Die Anhörung: Der Idealzustand des Regiertwerdens

Immer wieder wegweisend: Sitzungen der Kommission.

Die Sitzungen der Kommission sind immer wegweisend. Hier wurden seit Jahrzehnten die langen Linien gelegt, die Gleise, auf denen das Land in eine lichte Zukunft fährt, ohne dass das Geräusch der ratternden Schwellen für die Passagiere überhaupt noch zu hören war. So war es noch einschläfernder, ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss. Der Idealzustand des Regiertwerdens. Jedenfalls bis zu jener Zeitenwende, die wie alle plötzlich und unerwartet kam, ein Blitzen aus heiterem Himmel. Eben noch Glück, und nun schon Glas, wie leicht bricht das.

Am Abend vor der entscheidenden Sitzung hatten sie ihn noch einmal gebrieft. „Verhalte dich, wie du es für richtig hältst, solange du nicht von unserer Linie abweichst“, war ihm gesagt worden. Bestimmte Vorstellungen habe man höheren Ortes nicht, von denen aber dürfe er keinen Schritt abweichen. „Ergreif‘ die Zügel“, hatte sein Chef ihm zum Abschied zugerufen. Und: „Die Regierung steht vorbehaltlos hinter dir, so lange das nicht notwendig ist!“

Steigendes Sinken

Nun trug er hier vor, was angedacht worden war. Die Regierung habe beschlossen, die Inflation durch Preiserhöhungen zu bekämpfen, damit die Nachfrage sinkt, aber auch, die Preise durch Rabattmarken zu senken, um die Nachfrage zu steigern und die inflationäre Preisentwicklung zu fördern, die sie unbedingt bekämpfen wolle, indem sie die Nachfrage dämpfe, um die Nachfrage zu erhöhen, wodurch die Preise wieder steigen. Das sei nicht nur ein Wort, zu dem man stehe, sondern ein Konzept, das auch auf lange Sicht tragen werde, sollte es nötig sein, was keiner hoffe, weil niemand wisse, was dann geschehen könne.

Bei Licht besehen bestehe daraus nun wohl die derzeitige Wirtschaftspolitik, fragte dann einer. Sicherheitshalber ging er nicht darauf ein, sondern nahm zu einem festen „Ich weiß nicht“ Zuflucht. „Wissen Sie es wirklich nicht, oder vermuten Sie nur etwas?“, hakte der ältere Mann nach, der ihm aus dem Fernsehen bekannt war, wo er häufig in Talkshows saß. 

Auf allen Ebenen

Die Antwort war einfach. „Ich weiß ganz genau, dass ich es nicht weiß“, sagte er, ohne noch mehr Worte zu machen. Dann wurde es konkreter. „Wie werden sich Ihrer Ansicht nach die Arbeitslosigkeit und der Markt in nächster Zeit entwickeln?“ Wer aber kann das schon wissen? Er nahm eine weiteres „Ich weiß nicht“ in den Mund und fühlte sich schon viel sicherer. Der Ältere aber gab keine Ruhe. „Sie haben da keine Ansicht?“ Er nicht. „Das stimmt.“ Nun wechselte der Frager die Ebene. „Gibt es jemanden in der Regierung, der darüber was weiß?“

Dumm kann ich auch, dachte er. „Über meine Ansicht?“ fragte er zurück. Der Nachhaker kartete nun scharf nach. „Dann ziehe ich die Frage zurück“, sagte er und wollte nun stattdessen wissen, wie es um unsere Bündnisse stehe. Sind die sicher? Halten alle zusammen? Und falls sie wirklich alle durch Bestechung, Zwang, Aufwiegelung und Korruption jeder Art zustande gebracht worden seien, „werden sie dann in dieser Krise oder noch schlimmer bei einem Wechsel der beteiligten Regierungen halten?“

Ein bisschen verließ ihn die Langmut. „Lieber Himmel, das weiß ich doch nicht“, sagte er viel zu schnell. Viel zu schnell. Ob es denn vielleicht sonst jemand in der Regierung wisse? Er konterte mit einem „Was?“ Das Gegenüber schlug geistesgegenwärtig sofort zurück: „Irgendwas!“

Einatmen, ausatmen

Er atmete tief ein, einmal, zweimal. Und bat dann, die Frage zu wiederholen. „Irgendwas?“, sagte der Ältere, nun auftrumpfend. „Soll das die Frage sein?“, fragte er zurück, doch das konnte der andere auch: „Ist das Ihre Antwort?“

Doch besser wieder ein „Ich weiß nicht“. Treffer. Jetzt habe er seine Frage vergessen, sprach der Mann. Er beschloss, auf deren Grab herumzutrampeln, nur so, weil er wusste, dass er es können würde. „Dann ziehe ich meine Antwort zurück“, schmunzelte er, doch der schmalen Streifen Lächeln verging im Nu. Ob denn vielleicht der Kanzler begründete Ansichten über das habe, was hierzulande und in der übrigen Welt vorgehe? Was anderes sollte er darauf als „Ich weiß nicht“?

Und wie sollte ein Mensch in seiner Situation, angerückt, das Beste zu wollen, nicht langsam den Geschmack an der Menschheit verlieren. Es war still geworden im Saal und er schaute in leere Gesichter. Es ging um alles und um nichts und alle belauerten sich, als sei das eine gute Gelegenheit, zu erreichen, was sie an kleinen Siegen schon immer hatten feiern wollen. Was solle liebenswert diesen Menschen sein? Ihm fiel nichts ein. Gut, Geld und Ruhm, nun ja, das Streben nach Glück genannt. Kein Tier kann das. Hätten sie ihn danach gefragt, er hätte sagen müssen, ja, die Todesstrafe vermisse ich manchmal, doch das darf ich nicht zugeben. 

Der verlorene Glaube

Es gab überhaupt eine ganze Liste von Grundsätzen, Anliegen, Methoden und Idealen, an die er nicht mehr glaubte; weil die Nachfrage ins Zwielicht geraten war und der Sitzungsalltag in den Kommissionen dafür sprach, dass Rettung planbar, aber unerreichbar war. Obenan rangierte eine ständig wachsende Rubrik von Freiheiten, darunter so unantastbare wie die Freiheit von Lehre und Forschung, von sexueller und politischer Betätigung, von Meinung und Ansicht und Unversehrtheit. Er war sich nicht sicher, spürte aber, dass er das Zutrauen zum Glauben verloren hatte, dass die Väter und Mütter der Verfassung das alles genau so gewollt hatten. 

Nichts jedenfalls ging jemals voran wie gewünscht, alles scheiterte früher oder später und musste dann aufwendig umgedeutet werden. Auf Dauer gesehen war einzig der Misserfolg mit Gewissheit vorherzusagen. Gute Absichten wurden zuschanden, böse Absichten wurden nicht besser. Das  Wirtschaftssystem war barbarisch und würde es bleiben, bis jemand ein besseres erfand, das nicht schlechter war wie es alle bisherigen Neuerfindungen gewesen waren. Folgerichtig konnte man zusehen, wie überall eine die Zementierung des Schwachsinns auf die Verbreitung neuer Technologien folgte. Mehr und schneller, aber immer dümmer. Wo soll das hinführen. Ich weiß es nicht, hätte er sich beinahe selbst gesagt. 

 

`* Nach Motiven von Joseph Roth, Gut wie Gold, 1976

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