Ende der Entlastungsdiskussion: Wie ein Spuk vorbei

Die große deutsche Entlastungsdiskussion erreichte ihren Höhepunkt Mitte September. Dann fiel die Entscheidung, dass sie beendet werden könne.

Schneller und besser geht es nun wirklich nicht. Hans Achtelbuscher ist ein überaus erfahrener, mit allen Aufregungskomplexen des inneren deutschen Gesprächs vertrauter Forschender, der sich bereits seit mehr als einem Jahrzehnt speziell mit dem großen Komplex des sogenannten Themensterbens in den deutschen Leitmedien beschäftigt. Achtelbuscher, hauptberuflich Professor und Forschungsleiter am An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung, hat für die Messung der Schwundrate der öffentlichen Aufmerksamkeit die weltweit erste Maßeinheit Emp erfunden, die seitdem für „einheitliche Empörung“ steh. Im Emp lässt sich zwar nicht messen, was Menschen aufbringt. Doch die Ausschläge auf der Skala zeigen deutlich, was Politik und Medien als sogenannte „Aufreger“ jeweils empfehlen.

„Geradezu erdbebenhaft“

Da halte ein Thema mal länger und mal kürzer, sagt Hans Achtelbuscher. Zusammenhänge zwischen faktischer Bedeutung und ausgelösten Aufregungswellen hätten sich in der Vergangenheit kaum wissenschaftlich nachweisen lassen. So seien mediale Marginalien schon zu Zeiten der heute abgetauchten Eva Herman und des ehemaligen Sozialsenators Thilo Sarrazin bereits vor Jahren „geradezu erdbebenhaft“ (Achtelbuscher) wahrgenommen worden, obwohl ihre tatsächliche Bedeutung für das Alltagsleben der Bürgerinnen und Bürger bei Null gelegen habe. Doch gerade dadurch habe sich der Brauch einer kompletten Loslösung von Rolle und Bedeutung etabliert, beschreibt der ausgebildete Entroposoph. „Je weniger wichtig, umso größer die Zeilen und umso länger bleibt der Ball in der Luft.“

Die Regel bestätigt diese Regel, wie Achtelbuscher Forschungsgruppe jetzt anhand der über Monate immer wieder stichflammenartig ausbrechenden Entlastungsdiskussion nachweisen kann. Bei diesem Topic handelte es sich über Monate um den Versuch der Bundesregierung, möglichst geldsparend für Ruhe im Land zu sorgen. Während der Finanzminister aufgrund der explosionsartig steigenden Preise Rekordeinnahmen verbuchte, wurde die Bevölkerung mit einigen symbolischen Gesten und finanziellen Brosamen besänftigt. 

Eine „Diskussion“ um diese offiziell „Entlastungsmaßnahmen“ genannten Almosen erfolgte nie und nirgendwo. Stattdessen traten die drei Parteiführer Scholz, Habeck und Lindner jeweils vor die Kameras der Hauptstadtpresse, verkündeten ihr Urteil und ließen Papiere verteilen, auf denen von hohen bis sehr hohen Milliardensummen die Rede war.

Billig rausgemogelt

Eine Strategie, der der erfahrene Medienbeobachter Hans Achtelbuscher nun allen Respekt erweist. „Anfangs haben wir gezweifelt, ob es wirklich gelingen kann, sich so billig aus einer so bedrohlichen Situation herauszumogeln“, bekennt der Spezialist für das erste Gesetz der Mediendynamik, nach dem die Welt in keinen Schuhkarton passt, unweigerlich und immer aber in ganz genau 15 Minuten Tagesschau. Er sei in Sorge gewesen, ob die mediale Aufführung einer angeblichen Diskussion um notwendige Hilfen für die Bevölkerung eine solche Diskussion tatsächlich vollständig ersetzen könne, gesteht der 58-jährige Forscher. „Heute muss ich im Grunde mein Haupt neigen und sagen, ja, Glückwunsch nach Berlin, es hat alles geklappt.“

Wissenschaftlich gesehen sei es gerade die nie überschießende, aber auch nie ganz beerdigte Debatte um die von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin früh auf den vielversprechenden Namen „Entlastungspaket“ getauften Hilfen gewesen, die die Lage entspannt habe. „Es gab nie wirklich Hilfen, aber in der Luft hing immer ein Gefühl von Versprechen“, beschreibt Achtelbuscher. Sämtliche Medien im Land hätten die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger nach Kräften gepflegt, „als werde das Orchester von einem besonders talentierten Chef dirigiert“. 

