Ernüchternde Bilanz: Bilder einer traurigen Jugend

Jugendzimmer Nichtraucherjugend Klimaangst
In ein modernes Jugendzimmer gehören zwingend großformatige naive Bilder moderner Jugendlicher.

Backen ohne Zucker, Kochen ohne Salz, Heizen ohne Öl, Baden ohne Schaum, Sonnen ohne Sonne, Schnaps ohne Alkohol und Zigaretten ohne Rauch, Krieg ohne Kampf, Wohlstand ohne Leistung, Fleisch ohne Tier, Autos ohne Auspuff, keine Drogen ohne Beratung und kein Genuss ohne Reue: Deutschlands Jugend schwört langsam allem ab, was Mutter und Vater, Oma und Opa in ihren jungen Jahren an Exzessen ausgekostet haben. Zwar qualmt und dampft es überall, wo sie die nachwachsende Steuerzahlergeneration zusammenfindet, es klirren die kaputten Flaschen und es riecht unverkennbar nach Legalisierung, die nicht mehr auf die Zustimmung der Behörden wartet.  

Ernüchternde Bilanz

Doch zumindest in Umfragen zeigen sich Heranwachsende als die verantwortungsvollen Staatsbürger*I:/innen, die ihre Vorfahren nie waren: Wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung meldet, gaben im vergangenen Jahr nur noch zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen an, zumindest einmal pro Woche Alkohol zu trinken. Im Jahr 2004 hatten das noch mehr als doppelt so viele Jugendliche von sich behauptet. Auch der Zigarettenindustrie sterben die Kunden weg. Der Anteil der jugendlichen Raucherinnen und Raucher sank den neuen Statistiken zufolge seit 1997 von damals 28 auf nun nur noch sechs Prozent. 83 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen gaben sogar an, noch nie in ihrem Leben geraucht zu haben. Irgendwo dazwischen öffnet sich allerdings ein Raucher-Fenster: Der Anteil der Nikotinsüchtigen unter jungen Erwachsenen liegt seit 2014 stabil bei etwa 30 Prozent. 

Was aber tun die anderen zwei Drittel? Komasaufen, kurz vor der großen Eurokrise noch eines der zentralen Problemfelder, zog sich in den Jahren von Eurokrise, Klimakatastrophe, Pandemie, Lieferkettenabriss und Krieg zurück in die geschützten Berichterstattungbiotope der Krankenkassen. Illegales Glücksspiel wurde legal und ist seitdem mit Warnhinweisen versehen. Draußen im Grünen, wo sie sich treffen, um ihre Handys anzuschauen, sich neue Jugendworte auszudenken oder zu chillen, raucht nichts, es trinkt Wasser, fährt Fahrrad mit Helm und hört die Musik der Großeltern. Was für ein trauriges Schicksal, heute jung zu sein.

Aufstand der Popup-Zelte

Über eigene Musik, gar eigene Musikstile, verfügen Jüngere auch nicht: Auf den großen Festivals jubeln sie den Stars ihrer Eltern zu. Haben einstige Rebellen gegen das verhasste kapitalistische System wie die Toten Hosen, Udo Lindenberg, die Ärzte, die Rolling Stones, Green Day und The Offspring ihre formativen Jahre in Drogenrausch und Entgrenzung überlebt, füllen sie heute Stadien voller junger Menschen, deren Vorstellung von Unangepasstheit darin besteht, das für die Übernachtung auf dem Festival eigens angeschaffte Popup-Zelt bei der Abreise zurück ins zivile Leben unabgebaut zurückzulassen.

Der Sound einer Generation, die zumindest verbal auf alles verzichtet, was früheren Kohorten im gleichen Alter essentiell schien, um sich abzuheben von der Bürgerlichkeit der Alten, klingt aus den Gruften der 70er, 80er und 90er, die Boxen sind kleiner geworden, der Horizont ist enger. Das politische Lied zur Zeit ist ein Klagegesang, der „Ohne Benzin“ heißt oder das Unvorstellbare beschwört „Dich im Flieger“! Fleisch essen. Einen neuen Oldie in einer Netflix-Serie entdecken. Der Abba-Film. Der Elvis-Film. Der Queen-Film. Das Land früher scheint wunderschön gewesen sein.

Elektroroller statt Mantamanta

Sie fahren Elektroroller und Lastenrad statt Motorrad oder Mantamanta. Sie studieren, sie lassen es ruhig angehen, sie müssen sich erst finden. Sie absolvieren ein soziales Jahr, engagieren sich bei Fridays for Future und Greenpeace und in der Seenotrettung. Sie kleben sich mit aus Erdöl hergestelltenauf Straßen fest und lassen nicht locker, bis sie ein „Machtwort“ (Letzte Generation) des Kanzlernden erzwungen haben. Basta! So geht Demokratie im Ausnahmezustand. Sie haben ja noch so viele und so große Pläne. Vielleicht irgendwo in die Verwaltung gehen, vielleicht doch Kinder, wenn der Kanzler verbindlich verspricht, dass die nicht eines Tages mit „neuem Nordseeöl“ (LG) aufwachsen müssen.

Keiner gibt Gas, niemand will Spaß. Was kommt, wird karg, doch ihnen wird es an nichts fehlen, auf das nicht heute sowieso schon verzichten, wenn sie offiziell gefragt werden. In der Pandemie mit ihren Bewegungsverboten wurden vielerorts Vorräte auf die Hüften gelegt, mancher hat sich aus gründen der Klimaangst eine Depression zugelegt, falls er nach dem Stand der Dinge gefragt werden sollte. Selfishness ist der letzte Schrei. Wie konnten die Alten, die ein vom größten Krieg aller Zeiten zerstörtes Land übernahmen, uns die Welt nur in einem Zustand hinterlassen, dass der Nachwuchs angesichts des überbordenden Wohlstandes heute keine andere Chance mehr hat, als sich entweder irgendwo auf eine Straße zu kleben oder seine Zukunft einzuklagen?

Kinderschweiß und blutige Baumwolle

Die Zeiger stehen auf Verzicht, auf Entsagung und second hand. Alte Musik, alte Klamotten, in Bangladesh und Myanmardemfrüherenburma aus Kinderschweiß und blutiger Baumwolle hergestellt in den Jahren, als das das Lieferkettengesetz noch nicht galt.   regelmäßige Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gesunken, es herrscht Helmpflicht auf dem Rad und Badenudeln mahnen zu Rücksichtnahme und Abstandhalten.

Mens sana in corpore sano, man will den endgültigen Zusammenbruch ja schon gern noch miterleben. Bis dahin  trägt man Büßergewand aus zweiter Modeschöpfer-Hand als letzten Schrei, zeigt Kurven, weil sie einfach auch okay sind, und beklagt, dass der Staat auch da viel mehr machen müsse. Schließlich sollen alle eines Tages gesund sterben können. Gespielt wird dann „Fix You“ von der 1996 gegründeten Band Coldplay. „When you try your best, but you don’t succeed“ heißt es da, und „when you get what you want, but not what you need“, dann ist das gar nicht schlimm, denn jemand wird versuchen, das alles zu reparieren. Mit Sekundenkleber vermutlich.

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