Ende der Illusionen: Erwachen in der Wirklichkeit

Zurück im Modus strengerer Zeiten: Plötzlich zeigt sich, wie unvorbereitet die Generation Friedensdividende auch auf diesen Ernstfall war.

Man hatte sich behaglich eingerichtet in seiner Welt aus Klimasorgen, Gerechtigkeitskampf und sozialer Umverteilung bis in feinste Endverästelungen. Nun ist die Wirklichkeit von Macht- und Weltpolitik zu Besuch gekommen: Ein früherer Partner, dem man nie richtig getraut hat, lässt alle Verstellung fahren und entpuppt sich als der Feind, für den man ihn  tief drinnen immer hielt.

Der Schock sitzt, die Hilflosigkeit ist mit Händen zu greifen in den Politikerinterviews, Talkshows und Nachrichtensendungen. Was soll man tun? Was kann man tun? Nun, die „Erfurt“ ist in See gestochen, eine Korvette mit drei Kanonen und 65 Mann Besatzung. Aber wird sie die Ukraine entsetzen können? Einen Seeweg offenhalten aus Kiew über die Kurische Nehrung in die Ostsee?  Obwohl der Kanzler selbst die Ukraine schon nach einem halben Tag aufgegeben hatte – sogar noch etwas schneller als vorher zu erwarten gewesen war?

Wirklichkeit kommt zu Besuch

Auf einmal ist die Wirklichkeit zu Besuch. Und zum ersten Mal seit langer Zeit ist es die Wirklichkeit der Gegenwart, die sich wenig beeindrucken lässt von den routinierten Versuchen, Konferenzen zu veranstalten, um Verträge zu schließen, die auf Erfüllungstermine in einer möglichst fernen Zukunft gelegt sind, wenn niemand mehr, der heute ihren Abschluss beklatscht, fragen wird, warum aus all den tollen Absichten so gar nichts geworden ist. Im Augenblick wird taggenau abgerechnet. Und da steht unterm Strich in der Regel eine Null.

Wie schon vor der Finanzkrise, der Staatsschuldenkrise, der Pandemie und der Lieferkettenkrise hat es an Vorbereitung gefehlt. Niemand hat nichts geahnt, keiner hat einen Plan gemacht, schon gar keinen Plan B. Und nun im Krieg sind die Planungszeiten naturgemäß kürzer, die Ausrede, man stimme sich erst mal noch mit den Verbündeten ab, hält nicht mehr ein halbes Jahr, sondern allenfalls ein paar Tage. Dann wird selbst die konsternierte Öffentlichkeit zappelig, dann muss etwas passieren, das über den routinierten Solidaritätsbeleuchtungswechsel hinausgeht.

Regierungsvertreter*innen im Krisenschock

Das Schönwetterregime der Klimaplaner, Genderforschenden und selbsternannten „Regierungsvertreter*innen“ aber steht unter akutem Krisenschock. Schon wieder Querschüsse, schon wieder Hindernisse zwischen Klimawollen und Könnenkönnen. Ein Volk mit einer Regierung, die sich auf eine Armee stützt, die  zwei Wochen braucht, um 5.000 Helme 800 Kilometer weit über europäische Autobahnen zu transportieren, hat das Erbe der Blitzkrieger von einst zweifellos tatsächlich hinter sich gelassen. 

Was aber liegt vor ihm? Jetzt, wo der oberste Heerführer erkannt hat, wie „blank“ seine Truppe dasteht? Wo die Verteidigungsministerin sich Sorgen macht um die Wehrfähigkeit und der Oppositionsführer glaubt,  aus einer Illusion erwacht zu sein, die „einem Neuanfang der Formulierung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik“ erfordere. Die Antwort des intersektionellen Feministen im Kanzleramt steht noch aus, vorerst hat er dem Aggressor klargemacht, dass es für ihn keine Hoffnung gibt: „Wir sind entschlossen und handeln geschlossen. Darin liegt unsere Stärke als freie Demokratien. Putin wird nicht gewinnen.“

Angst und Bange im Kreml

Dass dem Mann im Kreml da nicht Angst und Bange wurde, scheint nach normalen menschlichen Maßstäben kaum vorstellbar. Und das ist ja erst der Anfang. Im gesamten Westen, wo man seit dem „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) in der Vorstellung gelebt hatte, die Welt sei nun gut und die Zeit reif, ihr mit Hilfe von Regenbogenfahnen, Lieferkettengesetzen, Klimaverträgen, künstlerischen Radierungen in der Geschichte und einer neuen Kunstsprache aus Sternen, Sprechpausen und Fantasiebegriffen die letzten Meter ins Himmelreich der vollendeten sozialistischen Gesellschaft, bebt die Erde im Augenblick der Erkenntnis, dass diese „Utopie“, die man sich „ausgemalt & obsessiv verfolgt“ (Friedrich Merz) hat, gar keine ist, der die ganze Welt begeistert folgt.

Erschreckt stellt der Westen fest, dass er nur noch Zuschauer*in seiner eigenen Geschichte ist. Die neue Realität ist konfrontiert mit anderen Fragen als der Klimakatastrophe, dem Gender-Pay-Gap und der drängenden Frage der Reduzierung der Plastikmüllmengen in den Weltozeanen durch ein ausgeklügeltes Trinkhalmverbot in der EU und im Handumdrehen verwandeln sich die Beschwichtiger und Gesundbeter von eben in Mahner, Warner und Ichhabsschonimmergesagthabende, die den Ruck fordern, der immer gefordert werden muss, wenn alles in die Hose gegangen ist und niemand es merken soll.

Leben von der Friedensdividende

Blauäugigkeit und Naivität? Oder doch eigentlich die eher verständlichen Positionen einer Generation von Kuponschneidern, die – oft ohne jede Berufserfahrung, ohne reguläre Erwerbsbiografie und zuweilen sogar ohne abgeschlossenes Studium oder Ausbildung – gemütlich und ohne Böses zu ahnen von der Friedensdividende zu leben planten, die Oma, Opa, Vater und Mutter zusammengespart hatten. Von Goethes Rat, „was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“ ist ihnen stets ein Rätsel geblieben, was der Dichter mit „erwirb“ gemeint haben könnte. 

Ein fassungsloser Kevin Kühnert, eine verzweifelte Christine Lambrecht, eine Annalena Baerbock, die nicht einmal haspelt, ein Robert Habeck, der von allem redet, nur nicht mehr vom Klima, und ein Kanzler Olaf Scholz, der sich das sichtlich alles ganz anders gedacht hatte: Auf diesem Personal ruhen alle Hoffnungen. 

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