Bundespräsident: Der Held der Hinterzimmer

Walter Steinmeier plante vor Jahren angeblich, sich nur noch „Frank“ zu nennen. Doch das waren fake news, mit denen bekannte Adressen dem beliebten Politiker schaden wollten.

Die Wahl die Bundespräsidenten, sie ist immer schon eine absolut überraschungsfreie Veranstaltung.  Den Regeln nach, die nirgendwo niedergeschrieben stehen, wird in angemessenem Anstand zum anstehenden Wahltag ein Name ins Spiel gebracht, die Form darf frei gewählt werden, ein Interview geht, ein Tipp an die Presse, der auserkorene Kandidat wird irgendwo mehr mehrfach erwähnt. Den Rest erledigt die Berliner Politroutine: Wird er’s denn nun  wirklich?, fragen die Gazetten auftragsgemäß bei allen Beteiligten ab. Binnen weniger Tagen bildet sich ein sich das kommende Wahlergebnis ab. Ja, er wird es. Das war immer so.

System der Favoritenauslese

Nie war es eine sie, auch wenn auch kosmetischen Gründen ab und an eine antrat. Nie aber gelang es einem Kandidaten bisher, das System der Favoritenauslese auszutricksen, indem er sich selbst ins Spiel brachte. Walter Steinmeier aber, nach Stationen als Kanzleramtsminister, Außenminister und glückloser Kanzlerkandidat eine Betriebsnudel der Postdemokratie, wagte den großen Wurf: Als unter der Überlast von Corona. Regierungsbildung, Energiepreisexplosion und gefühlter russischer Winteroffensive in der Ukraine niemand Zeit hatte, ihn für eine zweite Amtszeit ins Spiel zu bringen, machte der 66-Jährige das eben einfach selbst.

Ein Manöver von ausgesuchter Raffinesse. Hätte zuvor jeder begründen müssen, warum es die Schneeeule der deutschen Arbeiterbewegung noch einmal machen sollte, wo sie doch das erste Mal nur nominiert worden war, weil Margot Käßmann der SPD einen Korb gegeben hatte, musste nun jeder sagen, warum denn nicht. Ein Unterfangen nahe an der Unmöglichkeit, denn Steinmeier hat sein Amt im Unterschied zu vielen seiner Vorgänger stets genau so ausgefüllt, wie er es fühlte. 

Ein Bürokrat mit dem Charisma eines Aktenschrankes, der die Sprechweise seines früheren Chefs Gerhard Schröder bis heute imitiert. Steinmeier kann Unschlüssigkeit als Besonnenheit und kaltes Blut als Nachdenklichkeit ausgeben. Nie gehen ihm die Pferde durch, er selbst aber manchmal als Parodie. Etwa als Steinmeier in der NSA-Affäre mit großer Würde sprach: „Wir haben nie geglaubt, dass der US-Nachrichtendienst die Meldungen der BND-Agenten in sein Poesiealbum kleben würde.

Sahen Weizsäcker, Herzog, Köhler und Gauck ihre Aufgabe darin, staatstragende Reden von oben nach unten zu halten, gelegentlich aber auch mahnende Worte quer hinüber zu den anderen Grundrechtsträgern zu sprechen, gab es für den Mann, den seine Gegner einst hatten zum Gespött machen wollen, indem sie ihm unterstellten, seinen Vornamen stromlinienförmig kürzen zu wollen, nie eine Versuchung, anderes zu tun, als von der Kanzel zu denen zu predigen, die ihr Glück noch immer nicht fassen können, im „reichsten Land der Erde“ (ZDF) leben zu dürfen.

Nie außerhalb der politischen Blase

Steinmeier, der nie außerhalb der politischen Blase einer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist, gilt in seinen Kreisen als Vollfunktionär, der überall funktioniert wie ein Uhrwerk. Für seinen ersten Kanzler Gerhard Schröder schrumpfte er den Sozialstaat, für Angela Merkel (CDU) vermied er als Außenminister die Rücküberstellung des in Bremen geborenen Terrorverdächtigen Murat Kurnaz aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo, „obwohl es keine Belege für angebliche terroristische Aktivitäten von Kurnaz gab“ (Spiegel). Als es angebracht schien, nannte er den US-Präsidenten  einen „Hassprediger“ und als herauskam, dass US-Geheimdienste in Deutschland flächendeckend bis ins Kanzleramt spionierten, wusste er gar nicht mehr, dass er das alles schon 2002 abgesegnet hatte.

Ein idealer Kandidat für den Übergang in die neue Normalität, dieser Mann, der schon als „Teflonpfanne“ (PPQ) beschrieben wurde, als er noch keine Weihnachtsansprache gehalten hatte.  Steinmeier bringt mit, was gefragt ist: Er kann einschläfern, mahnen, er hat sich in einer Sendung der „Tagesschau“ sogar schon selbst aufmerksam zugehört

Niemand wirft ihm vor, dass er es mit dem Maskentragen nicht immer so genau nimmt. Walter Steinmeier ist ein unbequemer Geist, der sich den allgemein geltenden Regeln auch mal entzieht, indem er mutig vor dem „Auseinanderbrechen des Internets und dem weiteren Auseinanderdriften der Weltregionen in technologischen Fragen“ warnt und deutsche Spielregeln zur Durchsetzung einer „zivilisierten Debattenkultur im Internet“ weltweit in Anschlag bringt. Den „überzeugten Antinationalisten“ (Spiegel) damals ins höchste Staatsamt einer Nation zu hieven, zeugte von Angela Merkels feinem Sinn für einen Humor, über den nur sehr wenige, die aber sehr herzlich lachen können.

Ein gute Entscheidung

Die zweite Amtszeit für Steinmeier wird deshalb allenthalben als „eine gute Entscheidung“ (Tagesspiegel) beklatscht, mit der, das ist ja am wichtigsten, „die Ampelparteien zufrieden sein“ können, weil nun die lästige „Bellevue-Personalie abgehakt ist“ (Tagesspiegel). Ein Hochamt der Demokratie im Grunde, wenn auch der Umstand, dass Walter Steinmeier immer noch ein Mann ist, „männlich, weiß und alt“ zudem, für Gewissensbisse sorgt. Kann das? Sollte nicht? Müsste nicht? Reicht es, jemanden zu haben, der in Zeiten schwindenden Lichts ein Amt so unauffällig verwaltet, dass es keinen Schaden nimmt? 

Wenn, dann aber  nur dieses Mal noch. Unabdingbar sei für die Wahl des alten Bundespräsidenten als neuer, dass alle Beteiligten die Krönung „im Februar mit einem inneren Schwur verbinden“, rät das Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Das nächste Mal sollte das Staatsoberhaupt endlich eine Frau werden.

Margot Käßmann, die vor fünf Jahren nicht gewollt hatte, wäre in fünf Jahren auch nur wenig älter als ihr Nachfolger als Kandidat, der dann ihr Vorgänger im Amt wäre.

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