Das Neun-Euro-Debakel: Bilanz des Grauens

Bilanz des Grauens: Das Neun-Euro-Ticket belastete das globale Klima mit vielen Millionen zusätzlicher Freizeitfahrten.

Noch ist es nicht ganz vorbei, noch werden junge Leute zum Mitreisen gesucht. Die ersten Bilanzen aber sind gezogen: Im Unterschied zum Tankrabatt, der „nicht weitergegeben“ (Habeck), zur Energiepauschale, die bis heute nicht ausgezahlt und zur Gasumlage, über die noch nicht abschließend entschieden wurde, war der Gute-Laune-Fahrschein für den letzten Friedenssommer ein voller Erfolg. 38 Millionen Deutsche beteiligten sich, eine Abstimmung mit der Brieftasche, deren Ergebnisse eindeutig sind: Deutschland will mobil sein, möglichst billig, es will reisen, Ausflüge machen, Einkaufen, Urlaub und private Erledigungen.  

Traurige Bilanz

Viel weniger häufig dagegen ist das von allen Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern gesponserte Ticket zu dem Zweck genutzt worden, der ursprünglich zu seiner Erfindung geführt hatte: Nur 18 Prozent der Besitzer eines Neun-Euro-Tickets verwendeten die Fahrkarte bestimmungsgemäß im Sinne des Zweiten Entlastungspaketes (2EP), um sich von den im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine gestiegenen Preisen für Lebensmittel, Treibstoffe und Energie entlasten zu lassen.

Die Daten, die jetzt vorgelegt wurden, zeigen Deutschland als den „kollektiven Freizeitpark“, den der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl stets als kollektive Sehnsucht der Deutschen und ihrer Gäste bezeichnet hatte. Sechs von neun offiziell gelisteten Verwendungsarten für das neun.Euro-Ticket sind privater Natur, Ausflüge, Freizeit, Urlaub, Einkaufen dominieren die praktische Nutzung der Staatsfahrkarte, die eigentlich dazu gedacht gewesen war, von hohen Spritpreisen hart getroffene Pendler in den öffentlichen Nahverkehr zu locken. 

Missbrauch einer besten Idee

Das gelang in der Praxis beinahe ausschließlich am Wochenende. Fast 23 Millionen 9-Euro-Ticket-Fahrerinnen und Fahrer machten Ausflüge, die wenigstens nach Sylt, alle aber in der Freizeit und zusätzlich zu Fahrten, die ohne die günstige Mitfahrmöglichkeit gemacht worden wären. Knapp über 20 Millionen Verwender nutzten den Fahrschein zudem, um Wege zu „privaten Erledigungen“ zu absolvieren, knapp 13 Millionen machten überflüssige Freizeitfahrten in der Woche, auf die sie ohne 9-Euro-Schein womöglich verzichtet hätten, und acht Millionen Menschen griffen die Gelegenheit beim Schopf und fuhren mit dem Tankrabatt für ÖPNV-Nutzer in den Urlaub.

Zwei Millionen Bürgerinnen und Bürger mehr als die von der Bundesregierung bezweckte Nutzung als Pendlerpauschale zu Arbeit und Ausbildung fand, von der letztlich nur sieben Millionen Ticketkäufer Gebrauch  machten. Eine der „besten Ideen“ (Olaf Scholz) der Bundesregierung enttäuscht damit auf ganzer Linie. Hatte der zur Beruhigung der Volksseele entwickelte Fahrschein noch im Juni 16 Millionen Käufer gefunden, kamen im Juli und im August nur noch jeweils 11 Millionen Nutzer zurück. 

Das Klima muss leiden

Zugleich litt das globale Klima unter mehreren hundert Millionen Fahrten, die ohne die großzügige Hilfe aus der Bundeshaushalt nie angetreten worden wären. Nach den Zahlen der deutschen Verkehrsbetriebe flossen die von den Steuerzahlern bereitgestellten neun Milliarden Euro zur Finanzierung des Volksfahrscheins zu etwa zwei Dritteln in Spaßreisen und Mobilität zu privaten Zwecken, nur ein Drittel der Fahrten wurden bestimmungsgemäß im Sinne der anvisierten Entlastung gerade der Ärmsten der Armen angetreten. Während Reiche und Ticket-Verweigerer aus der oberen Mittelschicht von leeren Autobahnen profitierten, mussten sich Sparwillige zeitweise in volle Züge pressen, Verspätungen akzeptieren und ohnehin vielbesuchte Ausflugsziele mit Menschenmassen teilen, die vom 9-Euro-Ticket genauso animiert worden waren, die günstige Gelegenheit zu nutzen, und einfach mal ins Blaue zu fahren.

Umwelttechnisch und erzieherisch war der Versuch, die Verkehrswende mitten in der Energiekrise auf die Schiene zu bringen, ein Desaster. Im Maßnahmebündel der Nachfolgemodelle muss dringend nachgeschärft werden – etwa durch Preisabstufungen für Tickets je nach Verwendungszweck und Dringlichkeit, durch die Prämierung des Verzichts auf überflüssige Fahrten oder einen Neun-Euro-Deckel für eine bestimmte Anzahl an Pflichtfahrten und eine Hochbepreisung zusätzlicher Reisen außerhalb des zugeteilten persönlichen Kontingents, um  ein deutliches Zeichen für den Klimawandel zu setzen

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