Energieausstieg: „Merkelgas? Wir brauchen es nicht“

Herbert Haase vom Klimawatch-Institut in Grimma sieht den Ausstieg aus dem Russengas als Chance.

Kleines Karo, dünne Argumente, fehlendes Selbstbewusstsein und Ziele, die mit Moral gar nichts zu tun haben. Herbert Haase vom Klimawatch-Institut (CLW) im sächsischen Grimma ist aufgebracht. Der Energieforscher macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für Richtung, in die die deutsche Sanktionsdebatte läuft, angeführt von Wirtschaftsweisen wie Veronika Grimm,  Dirk Messner vom Umweltbundesamt und anderen Apologeten einer zaghaften Annäherung an den Gedanken eines temporären Wohlstandsverzichtes.  

Haase, der am CLW die Heizkraft des Wollens entdeckt und beschrieben hat, fordert mehr Einsatz, mehr Entbehrung und ein Ende der weitverbreiteten Vorbehalte, Deutschland könne es beim Energieausstieg®© nicht schaffen, ohne russische Fossile auszukommen, indem es ganz auf eine noch unerprobte Vorstellungstechnologie setzt. Der Experte widerspricht klar. Es sei möglich und sogar mehr als das. Ein Gasembargo halte er schon rein rechnerisch für mehr als handhabbar, daran könne es keinen Zweifel geben. „Das schont den Geldbeutel und ärgert Putin.“

Die Hälfte der russischen Lieferungen könnten durch Einsparungen kompensiert werden, das gestehen sogar skeptische Kolleginnen zu“, formuliert Haase in Richtung von Veronika Grimm. Aus seiner Sicht aber spricht gar nichts gegen ehrgeizigere Ziele. „Wenn wir die Hälfte schaffen,m warum dann nicht alles?“ Haase will den gesellschaftlichen Konsens, befördert durch eine kollektive Anstrengung, die notwendig wird, wenn es nicht andres geht. „Dann sind Menschen zu titainischen Dingen fähig“, sagt er zuversichtlich.

Im PPQ.li-Interview erklärt der Wissenschaftler, warum ein Lieferstopp russischer Gaslieferungen gar kein problem wäre, würde er sofort von einem Öl- und Kohleboykott flankiert und psychologisch gut  vorbereitet, indem die derzeit hohen Preise für fossile Energieträger nicht nur nicht gesenkt, sondern weiter angehoben werden.

PPQ.li: Herr Haase, derzeit importiert Deutschland noch immer rund 40 Prozent seines Erdgasbedarfes aus Russland, 50 Prozent aller Energieverschwendung fließt in die Warmhaltung von Wohnungen, von Duschwasser und die Erwärmung von Speisen. Sie sagen, das sei alles gar nicht notwendig. Wie kommen Sie zu der Annahme? 

Haase: Das haben wir errechnet. Es gibt da gar keinen Zweifel, das bestätigt auch die Wissenschaftlerakademie Leopoldina neben vielen anderen Gruppen der Wissenschaft. Dass Deutschland 40 Prozent seines Gasbedarfes aus Russland bezieht, muss nicht sein, wenn wir uns klarmachen, dass das ohnehin alles nur zum Fenster hinausgeheizt wird, so oder so. Das sind alles nur kurzfristige Effekte, die damit erzielt werden. Und dafür fließen immer immense Summen nach Russland! Allein seit Kriegsbeginn sind mehr als 40 Milliarden Euro aus der Europäischen Union an Russland gezahlt worden, überwiegend für Energielieferungen, überwiegend allein dafür, Wasser warm zu machen. Das ist doch ungeheuerlich.

PPQ.li: Wenn Sie es so sagen, klingt es so. Aber das warme Wasser dient ja einem Zweck. Menschen heizen ihre Wohnungen damit, sie kochen Essen, sie duschen oder waschen sich zumindest die Haare. Das sind doch nachvollziehbare Bedürfnisse?

Haase: Das sieht im ersten Augenblick so aus. Auch wenn dadurch wird die Wirkung der Sanktionen gegen Russland abgemildert wird, denken wir, nun ja, es muss doch aber sein, ich muss doch Duschen, ich muss etwas Warmes essen und das Wohnzimmer soll auch nicht eisig sein. Dem Putin-Regime verschaffen wir so aber Spielräume, weiter zu eskalieren, weiter zu existieren. Für einen warmen Teller Suppe? Meinen wir das ernst? Das glaube ich nicht. Da sind die Deutschen doch inzwischen viel solidarischer.

