Eiszeit: Kommunale Wärmezentren gegen die Gaskälte

Bevor der Winter kommt, müssen gesetzliche Regelungen zur Aufteilung der sozialen Restwärme im Land getroffen werden. Doch bisher fehlt es an jeder Vorausplanung: Deutschland taumelt blind in die nächste Katastrophe.

Eben noch Heißzeit, eben noch Hitzenotstand und ein Gasausstiegsplan, der bis ins kommende Jahr reichte. Und nun blickt Klaus Müller, als Chef der Bundesnetzagentur oberster Verantwortlicher vielleicht bald nötigen Energie-Triage, sorgenvoll auf das Ende des Jahres. Er prophezeie schon jetzt, dass man in der kommenden Heizperiode über viele furchtbare Einzelschicksale von Menschen hören werde, die aufgrund der hohen Gaspreise ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können, so der frühere Minister in Kiel und spätere Geschäftsführer des Verbraucherzentrale Bundesverbandes.  

Beim Berliner Fachkongress für „Wehrhafte Demokratie“ wies der grüne Politiker auf die Notwendigkeit hin, die drei Monate bis zur nächsten Heizperiode zu nutzen, um die Gasthermen in Deutschland richtig einzustellen. Zudem sei unverständlich, warum sich niemand in Deutschland in „keinster Art und Weise“ um die Versorgungssicherheit Gedanken gemacht habe.

Es droht eine Eiszeit

Nun ist es zu spät, der Winter kommt. Es droht eine Eiszeit in den deutschen Wohn- und Schlafzimmern. Während der Klimawirtschaftsminister noch dafür wirbt, die Heizungen zwei Grad herunterzudrehen, stehen viele Alte, Kranke und Geringverdiener vor der Frage, wie sie ab November überhaupt noch heizen sollen. Für viele sind Elektroheizkörper die einzige Alternative, hier aber drohen neben hoher Nachzahlungen auch Überforderungen des Netzes. Kanonenöfen und Kamine hingegen, auf traditionelle rumänische Art mit einem Ofenrohr durch die Fensterscheibe verbunden, erfordern Brennmaterialen wie Kohle, die die einen nicht mehr nutzen wollen, die anderen aber auch nicht mehr bezahlen können.

Kälte gilt als stiller Killer. Sie fordert jedes Jahr zahlreiche Todesopfer, schafft es aber trotz 20 Mal höherer Sterberate nie so prominent in die Schlagzeilen wie die klimabedingte Hitze. Dabei sind es auch hier die Geschwächten, die Anfälligen, wenig Widerstandsfähigen und Armen, die zuerst dran glauben müssen: In Deutschland zählt das Statistische Bundesamtes über die Jahre 1950 bis 2013 ein Viertel mehr Todesopfer zwischen Dezember bis Februar im Vergleich zu den Sommermonaten.

Appelle reichen nicht

Appelle allein reichen da nicht, sagt der sächsische Unternehmer Kevin Schnitte, der heute schon mit sorgenvoller Miene auf den Winter schaut. Man dürfe sich nicht täuschen lassen von sommerlichen Temperaturen und selbst abendlicher Ausgehwärme, mahnt der Parfümeur und Duftinnovator. „Wir brauche Vorsorge, der Staat muss fit gemacht werden, um in der kalten Jahreszeit helfen zu können.“ Ein klarer gesetzlicher Rahmen gehöre dazu, glaubt der in der Kommunalpolitik engagierte Erfinder der Restaurant-Kette Tali-Bar. Auch müssten die finanziellen Grundlagen für Hilfspakete jetzt gelegt werden. „Der Bundestag darf nicht einfach so in die Sommerferien verschwinden.“ 

