Die Klingbeil-Doktrin: Abkehr von allen

Lange lehrte die SPD als internationalistische Partei die Lehren der Geschichte. Mit der neuen Klingbeil-Doktrin aber wendet sich Deutschland ab vom Wandel durch Handel.

Böses schwant nun selbst dem treuen Zeilenritter vom SPD-Medienarm. „Die USA stehen als Schutzmacht nicht mehr lange zur Verfügung“, teilte er sein geheimes Wissen, erworben sicherlich auf einem jener langen, aber gleichwohl veganen und nachhaltigen Flüge als eingebetteter Verkündigungsbeauftragter der Bundesregierung, wenn Macht und Machtbewunderer ins kleine Zwiegespräch kommen und „unter vier“, wie es in der politischen Blase heißt, auch mal gesagt wird, was eigentlich Sache ist. Gut steht es nicht. Nicht jetzt und nicht in Zukunft, wenn, im Ampel-Berlin scheint das ausgemacht, Donald Trump zurückkehrt ans Ruder, um sein Zerstörungswerk an Nato, Klima und westlichem Bündnis fortzusetzen.

Die Zeichen an der Wand

Es ist einer der ganz Jungen in der deutschen Sozialdemokratie, der die Zeichen am deutlichsten sieht. Lars Klingbeil, Soldatensohn mit einer Berufslaufbahn, in der er als Zivildienstleistender auch schon mal etwas für die Allgemeinheit getan hat, wie es der Bundespräsident von allen verlangt, will aus der verhängnisvollen deutschen Abhängigkeit von Russland klare Konsequenzen ziehen. „Nie wieder“, diese Botschaft der Überlebenden des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau übersetzt der 44-Jährige in aktuelle Politik, dürfe es „ein Land geben, bei dem wir so abhängig werden“

Eine Warnung aus berufenem Munde. Wie die komplette Generation der aufstrebenden Parteisoldaten in der SPD hat Klingbeil sich in der Partei vom Referenten bis zum Vorsitzenden hochgedient. Der Niedersachse, der seine ersten Sporen als Helfer des heute vor dem Parteiausschluss stehenden Gerhard Schröder verdiente, weiß, wie Machtpolitik funktioniert. Klingbeil versteht es, Allianzen zu bilden, Unterstützer zu werben und seine eigenen Positionen stets so anzupassen, dass es für ihn selbst vorteilhaft ist. Als junger Mann war er Sozialist, Antifaschist und Gitarrist. 

Der späteste Zweifler

Zweifel an der Russland-Politik der rot-grünen Bundesregierung äußerte der begnadete Taktiker Klingbeil nie. Auch sind keinerlei Bedenken des studierten Politikwissenschaftlers wegen der immer größer werdenden Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen überliefert. es war eben, wie es war. daran ließ sich nichts ändern für jemanden, der zuallererst seinen Aufstieg in der Parteihierarchie im Auge haben musste. Also bedankte sich Klingbeil mit Blumen bei seinem Ziehvater für dessen Rosneft-Engagement. Gern geschehen.

Aber Jegliches hat seine Zeit. Schröder ist weg, Russland der Feind. Klingbeil, der im kommenden Jahr vom Posten des SPD-Parteivorsitzenden auf den des deutschen Verteidigungsministers aufrücken zu dürfen hofft, legt nun also warnend den Finger in eine offene Wunde: Deutschland muss sich auf sich selbst besinnen. Germany first. Nie wieder. Keine Abhängigkeit. Von niemandem. Der Starke ist am mächtigsten allein! (Friedrich Schiller, „Wilhelm Tell2). Und Deutschland „ist stark“ (Olaf Scholz)!

Nie wieder mit niemandem

Derzeit sind die Fachabteilungen im Willy-Brandt-Haus noch dabei, diese neue Klingbeil-Doktrin auf ihre Konsequenzen zu prüfen. Ohne russisches Öl und ohne russisches Gas wird es sicher irgendwie gehen müssen, so lange Norwegen ein Drittel von allem liefert, was hierzulande verbraucht wird, so viel steht bereits fest. Vielleicht überleben nicht alle Bäcker, aber manche machen vielleicht auch einfach nur mal zehn, 20 Jahre zu, bis alles wieder gut ist. 

Wie aber lässt sich der Rest an neuer deutscher Autarkie organisieren, den die Klingbeil-Doktrin zwingend vorschreibt? Ohne die USA kein Internet, ohne China nicht einmal Geräte, um auf dieses durch und durch amerikanische Internet zuzugreifen. Wie suchen, wenn ohne Google? Wie sich gegenseitig Hass und Hetze verwerfen ohne Twitter, die Speicher von Amazon AWS und die Software von Microsoft? Und wie überhaupt noch telefonieren und kommunizieren? 

Keine deutsche Firma kann heute mehr Smartphones herstellen, keine wäre in der Lage, den deutschen Markt mit Computern, Fernsehgeräten, Bildschirmen, GPS-Geräten, Kameras oder Festplatten, mit Speicherchips, Mainboards, Grafikkarten oder auch nur leeren Gehäusen zu versorgen. Und niemand in ganz Europa stünde bereit, ohne Ausschreibung nach EU-Vorgaben jede Menge Jäger und Bomber zur Verteidigung des Vaterlandes zu liefern.

Deutschland steht hier noch ganz am Anfang. Die SPD bereitet etwas unfassbar Umwälzendes vor, eine Abwicklung der Globalisierung der zurückliegenden Jahrzehnte, ja, Jahrhunderte, eine Rückkehr zu nationaler Größe, gegen den der verzweifelte Versuch des später so tragisch gescheiterten Martin Schulz,  bei den sogenannten EU-Wahlen 2014 einen Stich mit der nationalen Karte zu machen, noch trauriger wirkt als am Ereignistag. Die Klingbeil-Doktrin will nichts weniger als die Abkehr von allem, was bisher gültig war, eine  Orientierung hin zu weitgehender Selbstversorgung mit eigenem Internet, eigener Suchmaschine, einem deutschen Twitter ohne Musk und einer Industrie, die in der Lage ist, Software zu liefern, Apps und Anwendungen, soziale Netzwerke als Grundlage für den Kampf gegen Hass und Hetze.

Es wird kein leichter Weg werden, der nun zu gehen ist. Aber er wird lang und steinig sein, steil und nirgendwohin führen.          

 

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