Deutschland im Datendunkel: Das ominöse Omikron

Seit vier Wochen weiß man viel zu wenig über Omikron, aber langfristig schützt die Impfung.

Es ist seit Wochen  kaum etwas bekannt. So wenig jemand wusste, woher die vierte Welle eigentlich kam, so wenig herrscht Klarheit darüber, wohin sie zu verschwinden beginnt, seit Karl Lauterbach Gesundheitsminister ist.  Wie zuvor schon beim afrikanischen Wunder, das das schwedische Rätsel abgelöst hatte, und beim überraschenden Aufstieg Brasiliens von der Welttodesnation, gemordet vom Latino-Trump Bolsonaro, zur Vorbildvorlage für ZDF, ARD und motivierende „Spiegel“-Reportagen steckt auch Deutschland in einem tiefer Erkenntnis los.  

Beinahe indische Verhältnisse

Obwohl die „besonders aggressive“ Delta-Variante (Lauterbach) „dominiert“, fallen die Inzidenzen wie Steine. Beinahe schon herrschen indische Verhältnisse: Dort, wo Delta als „indische Variante“ geboren wurde, liegt die Inzidenz derzeit bei 3,2, und das bei einer Impfquote von nur 37,7. Auch Südafrika, wo der Delta-Nachfolger Omikron vor vier Wochen entdeckt wurde, der sich „noch schneller ausbreitet“, ist die Inzidenz zwar rapide gestiegen. Doch bei einer Impfquote von nur 25 Prozent verwundert das überhaupt nicht. Eher schon, dass die Sterbezahlen dort verharren. wo sie waren, als es noch zehnmal weniger Infektionen gab.

Ist Omikron also tatsächlich harmloser? Hat Corona ausgespielt, wenn das Schreckgespenst der „neuen Variante“ erst durchgerauscht ist, wie „Die Welt“ erstaunt fragt? Deutschland, traditionell immer ein von allem am schlimmsten betroffenes Gebiet, schaut sich derzeit noch fragend um. Sicher ist wohl, dass es in Norwegen und in Dänemark über 3.000 bestätigte Omikron-Fälle gibt, auch Großbritannien sollen es so viele sein. Ebenso werden aus den USA Omikron-Zahlen gemeldet, aus Südafrika schon nicht mehr, dort ist Omikron der Normalfall. Von daheim weiß man es aber nicht, woher auch, denn in Deutschland wird nicht wie anderswo gezielt sequenziert, um ein Bild von der Lage zu bekommen, sondern allenfalls bei akutem Verdacht. Mit Erfolg: Die Zahl der Omikron-Fälle hierzulande liegt trotz der „40 mal schnelleren Ausbreitung“ (Lauterbach) noch immer stabil bei nahe Null.

Weiter auf bewährten Kurs

Die neue Bundesregierung folgt hier dem bewährten Kurs der alten. Je weniger man weiß, desto besser lässt sich mit den fehlenden Informationen arbeiten. Ungewissheit ist der Königsweg zur Angst. Binnen aller 20 Seuchenmonate ist es der Bundesregierung ein wichtiges Anliegen gewesen, nie im Bilde darüber zu sein, wie schwer oder leicht eine Erkrankung im Fall einer Corona-Infektion über alle Infizierten verläuft. Erfasst wurde Zahlen zu Infektionen, Zahlen zu Krankenhauseinweisungen, Zahlen zu Intensivpatienten und zu Toten.

Alles dazwischen wurde einfach global als symptomatische oder aber als asymptomatische Infektion gezählt. Kein Arzt schaut diese Patienten an oder behandelt sie sogar, kein Gesundheitsamt versucht, Daten über den Infektionsverlauf zu erlangen. Das hilft, eine ungewisse Bedrohungskulisse aufrecht zu erhalten. Was der Mensch nicht weiß, macht ihn besonders heiß.

Es geht darum, vermeidbaren Wissen  zu verhindern, auch bei Omikron, denn mit Zahlen, die nicht vorhanden sind, lässt sich am bequemsten Politik machen. Heute hier, morgen dort, immer auf Augenhöhe mit der Wissenschaft, die im Verlauf der Pandemie schon alles empfohlen hat: Das Impfen dieser mit jenem und das Vermeiden desselben, den Abstand so oder so und Querbeetimpfen, aber nicht dienstags, mit kurzem Abstand, aber nicht Kinder, bis dann doch. Und selbst das wird nicht reichen, nie, nicht hier jedenfalls.

Die Nachricht, dass in Großbritannien Alarm geschlagen wird, erzieht die Menschen – das ist seit den berühmten Bildern aus Bergamo bekannt – weitaus besser als aufwendige Massensequenzierungen, die eine tragfähige Datenbasis schaffen würden, um die Ausbreitung von Omikron zu verfolgen. 

Sogar ein Todesfall

Deutsche Medien fragen nicht nach solchen Zahlen, deutsche Medien melden aus dem abtrünnigen England „die ersten Erkrankten“, die „im Krankenhaus behandelt werden“. Sogar „einen Todesfall“ habe sich nun schon „in Zusammenhang mit Omikron“ ergeben – es war ein ganz besonders beachteter unter den etwa 300 an diesem Tag. 

Ja, „wenn die Entwicklung so weitergeht, wird Omikron in etwa zwei bis vier Wochen in Europa vorherrschend sein“ sprächen Experten wie Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel. Die Lage ist ernst, so ernst, dass das Robert-Koch-Institut bereits im Sommer Schluss gemacht mit seinem wöchentlichen Variantenbericht. Der sei nun in der normalen Wasserstandsmeldung enthalten, heißt es. Wie schlimm ist es denn nun aber? In der aktuellen Ausgabe kommt das Wort Omikron nicht vor.

Deutschland ohne Daten

Nun, also wohl nicht so schlimm. Aber die Daten aus Dänemark und Großbritannien, zwei Ländern, die offenbar versuchen, zu erfahren, wogegen sie kämpfen, legen nahe, dass sich die Zahl der Omikron-Fälle alle drei bis vier Tage verdopple, schreiben die Leitmedien. Die Zahl der Omikron-Fälle im Vereinigten Königreich stieg auf 10.017. Deutschland schaut gebannt dorthin. Am 27. November wurde hierzulande zufällig der erste Fall bemerkt, ein Reiserückkehrer, bei dem nur deshalb sequenziert wurde, weil er aus Südafrika kam. Bei einer Verdopplung aller drei bis vier Tage müsste Deutschland mittlerweile wenigstens 128 Fälle gezählt haben. Aber wer nicht nachschaut, weiß es nicht. 

Eine bewährte Strategie in einem Land, dessen Gesundheitsminister in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg nie wusste, was an Impfstoff da war, was bestellt wurde und was noch wann geliefert werden könnte. Selbst nach einer Inventur auf Anweisung des Nachfolgers wurde das Bild nicht viel klarer. Entweder es fehlt vermutlich was. Oder aber doch nicht.

Als Information reicht das, was von anderswo hereinschwappt. Omikron war von Anfang an eine Gefahr, die sich aus purer Ungewissheit speiste und deshalb besonders praktisch für die Politik zu sein schien. Eine Virusvariante, von der niemand nichts weiß, lässt sich je nach Bedarf mit Maßnahmen nach jeweiligen Regierungsgeschmack bekämpfen: Wer es härter mag, macht es härter. Impfpflicht, Demoverbot, Durchgreifen, die extremistischen Elemente ausmerzen. Wer selbst massiv betroffen ist, macht einfach weiter wie bisher.

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