Corona-Hetze: Ein neuer Kampfbegriff im Viruswaffenschrank

Premiere feierte die neue Worthülse beim sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer.

Sie jammern, sie schreien, sie fordern Sonderrechte, sie gerieren sich als Opfer, schimpfen auf die Regierung, die Länderparlamente, das Bundesverfassungsgericht, die EU, die Epidemiologen und die Medien. Doch bis vor einigen Tagen war es der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin dennoch nicht gelungen, eine treffende Bezeichnung für all die Angehörigen einer kleinen, vom Hass auf die staatlichen Pandemiemaßnahmen zerfressenen Gruppe zu finden, die als „winzige Minderheit von enthemmten Extremisten versucht, unserer gesamten Gesellschaft ihren Willen aufzuzwingen“, wie Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Begrüßungsrede an das Volk gesagt hat.  

Freiheitsgeschrei und Friedensprovokation

Mal als „Querdenker“, mal als Zweifler, mal als Impfverweigerer, Schwurbler, Covidioten oder Impfzauderer, mal aber auch als unbelehrbare Sachsen, unsolidarische Ostler oder Telegram-Terroristen wurden die beschrieben, die sich der gesamtgesellschaftlichen Solidarität verweigern, „Freiheit“, „Frieden“ und „keine Diktatur“ oder „Wir sind die rote Linie“ krakeelen und so versuchen, gewaltsam einen Keil in den Riss zu treiben, der die Gesellschaft spaltet. Die Schwierikeit für die BWHF von Anfang an: Das Finden ausreichender Gemeinsamkeiten zwischen Eso-Nazis, verführten gutbürgerlichen Handwerkersmeistern, veganen Pädagogen, Studienratsgatinnen und überzeugten Hitleristen. „So lange wir auf der menschlichen Seite gesucht haben“, berichtet BWHF-Chef Rainald Schawidow aus dem Prozess der Sinnwortsuche, „kamen wir nicht voran.“

Erst eine Idee der neuen Bundesregierung brachte neuen Schwung in den Begriffsbetrieb. „Unser Auftrag wurde dahingehend konkretisiert, dass es nicht mehr darum geht, eine Worthülse zur persönlichen Bezichtigung dieser Spaziergänger, illegalen Zusammenrottern und Protestanten zu finden.“ Vielmehr habe das Ziel des federführenden Innenministeriums nun darin bestanden, das von den betreffenden Personenkreisen verübte Meinungsdelikt in eine verbale Klammer zu fassen. 

Puzzlespiel mit gutem Ende

Ein Durchbruch. „Wer ohne Anmeldung und Erlaubnis marschiert und sich dabei auf vermeintliche Garantien des Grundgesetzes beruft, so dachten wir, der provoziert doch mit Absicht.“ Der Rest sei dann nur noch ein Puzzlespiel gewesen, „in dem wir traditionell recht gut sind“, so Schawidow, dem der Stolz auf den erst in der vergangenen Woche in die Redaktionen ausgelieferten neuen Kampfbegriff „Corona-Hetze“ deutlich anzumerken ist.  „Als der rausging, war er noch warm vom Wortschweißgerät“, gesteht der erfahrene Hülsenschmied.

Die „Corona-Hetze“ ging vom Transport sofort in die Schlacht gegen Telegram, die Regierungschefs und -chefinnen der Länder und der neue Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) befürworten bereits vier Stunden später erstmals schärfere Maßnahmen nicht mehr nur gegen die üblichen „Verschwörungstheorien im Netz“, sondern auch gegen „zunehmende Coronahetze“. Rainald Schawidow nickt zufrieden.

Das kam hier bei uns im Haus natürlich hervoroagend an.“ Es helfe, wenn Institutionen wie die Ministerpräsidentenkonferenz, der neue Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) oder auch der sächsische Ministerprsident Michael Kreschmer neue Verbalmunition umgehend zum Einsatz brächten. „Das zeigt uns doch auch, welche Wertschätzung man unserer gewiss nicht immer einfachen Arbeit entgegenbringt.“ 

Einhegung der Leugnerszene

Gerade im Rahmen der Pandemiebekämpfung  und der Einhegung der Szene der sogenannten Querdenker sei auch die BWHF entschlossen, mit Einfallsreichtum und sprachlicher Kreativität gegen die Täter vorzugehen. Mit dem bewährten Mittel des zusammengesetzten Substantivs, das schon bei  „Rettungsschirm“ und „Energiewende“, „Schuldenbremse“ und „Wachstumspakt“, aber auch bei „Stromautobahn“ und  „Benzinpreisbremse“ eingesetzt worden war, könne es gelingen,  den Corona-Gegnern der Corona in den sozialen Netzwerken, aber auch in den legalen Medien Paroli zu bieten. 

Menschen leben in unterschiedlichen Kulturen und sprechen die verschiedensten Sprachen“, sagt Schawidow, „in Sachsen beispielsweise Sächsisch.“ Deren Strukturen präge in ungeahntem Ausmaß die Art und Weise, wie sie die Welt wahrnähmen. Mit gesetzlich angemessenen Formulierungen sei es möglich, verbindliche Sprachregelungen zu schaffen, so dass Polizei und Staatsanwaltschaft konsequenter gegen Verstöße vorgehen könnten, auch um staatsfeindliche Aktionen wie die in Mode gekommenen gewaltbereiten Spaziergänge zu verhindern. 

Ein Kracher für das nächste Kapitel

Für die nächste Stufe im Corona-Kampf sieht sich die Bundesworthülsenfabrik jedenfalls auch schon gewappnet. „Wir haben dafür bereits den Begriff des Corona-Verbrechers geprägt“, schaut Rainald Schawidow optimistisch nach vorn. Noch sei diese Worthülse unter Verschluss. Aber das werde sicherlich „der Kracher im neuen Jahr“, ist er sicher.

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