Bis hin zum famosen Finale, das Mitte September mit einer großen Kadenz bundesweit gefeiert wurde, handele es sich hier um „ganz große Oper“, so Achtelbuscher: „Bitte beachten Sie, dass die Frage der Entlastungen mit diesem fantastischen Schlussstrich rund um die Gasumlage endgültig beerdigt worden ist.“

Der Medienarm der Ampel

Er habe so etwas in all seinen Jahren an der Medienfront noch nicht gesehen, gesteht der Professor. Mit Hilfe der großen Leitmedien, an deren „Chorgesang“ (Achtelbuscher) sich der regionale Nachtrab im Land stets getreulich orientiere, werde es der Ampel faktisch gelingen, ohne einen einzigen zusätzlichen Cent vom Winter bis in den Winter zu kommen. Der Medienenthropologe zollt dieser „ganz feinen Leistung“, wie er es hochachtungsvoll nennt, höchste Anerkennung. „Wir konnten  zuschauen, wie Hilfsleistungen auch an die Ärmsten der Armen und die vielen Armutsgefährdeten nach und nach durch Zusicherungen ersetzt wurden, eines Tages Hilfsleistungen gewähren zu wollen.“

In der Medientheorie eine Taktik, die Achtelbuscher zufolge in der Geschichte der Propaganda nie länger als einen oder zwei Monate getragen habe. „Normalerweise wächst sich die Ungeduld dann soweit aus, dass zumindest gestisch etwas Faktisches geschehen muss.“ Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel sei dieser Grundlehre noch getreulich gefolgt, als sie auf dem Höhepunkt des „Zustroms“ (Merkel) von Flüchtlingen als Ablenkungsmanöver eine „europäische Lösung für die nächsten 14 Tage“ versprochen habe. 

Als alter homo politicus wusste Merkel natürlich, dass ihr das vier Wochen Manöverfreiheit bringt.“ Zudem habe die Ostdeutsche aus Hamburg darauf setzen dürfen, dass nach Ablauf der Zeitspanne wie üblich andere Themen in den Vordergrund worden wären. „Und so kam es dann auch – aus 14 Tagenw urden schließlich fünf Jahre und Merkel musste nie eine Frage dazu beantworten, was denn nun aus ihrer europäischen Ösung geworden war.“

Permanente Vertröstung

Die Ampel-Koalition hat daraus gelernt. Von Anbeginn der neuen Großkrise setzte sie mit ihrer „Strategie der permanenten Vertröstung“, wie sie Achtelbuscher nennt, allerdings auch auf ein viel höheres Risiko. „Niemand in der Wissenschaft hätte zuvor geglaubt, dass man 80 Millionen Menschen in mehr oder weniger großer Existenzangst wirklich über volle zwölf Monate ruhigstellen kann, indem man ihnen immer wieder vom Pferd erzählt, wie wir das in meiner Heimat in Niedersachsen nennen“, schmunzelt Deutschlands wohl bekanntester Medienforscher selbstkritisch. 

Dennoch sei es gelungen, „auch, weil sich gezeigt hat, dass die Klagen über eine Lügenpresse, die viel Vertrauen verloren habe, weitgehend substanzlos waren“. In der Realität zeige sich ein Bild, in dem Medien auf breiter Front homöopathische Medikamente gegen die Angst vor dem Wohlstandsverlust verteilen, die sogar bei akut galoppierendem Wohlstandsverlust wirken. 

Bedenken Sie bitte, dass jemand, der am Anfang diesen Jahres noch 100.000 Euro für seinen Ruhestand zusammengespart hat, heute nur noch über ein kaufkräftiges Vermögen von knapp 90.000 Euro verfügt, das im kommenden Jahr auf nur noch schmal über 80.000 schrumpfen wird, wenn alles sehr gut läuft.“ Dessenungeacht herrsche landauf, landab wie schon in der Corona-Pandemie das wohlige Gefühl, von der Regierung gut geschützt zu werden vor den Unbilden der Krise. „Dazu kann man alle Beteiligten von den Parteizentralen über die BWHF, die Pressestellen, die NGOs und privaten wie gesellschaftseigenen Medienhäuser nur beglückwünschen.“

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