PPQ.li: In der Theorie zumindest sicher. Aber in der Praxis? Wenn die Wohnung kalt ist und es gibt nur belegte Brote und Katzenwäsche mit Eiswasser? Es ist doch naheliegend, dass die Politik sich scheut, so weit zu gehen. 

Haase: Das ist kurzfristig gedacht. Selbst der Aufruf des Klimaminsters, Gold für Eisen zu geben, wenn auch diesmal nur im übertragenen Sinn, ist das. Wer auf diese Weise Schaden vermeiden will, der richtet größeren Schaden an, denn er erzeugt den Eindruck, dass es einerseits Gründe gebe, den Schaden unbedingt vermeiden zu müssen. Und andererseits Möglichkeiten, ihn am Eintritt zu hindern. das ist ein aus meiner Sicht falsches Erwartungsmanagement. Man nährt so den Glauben, es stehe zwar viel auf dem Spiel für Europa, spürbare Bequemlichkeitsverluste ließen sich aber doch irgendwie vermeiden. es wird Sommer. Es wird warm. Und über den Winter denken wir nach, wenn er wiederkommt. Ich bitte Sie. Das ist doch Fluxus!

PPQ.li: Sie sagen, mit sofortigen härteren Sanktionen hätten wir die Möglichkeit, die den Menschen deutlich zu machen, das die Lage ist, wie sie ist, und jeder mitmachen muss, um sie beherrschbar zu halten und handhabbar zu machen. Wie aber soll das gehen?

Haase: Das kann ich Ihnen in einem Satz sagen: Wenn es alle ist, hört es auf. So einfach. Kommt kein Gas mehr, wird nicht mehr geheizt, nicht mehr warm geduscht, wo man befeuert von der SPD und der CDU auf Merkelgas gesetzt hat. Und vielleicht auch nicht mehr gekocht. Vielleicht fällt auch hier und da mal der Strom aus, das wäre aber eher hilfreich im Sinn einer gesamtgesellschaftlichen Solidarität. Aber wäre es schädlich? Ach wo. Es ist doch so: Betrachten wir das ganze Bild, stellt sich nur die Frage, überlebt das die Gesellschaft? Oder geht sie zugrunde, weil es warmem Essen und warmen Duschen oder vielleicht an klimamörderischen Wannenbädern fehlt? Die Antowrt können Sie sich selbst geben.

PPQ.li: Nun, vermutlich wäre das kein Weltuntergang, aber auch kein Stimmungsaufheller, gerade mit Blick auf den Herbst und den Winter. Wie soll es denn dann weitergehen?

Haase: Ich bin sicher, dass wir viel mehr erreichen können, wenn wir frühzeitig beginnen und mit aller Konsequenz handeln. Wer bis zum nächsten November kalt geduscht hat, wird die warme Dusche kaum noch vermissen. Wer nicht mehr täglich Braten, Suppe oder heiße Würstchen schlemmt, wird im nächsten Winter vielleicht schon sagen, siehste, geht. Die Wirtschaft aber, die oft als Ausrede angeführt wird, weil ein Lieferstopp der Russen sie in die Rezession treiben würde, kann ihren Einfallsreichtum zeigen. In ähnlichen Situationen früher wurden Holzgasvergaser, Alaska-Seelachs und Karbidkautschuk als Ersatzstoffe erfunden. 

PPQ.li: es wird also nicht so schlimm, wie es aussieht?

Haase: Vor allem wird es alternativlos. Jammern bricht doch immer nur los, wenn Menschen glauben, die schlechtere Wahl von zwei möglichen treffen zu müssen, weil jemand sie dazu zwingt. Ist sie dann getroffen, arrangieren sie sich verblüffend schnell. denken Sie nur an die Finanzkrise oder die Corona-Pandemie. Das war nicht schön, aber irgendwie hat man es überstanden, es war ja das neue Normal. So wird es auch diesmal, nur mit noch höherer Inflation.

PPQ.li: Sie sagen, Deutschland könne ganz ohne russische Energieträgerlieferungen auskommen. Das haben Sie errechnet. Aber wie soll das gehen?

