Doku Deutschland: Mein Mann, der Leugnerer

Carole P. und ihr Mann Eberhardt sind über Folgen und Auswirkungen von Corona im Dissenz.

Es wird Sie erstaunen, aber mein Mann glaubt auch nach 20 Monaten immer noch an alles, was man ihm sagt. Er ist zum Beispiel der festen Überzeugung, dass seine Immunisierung davon abhänge, dass alle anderen auch immunisiert sind. Sonst können es ja nicht funktionieren, sagt er, denn auch bei einer Feier werde es nur lustig, wenn alle ordentlich getrunken hätten.  

Die Funktionsweise, an die er glaubt,  beschreibt er gern mit einem Beispiel von der Autobahn. Wenn er dort nur 130 fahre, aber alle anderen  180,  dann komme  ja logischerweise später am Ziel an als andere, die erst nach ihm losgefahren seien. Das sei zutiefst ungerecht, findet er. Deshalb ist Erhard ganz wild auf ein Tempolimit. Wenn alle nur noch 130 fahren dürfen, sagt er dann immer, dann gebe es für alle Chancengleichheit. Die früh starten, kommen auch früher an, früher jedenfalls als die, die später losgefahren sind.

Mein Mann, das Kollektivwesen

So geht das die ganze Zeit, seit Monaten. Mein Mann vertritt die Ansicht, alle oder keiner. Er nennt das Gerechtigkeit und was die Pandemie betrifft, ist er von keiner noch so jähen Wendung zu irritieren. Als es hieß, Masken nützten gar nichts, weigerte er sich beharrlich, eine zu tragen. Das habe ja keinen Sinn. Als dann verkündet wurde, man wisse es jetzt besser und ganz genau und es nun unumgänglich, dass jeder immer eine Maske trage, nahm er seine kaum mehr ab. Das sei der einzig wirksame Schutz, beharrte er. Nicht einmal daran erinnern durfte ich ihn, dass es eben noch ganz anders gewesen war.

Mein Mann ist ein Kollektivwesen, immer schon. Er schaut sich um und macht, was alle machen. das war Pool so, als wir noch reisen durften. Und es ist heute so, wenn wir einkaufen gehen. Ich denke inzwischen wirklich, mein Mann ist ein schwerer Fall. Stellen Sie sich vor, er hat sogar geglaubt, dass das Lesen eines Buches auf einer Bank im Park durch herumfliegende Aerosole tödlich enden könnte. Warum verbrennen sie nicht einfach alle Bücher, um die Versuchung aus der Welt zu schaffen, hat er mich damals ernsthaft gefragt. Als ich gesagt habe, dass ich denke, dass er langsam durchdreht, hat er mich nur angeguckt. Das stände so überall, hat er gesagt. Dass das Leseverbot das Gesundheitswesen schütze, die Gesellschaft und unser aller Leben. 

Grundrechte oder Tote

Von Grundrechten wollte er schnell nichts mehr hören. Was solle er mit Grundrechten, wenn erst tot sei, sagte er. Im Familienchat bombardierte er uns mit dubiosen Angaben aus angeblich amtlichen Quellen und Fakten, die sich schon wenig später als falsch herausstellten. Ich habe es neben ihm im Zimmer oft nur unter Kopfhörern ausgehalten. 

Immer häufiger trieben uns unsere unterschiedlichen Ansichten rund um die Corona-Pandemie dazu, gar nicht mehr miteinander zu reden.Wenn doch, warf er mir „maximale Durchlässigkeit an der Blödsinnsflanke“ vor, die niemandem helfe. Was es jetzt brauche, sei nicht mehr Offenheit, mehr Gespräch oder eine ergebnisoffene Debatte, sondern ein scharfer Keil. Einer, der die Gesellschaft spalte – die Vernünftigen wie er auf der einen Seite, die Grundrechtsmeckerer, sonannte er mich am liebsten, auf der anderen. 

Zerrbilder im Kopf

Wenn davon die Rede ist, entsteht schnell ein Zerrbild im Kopf, als würde das Land in zwei gleich große Teile zerfallen. Doch so ist es nach meiner Beobachtung gar nicht. Es gibt keinen gefährlichen Teil der Gesellschaft, den man vom gefährdeten Teil abkratzen kann wie eine Warze. Jeder ist alles, viele haben Bedenken und Sorgen, keiner fühlt sich mit alldem wohl oder sicher.

Außer mein Mann. Er machte ernst mit seinem Keil in Freundschaften und Beziehungen. Wir haben Freunde verloren, aber er sagte, um die sei es nicht schade. Die sollten doch nach Sachsen gehen, höhnte, dort könnten sie in Ruhe sterben. In der Familie wurde nicht mehr offen geredet, weil er jeden Hauch Kritik an irgendeiner Maßnahme als unzulässigen Irrglauben bezeichnete, der wohl aus absurden Telegram-Kanälen komme. Für meinen Mann steht ja fest, dass außer ihm niemand selbst denken kann. Also kann nach seiner Logik auch niemand selbst darauf kommen, dass es ziemlich verrückt ist, von einer Immunisierung zu reden, die dann gar keine ist. Kann man ein bisschen immun sein, habe ich ihn gefragt? Die Mutter Gottes sei überhaupt nicht schwanger geworden und habe trotzdem ein Kind bekommen, hat er erwidert.

