Deutschlandticket: Der Nationalfahrschein

Der öffentliche Verkehr in der EU bleibt 19. Jahrhundert: Deutschland setzt auf eine nationale Lösung ohne die Partnerstaaten.

Es wäre die Chance gewesen, Europa zusammenrücken zu lassen unter dem Druck der völkerrechtswidrigen Angriffe Russlands auf die Ukraine. Ein Ticket für alles, für den gesamten EU-Kontinent. Überallhin, nicht mehr nur aus Gnade der EU-Kommission, die zur Feier der Volljährigkeit in der Vergangenheit schon Bahnfahrkarten an ein paar Handvoll ausgewählte Nachwuchskader verschenkt hat. Sondern freie Fahrt für alle, selbst Ältere, selbst Alte und selbst Wohlhabende, die es womöglich gar nicht nötig haben, um Mitnahme im ÖPNV zu bitten, um mobil zu sein.

Die kleine, nationale Lösung

Aber. Es kam dann doch nur wieder die kleine, die nationale Lösung heraus. Ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, mit den europäischen Partnern zu sprechen, wie Europa künftig besser unterwegs sein kann, um noch enger zusammenzurücken, entschieden Bund und Länder sich nach Wochen quälender Diskussionen um die Übernahme der Kosten für eine nationale Lösung: Das 49-Euro-Ticket kommt, es kommt irgendwannbaldzügigsoschnellwiemöglichstdemnächst, vielleicht schon zu 1. Januar und es kommt auf Kosten der Allgemeinheit, aber nur in Deutschland.

Selbstbewusst haben die Mütter und Väter des erneuten Rückfalls in die nationale Kleinstaaterei dem als „großer Wurf“ verkündeten Milliardengeschenk der Politik an die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler den Namen „Deutschlandticket“ gegeben. Ein deutliches Zeichen an die europäischen Partner, dass keinerlei Notwendigkeit gesehen wurde, grenzüberschreitende Mobilität in der EU mitzudenken.

Der Name ist Programm

Nie war es einfacher, Bus und Bahn zu benutzen, als mit diesem Deutschlandticket“, betonte FDP-Verkehrsminister Volker Wissing den streng nationalen Charakter der Drei-Milliarden-Idee. „Ein Land, ein Fahrschein“, lobt der „Spiegel“. Vom Traum des einfachen, grenzenlosen Reisens innerhalb der Wertegemeinschaft, wie ihn die EU vor Jahren geträumt hatte, „damit Europa nachhaltig stärken wird“, bleibt nur ein böses Erwachen. Gräben werden vertieft, neue werden aufgerissen, das anvisierte Abo-Modell schreckt durchreisende EU-Partnerbürgerinnen und Bürger ab. 

Und selbst potenzielle inländische Passagiere sind erschrocken: Die neue Nationalfahrkarte ist fünfmal so teuer wie das aus der Not der lauter werdenden Entlastungsforderungen über den Sommer angebotene Gute-Laune-Ticket. Trotz einer allgemeinen Geldentwertungsrate von zuletzt stabil über zehn Prozent sind 500 Prozent eine ganz andere Baustelle: Spaßfahrten nach Sylt verbieten sich zu diesem Preis beinahe schon, zusätzlich Wochenendausflüge lohnen sich nur, wenn konsequent Wochenende für Wochenende Vergnügungs- und Bildungsreisen etwa zu hotspots des Klimawandels angetreten werden.

Die große europäische Lösung, die alle mitnimmt, überallhin, sie muss weiter warten. Die Egoisten in Berlin, schon bei der EU-Schicksalsentscheidung über der Anerkennung des richtigen venezuelanischen Präsidenten und bei der Wahl der verlässlichsten Grundlastenergie für die kommenden Jahrzehnte in der Minderheit, diskutierten auch diesmal nicht den besten Weg für alle, sondern den günstigsten nur für sich. Es ist nun an der EU-Kommission, die bei innenpolitischen Wummsweichenstellungen in Deutschland zum Glück immer noch das letzte Wort hat, wie bei der Pkw-Maut die Notbremse zu ziehen.

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