Die letzte Barrikade: Frieden schaffen mit Kernwaffen

Seit die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fielen, hat die ultimative Auslöschungsandrohung einen Weltkonflikt verhindert.

Den Friedensnobelpreis hat sie nie bekommen, weil ihre friedenserhaltende Kraft stets erfolgreich geleugnet worden ist. Seit Wladimir Putin seine Truppen in Marsch gesetzt hat, um die Ukraine zu erobern, ist sie jedoch wieder die letzte Barrikade zwischen der Menschheit und dem totalen Krieg, die Wasserscheide zwischen lokalem Konflikt und einem dritten Weltenbrand auf der gesamten Nordhälfte der Erde. Die Atombombe ist 77 Jahre alt und sie genießt den schlechtesten Ruf, den irgendetwas nur haben kann: Mörderisch, vernichtend, gefährlich und von jedem anständigen Menschen bei klarem Verstand eindeutig abzulehnen. Kernwaffen machten die Welt unsicherer, sie bedrohten die Existenz der Menschheit und gefährdeten die Frieden, so heißt es regelmäßig.

Der Traum von der Entwaffnung

Stimmen, die ein Europa ohne Kernwaffen herbeisehnten, das „allein darauf hinarbeiten muss, seine Produktions- und Lebensweise so zu ändern, daß sich die Menschen hier allein gestützt auf örtliche Ressourcen nähren, wärmen, kleiden, bilden und gesunderhalten können“ (Rudolf Bahro, 1982), hatten Dauerkonjunktur. Reisende Händler zogen umher, um Illusionen zu verkaufen, die Rede ging von der friedenschaffenden Kraft des Guten und die „Vision einer atomwaffenfreien Welt“ (Agnieszka Brugger) war nur noch umzusetzen, damit nie wieder ein Mensch in einem Schützenloch sterben musste. Wie schön das war: So lange die USA ihren geheimen atomaren Schutzschirm über das vereinigte Europa hielten, durfte die EU beides haben: Das wohlige Gefühl der Unangreifbarkeit. Und dazu jede Gelegenheit, den Abzug der Todeswaffen zu fordern.

Bemühungen, die mangels verfügbarer Machtmittel nie über die Phase der Ankündigung hinauskamen. Offiziell gibt es keine Kernwaffen in Deutschland, die hier stationierten US-Truppen könnten welche haben, müssen aber nicht, keiner weiß es, zumindest nicht schriftlich außerhalb der Geheimhaltungsbüros. Was aber vielleicht gar nicht existiert, kann nicht abgezogen werden – nach dieser Logik verführt der souveräne Rechtsstaat Bundesrepublik seit Jahrzehnten. Immer mal wird darüber geredet, ob wohl und was dann. Immer mal kommt aber auch die als „nukleare Teilhabe“ wohlmeinend verbalverpackte Bewaffnung der Bundesluftwaffe mit Kernsprengköpfen aus deutscher Lagerung wie selbstverständlich ins Gespräch.

Pazifisten, verwandelt in Bellizisten

Je nach aktueller Lage und immer, wie es eben passt. Im Ukraine-Krieg haben sich Pazifisten reihenweise in Bellizisten verwandelt. Wer eben noch den Abzug der Kernsprengköpfe forderte, hat auf einmal Tarnfleck an und den Tornister gepackt zum Marsch an die Ostfront. Auf sie mit Gebrüll! Nichts ausschließen, sagt die Führerin der deutschen Sozialdemokratie, deren frühere Wähler*Inneninnen stets die Hauptmasse deutscher Heere stellten. Die Ukraine, ohnehin im Krieg, begrüßt jeden, der an ihrer Seite kämpfen und sterben will, denn für die Ukraine kann es nicht schlimmer werden als es schon ist. Polen dagegen will den Konflikt mit Russland jetzt austragen, ein für allemal und dann Ruhe.  

Ginge es nach Kiew, Warschau, dem Willy-Brandt-Haus und dem Springer-Vorstand, wäre nicht nur die bedauernswert blanke Bundeswehr längst unterwegs auf der Felge und mit dem Friedensgewehr im Anschlag Richtung Brest, Lwiw und Kaliningrad. Nein, Deutschland und ganz Europa hätten generalmobilgemacht, um mit der ganzen Kraft einer ungedienten Generation aus schreckhaften Schülern und Klimasündern den Endkampf mit Putin zu suchen.

