Entspazifizierung: „Was trieb Frau A.K. ins Stadtzentrum?“

Ein Klassiker der Bezichtigungsliteratur: „Was trieb Frau A.K. ins Stadtzentrum?“ wird derzeit wieder häufig nachgedruckt.

Sie spazieren dreist durch die Innenstädte, oft stumm, häufig sogar ohne Plakate oder Flaggen, die politische Forderungen nach einer Rückkehr ins Kaiserreich oder die DDR verdeutlichen. Polizeiketten durchbrechen sie mit einem freundlichen Gesicht, selbst Verfassungsschutzbehörden und Polizei bescheinigen ihnen, Rechtsextremen widerrechtlich nachzulaufen, selbst aber zumindest teilweise noch mit einem Bein im bürgerlichen Leben zu stehen.  

Sogenannte Spaziergangsbewegung

Die sogenannte „Spaziergangsbewegung“ ist ein demokratisches Problem, nicht nur verwaltungstechnisch, auch medial. Trotz beinahe gänzlich ausbleibender Gewaltausbrüche kann der Staat auf Dauer nicht dulden, dass Tausende ohne Maske durch die Straßen „marschieren“ (DPA), während nebenan in deutschen Stadien teilweise nur Tausende Zuschauer zugelassen sind, die keine Masken tragen müssen. Eine Entspazifizierung tut not, die derzeit noch zuvörderst durch entlarvende Medienberichte über die Umtriebe der Spaziergängerei betrieben wird.

Vorbild einer Vielzahl von Texten ist dabei ein Klassiker aus der ostdeutschen Geschichte. Mit der Schreibtischreportage „Was trieb Frau A.K. ins Stadtzentrum?“ hatte die Leipziger Volkszeitung am 24. Juni 1989 erstmals Einzelheiten über die ungenehmigten Aufmärsche erklärter Staatsfeinde in Sachsen enthüllt. Schonungslos ging das Blatt damals mit der kleinen, lauten Minderheit ins Gericht, die ihre eigenen Ansichten über die alle anderen stellte, obwohl ihnen der sozialistische Staat eine wohlbehütete Kindheit geboten, ihre Ausbildung finanziert und sie stets genährt und warm eingekleidet hatte.

Unruhestifter und Provokateure

Diese Unruhestifter setzen sich mit ihrem Treiben in voller Absicht über die bei uns gültigen Normen des Zusammenlebens und über Rechtsnormen hinweg“, analysierte Rudolf Otto in seinem heute als Lehrstück politischer Erziehungsliteratur geltenden Text über die dunklen Seite der vermeintlich nur für Frieden, Freiheit und Demokratie demonstrierenden Menschen. Klare Worte, die zum Nachdenken anregen und so manchen seinerzeit zur Umkehr bewegten.

Und der Schoß ist furchtbar noch. Die TAZ sieht sich heute „an das Bild der Pegida-Aufmärsche erinnert“: „Die alten verbitterten Männer bilden nur eine Minderheit unter den lose Herumstehenden. Junge Leute beiderlei Geschlechts fallen ins Auge. Dazu die unvermeidlichen Hool-Typen, die später „Bullenschweine“ brüllen werden, und der kleinstbürgerliche Mainstream. Nicht gerade hochbegabte Wissenschaftler der ältesten Bergakademie Deutschlands in Freiberg, aber umgängliche, im Ansatz friedfertige Frustrierte“, bevölkerten die Spaziergangsszene, schildern Reporter aus Berlin aus Freiberg, einer Hauptstadt des Hasses.

Dass ihr Treiben die Gesellschaft spaltet, einen Keil zwischen Spaziergänger und die Bewegung der Spaziergangsgegner treibt, die Polizei unzulässig belastet und später auch die ohnehin überlasteten Gerichte beschäftigen wird, ignorieren diese oft aus früheren Pegidistenkreisen rekrutierten Gruppen und Grüppchen. 

Doch wie 1989 gilt: „Sie haben die Folgen ihrer provokatorischen Handlungen selbst zu verantworten“, den ihr Versteckspiel mit harmlos wirkenden Begriffen wie „Spaziergang“ ist von klugen Reportern längst enttarnt worden. Diese Provokateure finden „in eindeutig provokatorischer Absicht“ zusammen, um „gemeinsam mit Vertretern bestimmter Gruppierungen die öffentliche Ordnung zu stören, die Ruhe und Sicherheit der Bürger anmaßend zu beeinträchtigen und auf Konfrontation mit dem und mit unserer Gesellschaft zu gehen“, wie bereits vor 33 Jahren zutreffend herausgearbeitet wurde