Ehen zerbrechen still

Wie das eine Paarbeziehung mitnimmt, davon lesen Sie nirgendwo. Dass eine Ehe daran zu zerbrechen droht, dass der eine jede Zahl und jede Tagesparole für bare Münze nimmt, die ihm irgendeine Fernsehfrau vorliest. Ohne auch nur einmal in all den Monaten nachzuschauen, was da wirklich steht, beim RKI, bei der Stiko, der Ema oder beim Divi.

Das gehe uns nichts an, hat er gesagt. Das sei Sache der Fachleute. Jeder müsse seine Aufgabe erfüllen, gerade in so einer Pandemie. Als ich sagte, komm, dann lass uns zu der neuen Beratungsstelle gehen, die genau in solchen scheinbar aussichtslosen Situationen hilft, wo man als Menschen nicht mehr miteinander ins Gespräch kommt, hat er abgelehnt. Dabei hatte ich mir viel versprochen von einem Besuch dort, denn die sind offenbar spezialisiert auf Hilfe für Angehörige von Verschwörungstheoretikern, also Leuten, die unter Freunde, Verwandten und Bekannten ihre Wahrheiten verbreiten und nicht mal ans Nachdenken kommen, wenn sie zum zehnten Mal feststellen müssen, dass schon wieder alles gar nicht mehr stimmt.

Schweigen oder Explosion

Inzwischen sind wir beide ein echt extremer Fall. Wir sitzen da und schweigen uns an, weil wir ahnen, dass der andere explodiert, wenn wir nicht verhindern, dass wir irgendwie wieder bei dem Thema landen, das bei uns nur „nichtdasschonwieder“ heißt. Aber ich fürchte, es gibt mehr Paare, denen es so geht. Wo einer sich mit dem anderen im Krieg befindet, weil der eine von Anfang an gesagt hat, dass wir wohl immer impfen gehen werden müssen und der andere versicherte, das sei mit zwei Piksen für immer erledigt. Ja, auch das war so ein Punkt, wo ich meinen Mann kopfschüttelnd angeschaut habe. Wenn du einen Impfstoff herstellen würdest, habe ich gesagt, wäre der dann so, dass ihn nach zwei Spritzen niemals mehr jemand braucht?

Er hat mich beschuldigt, zu hetzen. Meine Skepsis sei eine Argumentation auf Gefühlsebene, die er ablehne. Ich habe geantwortet, dass mir seine Verschwörungserzählungen wirklich ein Gefühl der Angst machen. Dass ich einfach nicht kapiere, wie ein studierter Mensch, den ich fast ein ganzes Leben lang kenne, egozentrischen Selbstdarstellern wie dem Lauterbach, dem Spahn oder dem Söder an den Lippen hängen kann und denen jedes Wort abkauft, selbst wenn die das Gegenteil von dem sagen, was sie 24 Stunden vorher gesagt haben. 

Es bringt nichts, das weiß ich. Mein Mann lebt in seiner eigenen Welt als Mutanten, tödlichen Bedrohungen an Einkaufswagengriffen, völkischer Disziplin und eisernem Durchhalten bis zum Endsieg über das Virus. Aber das bewusst wahrzunehmen und anzusprechen, ist mir total wichtig. Er lässt mich ja nicht mehr so oft allein raus, die Ansteckungsgefahr sei einfach zu groß auch für dreimal Geimpfte, sagt er. Und dann riskiere er ja auch selbst sein Leben. Dagegen mit Wahrscheinlichkeiten zu argumentieren, ist vergebene Liebesmüh und es gießt unter Umständen nur noch mehr Öl ins Feuer.

Unsere unterschiedlichen Ansichten zur Corona-Pandemie, sein Festhalten an den ganz eigenen wechselhaften Wahrheiten aus Politik und Medien, mein skeptisches Herangehen und Nachfragen, sie haben viele Brücken, die es früher zwischen uns gab, abbrennen lassen. ich musste erkennen, dass einem Menschen, der tief im Inneren der Ansicht ist, dass alles, was es an Organisationsversagen, Systemversagen, Führungsversagen und Staatsversagen gibt, ausschließlich auf Kosten von Verschwörungsgläubigen, Querdenkern und Ungeimpften geht, durch keine Tatsache mehr ins Zweifeln gebracht werden kann. 

So ein Mensch hat wie mein Mann nach einem monatelangen Radikalisierungsprozess ein fest geschlossenes Weltbild, dessen Fronten nach außen verhärtet sind. Mein Mann sucht nicht mehr nach Informationen, die ihm ein Verstehen von alldem Verrückten erlauben, das uns umgibt. Er sucht nur noch nach Bestätigung seines Glaubens daran, dass die da oben ganz genau wissen, was zu tun ist und warum es heute das Gegenteil von dem ist, was gestern zu tun war.

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