Bundesbehördenansiedlungsinitiative: Im Zentrum für Verhöhnungsforschung

In diesem alten Kaufhaus in Dunkelstadt, das nicht mehr gebraucht wird, nimmt das Zentrum für Verhöhungsforschung in Kürze seine Forschungsarbeit auf.

Innenpolitik, Außenpolitik, Krieg und Frieden, Covid-19, Klimawandel, positiver Populismus und nicht zuletzt der Energieausstieg machen die Frage, wie Verhöhnung funktioniert wie Verächtlichmachung immer weitere Bereiche der Gesellschaft zerfrisst, hochaktuell und brandrelevant. 

Im Zuge der großzügig finanzierten Bundesbehördenansiedlungsinitiative erfolgte deshalb schon im vergangenen Jahr, noch angestoßen durch die Große Koalition, die Gründung des Zentrums für Verhöhnungsforschung, das jetzt im kleinen brandenburgischen Städtchen Dunkelstadt seine Forschungsarbeit aufgenommen hat. Gemeinsam mit verschiedenen Partnerorganisationen, zivilen Initiativen und Forschergruppen aus anderen betroffenen Staaten werden die Forschenden der Denk- und Beobachtungsfabrik künftig Verhöhnungspraktiken interdisziplinär und vergleichend in unterschiedlichen kulturellen, sozialen und regionalen Kontexten analysieren.  

Ein völlig neues Wissensgebiet

Ein völlig neues Wissensgebiet, das allerdings durch offizielle Anerkennung der Verächtlichmachung als neuem Straftatbestand eine akute Dringlichkeit bekommen hat. Der neue Phänomenbereich „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ war erst vor einem Jahr entdeckt worden. Zuletzt hatte jedoch die DDR Erfahrungen mit der seinerzeit noch „Staatsverleumdung“ genannten Praxis gemacht, öffentlich verächtlich über staatliche Funktionäre oder Institutionen zu sprechen und sie so „durch verächtlich machende Bemerkungen oder verleumderische Behauptungen herabzuwürdigen.“

Wie genau das unter den heutigen Bedingungen funktioniert, wie Verhöhnungsprozesse sich aufschaukeln und gegenseitig verstärken können, damit wird sich das Dunkelstadter Forschungszentrum beschäftigen. Am Zentrum für Verhöhnungsforschung (BfVZ) werden sich nach dem kompletten Aufwuchs der Gesamtbelegschaft mehr als 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der herausragenden gesellschaftlichen Bedrohung befassen, als die die Verhöhnung mittlerweile wieder begriffen wird. 

Breiter Analyseansatz

Die Forschenden kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen, denn der umfassenden Analyse von Verhöhnungsfällen ist nur beizukommen, indem breite Ansätze gleichermaßen verfolgt werden. Neben Hassforschern werden deshalb auch Soziologen, Kulturanthropologen, Hasshistoriker, Theologen, Philologen, Philosophen sowie Literatur-, Medien-, Rechts- und Politikwissenschaftler in Dunkelstadt arbeiten. Es gehe um Lehren aus der Gegenwart, sagt Gunnar Schadeweit, der zum Gründungsleiter  des BfVZ berufene frühere Vorsitzende der Stabsstelle eins bei der Jury zur Vergabe des Max-Zimmerring-Preises für Alltagsmut.

Seitdem die Finanzierung steht, erarbeiten wir uns langsam nicht interdisziplinär und international Zugang zum Thema, sondern auch aus der empirisch-theoretischen Richtung“, bestätigt der gebürtige Rheinländer. Um in die Region zu wirken, die als Hochrisikogebiet gilt, plane das BfVZ für die Zukunft ein breites Spektrum an Veranstaltungen, Events, Kongressen und Kooperationen mit lokalen Partner*nnen und ortsansässigen Behörden, die die Menschen abholen sollen, wo sie sind. 

Die schlafenden Hunde der Verhöhnung

Jetzt schon zeigt die Ansiedlung erste positive Effekte im gesamten Umland. Durch den fakultätsübergreifenden und transdisziplinären Forschungsansatz war es möglich, direkt in Dunkelstadt Jobs für Hausmeister, Empfangsfoyer und Hauspostboten zu schaffen. Später sei geplant, sich als Exzellenzcluster zu bewerben, um den Zuschlag für zusätzliche Mittel für einen modernen Laboranbau zu erhalten, in dem die Resultate der Forschungsarbeiten in konkrete Handlungsrichtschnüre für die Umsetzung im alltäglichen Meinungsfreiheitskampf zwirnen. Gunnar Schadeweit rechnet nicht mit schnellen, aber mit überzeugenden Resultaten in absehbarer Zeit. „Wir haben intern einen Plan, wann wir in die Umsetzungsphase gehen“, sagt er. Es sei aber noch zu früh, mit einer Ankündigung schlafende Hunde zu wecken.

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