Schnitte, der Sachsen mit seinen abgelegenen Dörfern und Weilern und einsamen Vorwerken am Rand verlassener Städte gut kennt, ahnt die Schicksale voraus, von denen auch Klaus Müller gesprochen hat. „Erst kann die alte Witwe ihre Energierechnung nicht mehr zahlen, dann steht sie nicht mehr aus den Bett auf, dann erfriert sie einfach.“ Als junger Mann hat Schnitte mehrere Semester Kältetechnik studiert, er weiß, wovon der spricht. „Normalerweise werden beim Menschen innere Organe und das Gehirn, konstant auf einer Temperatur von 36 bis 37 Grad gehalten, weil das für die optimale Funktion der Organe notwendig ist“, erklärt er. Die Temperatur der Peripherie, also die von Armen und Beinen, liege dagegen in der Regel niedriger und könne stark schwanken. „Droht die Körpertemperatur durch äußere Einflüsse zu sinken, frieren wir, das ist ein Warnsignal des Körpers, dass Unterkühlung droht.“

Lebensbedrohliches Absinken

Danach gehe alles sehr schnell. „Wenn der Wärmeverlust größer wird als die dem Körper mögliche Wärmeproduktion, sinkt die Körpertemperatur ab, die zur Aufrechterhaltung der Organfunktionen notwendigen Stoffwechselvorgänge verlangsamen sich.“ Lebensbedrohlich werde der Vorgang bereits ab 30 Grad Celsius. „Unter 26 Grad Celsius besteht keine Überlebenschance mehr.“

Was aber tun? Wie gegensteuern? In einem Schreiben an Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat Kevin Schnitte auf die vielerorts im Lande leerstehenden Impfzentren hingewiesen, die sich schnell und unbürokratisch zu kommunalen Wärmezentren umwidmen ließen.  „Der Bundestag muss allerdings zuvor die Finanzierung sicherstellen.“ In den kommunalen Wärmezentren könnten Frierende Zuflucht suchen, wenn es zum Schlimmsten kommt und ein russischer Gaslieferstopp vor dem geplanten deutschen Gasausstieg erfolgt, während gleichzeitig eine sibirische Kältekralle wie 2021 zuschlägt.

Angriff mit der Energie-Waffe

Die Gefahr zehntausender Opfer eines solchen Angriffes mit der „Energie-Waffe“ (Robert Habeck) dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Schnitte. Es sei eine Illusion, zu glauben, dass nur um ein wenig Verlust an Bequemlichkeit gehe. „Frieren für den Frieden, Bibbern gegen Putin, das sind lebensbedrohliche Vorschläge“, so der Firmengründer, der als junger Mann in den Ferien auch mal Notfallsanitäter arbeitete.

 Kleine Menschen, also vor allem Kinder und alte Leute, haben im Verhältnis zum Körpervolumen eine größere Oberfläche als große Menschen“, erläutert Kevin Schnitte. „Deshalb kühlen sie schneller aus.“ Das betreffe eben alle vulnerablen Gruppen, als geschwächte Menschen,  Hungernde oder Kranke, denn sie „können weniger Wärme bilden“. Das betreffe auch Menschen, die glaubten, sich mit Hilfe von Alkohol innerlich aufwärmen zu können. „Damit erreicht man genau das Gegenteil, man kühlt aus, schläft ein und wird vielleicht nie wieder wach.“ 

Konzepte zum Wärmeschutz

Er vermisse vom Bundesgesundheitsminister ein umfassendes Konzept zum Wärmeschutz im Winter, das sowohl Aufklärung vor Kältegefahren als auch die Einrichtung von Wärmeinseln umfassen müsse. „Aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob Herr Lauterbach die Problemlage schon erkannt hat.“ Die Rechnung werde wohl auch diesmal die gesamte Gesellschaft zahlen, die wie bei Corona blind in die absehbare Katastrophe taumele. „Kommen alle ungünstige Umstände zusammen, können Menschen auch schon bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt den Kältetod erleiden“, mahnt Kevin Schnitte, der befürchtet, „dass wir in sechs Monaten die ersten Beweise dafür präsentiert bekommen werden“.

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