Alle Vorzüge genießen

Es ist auch heute wie damals. Die Betreffenden wollen „alle Vorzüge genießen, aber unsere Gesellschaft negieren“, unverfroren versuchen sie, „auf der Straße entgegen allen gesellschaftlichen Normen die Leistungen und Errungenschaften der Gesellschaft in den Straßenstaub treten zu wollen. In vielen anderen Staaten träumen die Bürgerinnen und Bürger von einer solchen Fürsorglichkeit, wie sie die Bundesregierungen hierzulande seit Jahr und Tag garantieren, von einer soziale n Geborgenheit für sich und ihre Kinder, wie sie nur das beste Deutschland bietet, in dem je gelebt werden konnte. Und doch ist es nicht nur Frau A.K., „die sich zu denen gesellt, die ihr auf den Straßen verketzern und beleidigen wollen und darüber hinaus die öffentliche Ruhe und Ordnung stören.“

Ein Treiben, dem schnellstmöglich Einhalt geboten werden muss. Nachfolgend bietet PPQ.li den Originaltext aus den großen Tagen der Abwehrkämpfe gegen die später als „friedliche Revolution“ bekanntgewordene Demokratiebewegung in Ostdeutschland als Schreibschablone für die notwendige mediale Entspazifizierung.  

Was trieb Frau A.K. ins Stadtzentrum?

Es wären eine ganze Menge ehrenwerter Gründe denkbar, warum Frau A. K. aus Wurzen am vergangenen Montagabend in der Leipziger Innenstadt anzutreffen war.

Sie ist jung und hat dementsprechende Einkaufs- wünsche oder will sich einen neuen Film ansehen oder in der Eisbar den Feierabend genießen. Zeit hat sie, denn sie nutzt nach der Geburt ihres zweiten Kindes das hierzulande mögliche “Babyjahr”.

Aber nicht solche ehrenwerten Gründe bestimmten den Weg der Frau, sondern ein höchst verurteilenswerter.

Sie fuhr in eindeutig provokatorischer Absicht nach Leipzig, um gemeinsam mit Vertretern bestimmter Gruppierungen – darunter solche aus Halle, Dessau und Dresden – im Zentrum der Bezirksstadt die öffentliche Ordnung zu stören, die Ruhe und Sicherheit der Bürger anmaßend zu beeinträchtigen und auf Konfrontation mit unserem Staat DDR und mit unserer Gesellschaft zu gehen.

Das hatten Gruppen solcher Personen in den vergangenen Monaten schon einige Male versucht und hatten dazu im Januar schamlos auch das Gedenken an Karl Liebknecht/Rosa Luxemburg oder im März die Frühjahrsmesse mißbrauchen wollen.

Jetzt also war zu diesem Zweck auch Frau A. K. angereist.

Alle Vorzüge genießen, aber unsere Gesellschaft negieren


Welche Unverfrorenheit gehört dazu, zu Hause alle Vorzüge zu genießen, die unsere Gesellschaft den Bürgern und insbesondere den Familien zukommen läßt und dann auf der Straße entgegen allen gesellschaftlichen Normen die Leistungen und Errungenschaften dieser sozialistischen Gesellschaft in den Straßenstaub treten zu wollen.

Frau A. K. konnte sich in einer dreijährigen Lehrzeit auf den gewünschten Beruf vorbereiten, Sie bekam einen Arbeitsplatz als Facharbeiter in einem Betrieb. Sie erhielt bei der Geburt des zweiten Kindes eine bezahlte Freistellung von einem Jahr. Sie bekam bei Erkrankung der Kinder Unterstützung zu deren Pflege.

Bestimmt wird der Frau gleichermaßen bekannt sein, daß sie im anderen deutschen Staat, den sie für lebenswerter hält, ein solches Umsorgtsein, eine solche Fürsorglichkeit, eine solche soziale Geborgenheit für sich und ihre Kinder nie erwarten kann. Aber sie gesellte sich dennoch zu denen, die ihr Heimatland DDR auf Leipzigs Straßen verketzern und beleidigen wollen und dar- über hinaus die öffentliche Ruhe und Ordnung stören.

Diese Unruhestifter setzen sich mit ihrem Treiben in voller Absicht über die bei uns gültigen Normen des Zusammenlebens und über Rechtsnormen hinweg. Sie haben – das gilt auch für Frau A. K. – die Folgen ihrer provokatorischen Handlungen selbst zu verantworten.

Diese Leute werden zu willkommenen Handlangern jener Kräfte in der BRD, die unsere sozialistische DDR von innen her- aus so langanhaltend und tief- greifend “reformieren” wollen, bis die Agonie eintritt und vom Sozialismus nichts mehr übriggeblieben ist.

Genau das ist ihr Ziel. Seitdem es die DDR gibt und seitdem dieses Land ein neues Kapitel deutscher Geschichte schreibt.

