Der Durchmarsch: Bis wohin will Putin?

Die Angst ist da, der Ölpreis steigt, die SPD ist wieder einig, doch der Blick aus Berlin geht nach Washington. Was wird jetzt? Was bleibt zu tun, was kann man machen? Mit brachialer Gewalt ist der Russe aus seiner Rolle gefallen: Seit dem Überfall der Sowjetunion auf Finnland im Jahr 1939 hatte kein Kremlherrscher mehr den Befehl zu einem offenen Angriffskrieg auf ein Nachbarland gegeben. Russland drohte, Russland schmiedete Ränke, Russland ließ andere für sich kämpfen. In höchster Not nur schickte es Truppen ins Ausland, um seine Einflusssphären zu sichern. Und holte sich zuletzt in Afghanistan eine blutige Nase.

Anmaßender Pokerspieler

Wladimir Putin hat anders entschieden. Seit Jahren schon hat der 69-Jährige amerikanische Staatsanleihen abgestoßen und die russischen Goldvorräte aufgestockt. Seine Forderungen an die Westmächte, Russland das sichere Vorfeld aus neutralen Staaten zurückzugeben, das es mit dem Westschwenk der Ukraine verloren hatte, verhallte. Niemand nahm den Mann in Moskau ernst genug, um in seinen Forderungen mehr zu sehen als die Anmaßung eines Pokerspielers. Wie weit würde er gehen? Zu weit? Wann man ihm die Ukraine gäbe, was würde er als nächstes verlangen? Einen Landkorridor nach Kaliningrad? Oder gleich das ganze Baltikum?

Die Schlafwandler waren wieder da, neues Personal unter alten Zöpfen, aber ein bisschen auch zufrieden darüber, wie quicklebendig die gerade noch „hirntote“ Nato sich auf einmal zeigte. Das Bündnis, in Ermangelung echter Feinde über Jahre zu Beschäftigungslosigkeit verdammt, lebte auf im Schatten eines nahenden Großkonflikts, dessen strategische Zielrichtung noch nicht abzusehen ist. Jetzt, wo die Waffen sprechen, ist alles möglich: Der Fall von Kiew und das Vorrücken bis ins früher polnische Lemberg. Eine Attacke auf Polen und ein Vorstoß über Danzig nach Usedom, um von dort aus die DDR wiederzuerrichten.

Tödlicher Irrtum

So weit wird Putin nicht gehen, aber genau das haben bisher auch alle gedacht, die dem russischen Präsidenten zubilligten, ein gefährlichen Spiel um die Rückgewinnung der politischen Einflusssphäre seines Landes nach Westen zu spielen. Ihm aber letztlich doch nicht zutrauten, dabei seine Karten auf den Tisch zu legen. Irgendwer würde Putin einfangen und beruhigen, wenn nicht mit guten Worten, dann mit einer endlosen Kaskade aus Sanktionsdrohungen, die nur eines nie enthielten: Das Versprechen des Westens, auf den Bezug russischen Öls und russischen Erdgases mit dem ersten Schuss des Dritten Weltkrieges komplett und für immer zu verzichten.

Männer machen Geschichte, Frauen auch, aber „nur große Männer schreiben sie“, wie Oskar Wilde festgestellt hat, der  auf Frauen keine Rücksicht nahm. Kaderfragen entscheiden alles, auch an diesem Vorabend eines neuen Weltenbrandes, an dem auf Seiten des Westens große Not an Führungspersonal herrscht. Da ist Joe Biden als US-Präsident, ein meistenteils Unsichtbarer, von dem niemand genau weiß, ob er noch selbst betet. Daneben agieren der Brite Boris Johnson, der innenpolitisch wie Biden ums Überleben kämpft. Und auf dem Festland in vorderster Front schließlich der um seine Wiederwahl bangende Emmanuel Macron, EU-Präsidentin Ursula von der Leyen, Bundeskanzler Olaf Scholz und die Staatschefs von Italien, Spanien, Portugal, Österreich, den Niederlanden und Belgien, deren Namen nicht nur in Moskau niemand weiß.

„Militärische Sonderoperationen“

Das ist unglücklich gelaufen. Erst die Pandemie, dann die politische Lähmung, dann das Missverständnis, was Putin  wirklich wollen könnte. Mit brutaler Gewalt zeigt sich in Russlands „militärischen Sonderoperationen“ (RT), wie hilflos der Westen mit seinen Standardsorgen um das Weltklima, die Geschlechtergerechtigkeit und nachhaltige, regionale Landwirtschaft dasteht. Der Einmarsch war noch keine zwölf Stunden im Gang, da gab Bundeskanzler Olaf Scholz die Ukraine auch schon auf und Putin freie Hand. 

Als sei der Witz mit den 5.000 Helmen als Geste der feministischen Außenpolitik Deutschlands nicht schon demütigend genug gewesen, warnte er Putin, „nach dem Angriff auf die Ukraine weitere Länder ins Visier zu nehmen“.

Sonst.

FreeSpeech

FreeSpeech.international - Texte und Cartoons zur Meinungsfreiheit