Der US-Präsident wirkt dagegen geradezu friedlich, wenn er aus der Ferne ankündigt, „jeden Zentimeter des Nato-Gebiets mit der ganzen Kraft einer vereinten und vereinigten Nato“ verteidigen zu wollen, aber „keinen Krieg gegen Russland in der Ukraine“ zu beabsichtigen. Biden, der zumindest den Austausch der Erstschläge überleben würde, will nicht wie Saskia Esken, Matthias Döpfner und eine Reihe von Osteuropäern „eine direkte Konfrontation zwischen der Nato und Russland“ riskieren, weil es sich bei Russlands Atomdrohungen vielleicht auch um einen Bluff (Selenskyi) handeln könnte. Biden weiß, ist es keiner, wäre das „der Dritte Weltkrieg, den wir unbedingt verhindern wollen.“

Zwischen Kriegsausbruch und containment des Konflikts in den Grenzen der Ukraine stehen nicht Esken, Döpfner, Morawiecki, Stoltenberg, Bundeswehr-Tornados, Bitten der Weltgemeinschaft, Gebete oder Sanktionen. Verhindert wird die Eskalation des Regionalkonfliktes zu einem Messen aller Kräfte nur von einem einzigen Umstand: So lange Ost und West sich gegenseitig mit Kernwaffen bedrohen, kann jede Auseinandersetzung nur bis zu einer roten Linie geführt werden, hinter der beiden Parteien die totale Vernichtung droht. Ausgerechnet die Bombe aller Bomben hat so seit dem 9. August 1945 maßgeblich zur Befriedung der Welt beigetragen. Kriege wurden geführt, aber eben nicht mehr ohne Grenzen. 

Menschen starben durch Waffengewalt, aber die Zahl der Opfer sank beständig. Sowohl die Aussöhnung in Europa nach zwei Weltkriegen als auch das Ende des Ost-West-Konfliktes und die folgenden drei Jahrzehnte traumhafter Idylle, in der die Lämmer neben den Wölfen weideten, sie waren nur möglich durch die von der Atombombe garantierte Unmöglichkeit, Konflikte kriegerisch auszutragen wie es viele Jahrhunderte davor Sitte, Brauch und Tradition war.

Unendliches Abschreckungspotenzial

Die als „Massenvernichtungswaffe“ bezichtigte Bombe – von Robert J. Oppenheimer und Edward Tellerauf US-Seite und dem spätere Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow auf sowjetischer unendliches Abschreckungspotential geschaffen, dass das Ausbrechen eines erneuten verheerenden Weltkrieges dauerhaft verhindern sollte, hat bis hierher genau das getan, was von ihr erhofft worden war, das zeigt ihre Bilanz. Seit die nukleare Drohung in die Welt kam, gelingt es, Konflikte einzugrenzen und oder sie weitaus blutsparender abzuwickeln als zuvor.

Mehr als 50 Millionen Menschen starben im letzten Krieg der Vor-Atom-Ära. Seitdem gingen die Opferzahlen über 2,8 Millionen (Koreakrieg), 1,7 Millionen (Vietnamkrieg), 150.000 (erster Golfkrieg) und 350.000 (2. Golfkrieg) beinahe beständig zurück. Die große Bombe hat in Hiroshima und Nagasaki grauenhafte Opfer gefordert. Doch verglichen mit der Kalaschnikow, dem M16, der Haubitze und dem Panzer ist sie keine Massenvernichtungswaffe. Selbst durch kleinkalibrige Pistolen sind bis heute mehr Menschen gestorben als durch Kernwaffen, die ihre Besitzer unverletzlich machen. Allerdings eben nur, so lange ihre Besitzer die anderen Besitzer in Frieden lassen.

Feldzug unterm Schutzschirm

Wladimir Putin droht damit, Atomwaffen zu besitzen, um anzudeuten, dass er sie einsetzen könnte. Zumindest ein Teil der Verantwortlichen im Westen versteht, worum es geht: Der Russe will in Ruhe gelassen werden, um seinen mörderischen Feldzug „planmäßig“ (Putin) beenden zu können. Er weiß, dass ihn niemand daran hindern kann, will er nicht den größten denkbaren globalen Schlagabtausch riskieren. Auch wenn die Moral befiehlt, ihn damit nicht durchkommen zu lassen: Die Vernunft ruft „Atombombe“ und verhindert damit bisher eine Eskalation über die Grenze dessen hinaus, was als begrenzter Konflikt noch die Chance hat, eines Tages am Verhandlungstisch beendet zu werden.

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