Natürlich sagen das die Gralshüter des kapitalistischen Systems nicht immer so offen und so unverblümt, wie sie es 1949 oder im Juni 1953 oder vor dem 13. August 1961 gesagt und geschrieben haben. Aber ihre er- klärte Absicht ist es geblieben, sich im Gegensatz zu allen internationalen Verträgen und Verbindlichkeiten in die inneren Angelegenheiten der DDR ein- mischen zu wollen. Das ist Ausdruck Ihres anmaßenden AIleinvertretungsanspruchs, der längst in die Mottenkiste der Geschichte gehört, von Bonner Politikern aber entgegen den Realitäten immer wieder rausgezerrt wird.

Und dazu bedienen sie sich auch solcher Gruppen wie in Leipzig, denen sie empfehlen, sich “stärker in die inneren Angelegenheiten des Staates einzumischen”.

Die so reden und so handeln, scheinen übersehen zu haben, in welcher Vielfalt und mit welchem Tiefgang das Volk der DDR als Träger und Gestalter umfassender sozialistischer Demokratie sich einmischt, damit unsere gute, solide, stabile Entwicklung weiter voranschreitet. Mir ist nicht bekannt, daß es in der Bundesrepublik auch nur im entferntesten solche Möglichkeiten des Mitplanens, des Mitregierens, des Mitverwirklichens für die Werktätigen gibt.

An insgesamt acht Wahlveranstaltungen nahm ich vor dem 7. Mai teil, – von Zusammenkünften im kleinen Kreis der Etagenbewohner bis zur öffentlichen Wahlkreisberatung im überfüllten großen Saal. Dort hätten jene Leute, die sich auf eine den BRD-Ratgebern genehme Art mit ihren Provokationen in Leipzigs Zentrum in die inneren Angelegenheiten des Staates einmischen wollen, eine Lehrstunde produktiver, verantwortungsbewußter Einmischung kostenlos erleben und studieren können.

Leipziger Bürger fordern Ordnung, Ruhe und Sicherheit

Aber der A. K. und ihresgleichen geht es ja nicht um solcherart staatsbewußtes Verhalten. Sie suchen nicht die Kooperation mit den gesellschaftlichen Kräften, sondern die Konfrontation mit einer Gesellschaft, in der sie ohne Zukunftsangst aufwachsen konnten und in der sie in Friedensgewißheit und in sozialer Sicherheit leben können.

Darauf legen sie es an, Begriffe, die sie auf der Zunge tragen – mehr Meinungspluralismus, mehr Offenheit, mehr Erneuerung, mehr Reisen – können darüber nicht hinwegtäuschen und machen aus Provokateuren keine Unschuldsengel.

Von Unverständnis bis zur hellen Empörung über die Unruhestifter sind folgerichtig Briefe bestimmt, die Leipziger Bürger an staatliche Organe geschrieben haben und mit denen sie fordern, solche Umtriebe nicht zuzulassen. Einige Auszüge aus diesen Briefen:

Frau Ferber schreibt: “Wir älteren Bürger sind beunruhigt über die Ansammlungen vor der Nikolaikirche. Man fühlt sich belästigt und muß die Abendstunden meiden, durch die Innenstadt zu bummeln.”

Der Wohnbezirksausschuß 112 in Leipzig- Mitte fordert, “dem Treiben einiger Menschen Einhalt zu gebieten, die Ordnung und Sicherheit in unserem Wohngebiet stören. Unsere Bürger empfinden das als Belästigung und Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit im Zentrum unserer Stadt.”

Herr Urban fordert im Auftrag der Bürger seines Wohnbezirkes:

“Stadtordnung und Straßenverkehrsordnung müssen komplexer und ohne Ansehen der Person durchgesetzt werden… Veranstalter müssen sichern, daß der Mißbrauch ihrer Veranstaltung verhindert wird.”

Weil ihm letzteres ausdrücklich am Herzen liegt, schickte Herr Urban einen Durchschlag seines Briefes zugleich an Herrn Superintendent Magirius mit dem Hinweis, “daß der Ruf der Stadtkirche St. Nikolai in letzter Zeit mehrfach durch Menschen belastet wurde, die die Kirche für persönliche und teils provokatorische Handlungen nutzen”.

Wir haben volles Verständnis für das Bedürfnis der Leipziger Bürger und ihrer Gäste, ungestört und in harmonischer Ruhe auch in den Abendstunden unser schönes Stadtzentrum genießen zu wollen, Einkäufe zu erledigen oder auf Freisitzen der gastronomischen Einrichtungen Entspannung zu suchen. Der jetzt beginnende “Leipziger Sommer” mit seinen vielen Veranstaltungen weckt solche Bedürfnisse erst recht. Sie wollen dabei von Frau A. K. und ihresgleichen nicht gestört und nicht belästigt werden.

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