Bundesworthülsenfabrik: Bingobrett für den Pandemiekampf

 

Querdenkern“ und „Corona-Leugnern“, „Wirkstoffverstärkung“, „Blitz-Booster“, „Impfzauderer“ und „Corona-Maßnahmen“, „Viertimpfung“ und „Piksverweigerer“ – in kaum einer gesellschaftlichen Krise ist es der Bundesworthülsenfabrik in Berlin (BWHF) so überzeugend gelungen, den politischen Bedarf an  Nahkampfbegriffen für die gesellschaftliche Schlacht um die Deutungshoheit  auf so überzeugende Art und Weise zu befriedigen wie in der Corona-Krise, auch das übrigens eine Schöpfung der Worthülsendreher, Begriffschmiede und Semantikschleifer des früheren VEB Geschwätz.  

Lieferkettenstau bei der BWHF

Allerdings geriet auch die in den letzten Jahren schon so oft bis an die Grenze ihrer Produktionskapazität geforderte Bundesanstalt in Pandemietagen mehr als einmal in Situationen, die eine Bestellungstriage nötig machte. Wichtige Aufträge, etwa aus dem Bundesgesundheitsministerium, wurden dann vordringlich bearbeitet. Andere Hülsenprägungslose, zum Beispiel zum brennenden  Thema Klima und aus Sachsen, blieben zum Teil wochenlang liegen.

Für BWHF-Chef Rainald Schawidow auf Dauer kein Zustand. „Wir wissen genau, dass Medien prägnante Begriffe brauchen, um gesellschaftliche Situationen und akute Konfliktlinien zutreffend beschreiben zu könne“, sagt der erfahrene Wortschmied, der persönlich bereits Pate stand für Klassiker wie „Rettungsschirm“, „Energiewende“, „Schuldenbremse“ und „Wachstumspakt“, aber auch für die an die Soundsprache des Jazz angelehnte „Obergrenze mit atmendem Deckel“. Diesmal aber griff Schawidow nicht selbst ein, vielmehr initiierte er eine Ideenmesse, wie es sie seinen Aussagen zufolge während seiner Lehrzeit  im VEB Geschwätz, dem volkseigenen Nachfolgebetrieb des hitleristischen BWHF-Vorgängers Reichsworthülsenamt, alljährlich gegeben habe. 

Wettbewerb um Worthülsen

Gerade die jungen Mitarbeiter:(/654innen des Hauses bekommen in diesem Wettbewerb die Gelegenheit, ihre pfiffigen Vorschläge und smarten Geistesblitze einzubringen, außerhalb der üblichen Beratungsrunden, Verbalschweißwerkstätten und eiligen Notgeburtsaktionen. Zuletzt verdankte die BWHF dringliche Neuschöpfungen wie „Heißzeit“, „Klimanotstand“ und „CO2-Abgabe“ den Vorschlägen junger Mitarbeitenderen.  

Uns als Hausleitung ging es aber diesmal hauptsächlich um eine Neuaufstellung unserer Produktionsprozesse als breite Graswurzelbewegung.“ Ihm, sagt Schawidow ohne jede Angst vor  historischen Missverständnissen, habe eine Art Verbalvolkssturm vorgeschwebt. „Ein Mach mit, mach’s nach, mach’s besser“, beschreibt er, dem das Wort „Volkssturm“ keinerlei Gewissensbisse macht. „Das Wort hat unser Vorgängerbetrieb  Reichsworthülsenamt (RWHA) 1943 zur Welt gebracht“, sagt er, „die Zeiten waren so und daran gibt es nicht zu rütteln.“ 

Suche nach Bedeutungssprengkraft

Geht es nach Deutschlands höchsten Politwortfinder, wird sich das künftig ändern. Denn in der Stunde der Begriffsnot haben Schawidows „junge Leute“, wie er sie nennt, jetzt Wegweisendes geleistet. Statt die für den bundesweiten Bedeutungskampf gerade in der Corona-Pandemie benötigte Begriffsmunition weiterhin  mühevoll in Handarbeit herzustellen, programmierten die jungen Hülsendreher, Wortschmiede und Adjektiv-Assistenten „einfach eine App“, wie Schawidow voller Hochachtung und Respekt erzählt. Die erlaube es, automatisiert und durch eine Künstliche Intelligenz gesteuert neue Worthülsen zu drechseln. „Und das geht so gut, dass wir als Leitung der BWHF sofort gesagt haben, damit gehen wir raus, damit kann jeder uns helfen, griffige neue Geschosse mit hoher Bedeutungssprengkraft zu finden.“

Hausintern als „Bingobrett“ bezeichnet, ist die neue App als „Pandemiebekämpfungsbegriffsbaukasten“ (PBBBK) offiziell in allen App-Stores zu finden. Auch Rainald Schawidow ist mit dem offiziellen Namen nicht ganz zufrieden, er verweist aber auf EU-Recht, das den populären Namen Bingo weitgehend schütze. „Auch wir als untere Bundesbegriffsbehörde können nicht machen, was wir wollen“, klagt Rainald schawidow, der darauf setzt, dass die überragende Funktionalität der PBBBK-App die kleine Smartphone-Anwendung trotz des etwas sperrigen Namens in den Download-Charts ganz nach oben katapultieren wird. „Dann hat jeder Bürgerin und jede Bürger ein wunderbares Instrument für sich daheim zu Verfügung, um neue Pandemiebekämfungsbegriffe beizusteuern“, äußert er seine große Hoffnung auf einen Neustart im Symbolkampf gegen Corona.

 

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