld: Der Regierungstroubadour, mit Klampfe, Rückenpauke und Schellenring, werde bei idealer Erstbesetzung schnell ein Anwalt des Volkes werden, der den Finger die Wunde lege und zeige, wo der gemeinsame Weg hinführe. Das natürlich in Zusammenarbeit mit dem neuen Hofnarren, dessen Aufgabe es wäre, wider den Stachel zu löcken, die Narrenkappe in Würde zu tragen und Menschen neu für die Pandemiepoltik und den Energieausstieg zu begeistern.

Eine Bänkelgesangsbrücke

Natürlich müsste der Bundestag sich ein gutes Auswahlverfahren überlegen und das Amt ausschreiben. Würde ein*e Bundesbänkelsänger*in auch den Graben zwischen Politik und Kultur, der sich in der Corona-Pandemie gezeigt hat, wieder schließen können? Prantl glaubt, dass dieser Bruch nicht erst in der Corona-Zeit entstanden ist. „Uns fehlt schon viel länger ein kulturelles Herz, wie es früher Kulturschaffende wie Grönemeyer, Westernhagen, Niedecken, Naidoo und Smudo bildeten“, sagt sie. Dass bei den widerrechtlichen Spaziergängen im Land „Freiheit“ von Westernhagen gespielt und gesungen werde, zeige die große Sehnsucht der Menschen nach künstlerischer Gesellschaftserklärung. 

Die Arbeit, die Künstlerinnen und Künstler für die Gesellschaft leisten, wird zwar häufig vorausgesetzt, aber schon seit dem Ende der DDR nicht mehr direkt staatlich gefördert.“ Liedermacherei, Bänkelgesang und das politische Lied würden eher als Zierde wahrgenommen und nicht als Kern einer offenen Gesellschaft und der Demokratie. Selbst im Ausland werde Deutschland heute zwar als starke moralische Kraft und Staat mit ehrgeizigen Klimazielen wahrgenommen, aber nicht mehr als das Land der Dichter, Denker und singenden Poeten. 

Baustein gegen industrielle Starfiguren

Viel zu vieles kapriziere sich auf privatwirtschaftlichen Gängsta-Rap, industriell angefertigte egomanische Starfiguren und leichte Radiomusik ohne Botschaft.“ Ein Bundesbänkelsänger allein werde das nicht ändern, aber er oder sie könne ein Baustein dafür sein, sich gegenseitig wieder mehr zuzuhören. „Wenn die Person, die das Amt ausübt, jedes Jahr wechselt, gäbe es zwischen zwei Bundestagswahlen vier verschiedene Bänkelgesangstile“, sagt Frauke Hahnwech, „werden auch Parlamentspoet und Hofnarr regelmäßig ausgetauscht, könnte das schon einiges bewirken.“

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