Haase: Das ist denkbar einfach. Kommt nichts, ist nichts da. Dann muss es so gehen. Und dann wird es auch so gehen. Man müsste dann nicht einmal mehr mit unsympathischen Partnern herumdealen, um die Speicher bis zum kommenden Winter ausreichend aufzufüllen. Das geht ja auch gar nicht, ohne dass die Hände wieder schmutzig werden: Was hierher umgeleitet wird, fehlt dann in Asien, etwa nach Japan oder Südkorea; der Aufbau der nötigen Infrastruktur für das Flüssiggas frisst außerdem Ressourcen. Wie gesagt, alles nur für warme Suppe, warme Dusche und den tagtäglichen Versuch, ein Zimmer, das im Durchschnitt in Mitteleuropa sowieso nie kälter wird als sechs, sieben Grad, mit hohen energetischen Verlusten selbst in vollgedämmten Wohnhäusern auf 20, 21 Grad zu bringen. 

PPQ.li: Wird es denn kurzfristig gelingen, diese harte Linie zu popularisieren? 

Haase: Man muss es versuchen, am besten, indem man vollendete Tatsachen schafft. Es wird nicht möglich sein, die gesamten russischen Lieferungen zu ersetzen, oder? Also wird es zu Verteilungskämpfen kommen, arm gegen reich, Wirtschaft gegen Private, der Staat mit seinen Büros gegen alle. Wollen wir das? Um den Verbrauch möglichst stark zu reduzieren, sollte es keine Importe mehr geben. Der Effekt von Einsparungen wäre dann umfassend und der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft widerlegt. Der hatte berechnet, dass der Gasverbrauch durch Einsparmaßnahmen um bis zu 20 Prozent reduziert werden kann – gerade mal die Hälfte der russischen Lieferungen. Wie würden diese Herren schauen, zeigten wir ihnen, dassglatt 100 Prozent die durch Einsparungen kompensiert werden können?

PPQ.li: Also keine kleinteiligen Anreize für private Haushalte, ihre Heizung um ein, zwei Grad herunter zu drehen, sondern ein Generalsparplan Gas und Co, nachdem man Gas, Öl und Kohle nicht mehr substituiert, sondern ignoriert?

Haase: Wo es möglich ist. Zum Beispiel kann man bei der Stromerzeugung Gaskraftwerke vorübergehend durch Braunkohlekraftwerke ersetzen, die aus unseren eigenen Gruben beschickt werden. Man kann in der Industrie rationieren, was an Verfügbarkeit nicht mehr zu gewährleisten ist. Man kann sich mal ein Brot machen statt Essen zu gehen. Tomaten auf dem Balkon ziehen und einen Pullover an, eine Unterhose oder unter eine Decke schlüpfen. 

PPQ.li: Das hört sich einfach an, wird aber im Alltag vieler Menschen zu Bschwernissen führen, oder? Wie wollen Sie die überzeugen?.

Haase: Durch Fakten. Es geht darum, die ehemals günstigen russischen Lieferungen nicht durch strukturell teureres und moralisch höchst fragwürdiges LNG zu ersetzen, sondern darauf zu verzichten. Die dadurch höheren Energiekosten fallen dann ebenso stark, im Grunde auf Null. Das dürfte dazu führen, dass die Wettbewerbsfähigkeit eines Teils der Industrie auch wieder zunimmt. Die große Herausforderung wird es wohl sein, diese Milchmädchenrechnung zu popularisieren, also allen Bürgerinnen und Bürgern klar zu machen, dass sie Teil einer großen gesellschaftlichen Bemühung sind, uns wirklich unabhängig zu machen. Die hohen Preise fossiler Energie dürfen deshalb jetzt auch keinesfalls gesenkt werden, wie das die Bundesregierung vorhat. Das konterkariert die Bemühungen, Gas einzusparen und vertreibt die Schreckensszenarien, die aktuell an die Wand gemalt werden, dass bald niemand mehr seine Gasrechnung bezahlen und keiner mehr das Benzin fürs Auto.Das sind doch Aspekte, die erleichternd wirken, wenn sie wegfallen.

FreeSpeech

FreeSpeech.international - Texte und Cartoons zur Meinungsfreiheit