F-35liegt nicht so hoch: Luftnummer am Himmel

Mit neuen Jets von Dassault wollte die Bundesregierung den Friedensschluss mit Frankreich besiegeln.

Auf einmal war sie da, die Wunderwaffe gegen den Kreml-Herrscher, ein Hightech-Wirtschaftsfaktor, das Deutschland mal eben so beim Hersteller Lookheed Martin „bestellt“ (Tagesschau) hatte. Nicht lang schnacken, Kommisskopp in Nacken! Schluss mit den ewigen Ausschreibungen, dem Sturmgewehrstreit um Friedenswaffen, den Gerichtsverfahren, dem Hin und Her zwischen Bestellbehörden, Ämtern, Kartellämtlern und Juristen bis hinunter nach Arabien. Es ist Zeitenwende und wo bisher jedes Rathaus für sieben Blatt Papier und eine Faxmaschine europaweit Angebote einholen musste, so dass der Aufwand beträchtlich war, den favorisierten Bewerbern am Ende auswählen zu können, darf jetzt durchbestellt werden.

Kampfjets sind Wirtschaftshilfe

Mag auch die Bundeswehr als Parlamentsarmee ein fein ziselierten vierstufiges Ausschreibungsverfahren haben, das eine ganze Armee an Beschaffungsbeamten ernährt. Das war gestern. Morgen war Krieg und heute wird für fünf Milliarden bestellt, was vor vier Jahren genau noch den obersten Fliegergeneral der Luftwaffe den Kopf gekostet hatte. Karl Müllner, seinerzeit  sogenannter „Inspekteur der Luftwaffe“, diente unter Ursula von der Leyen, bis er sich versprach. Entgegen der deutschen Staatsdoktrin, dass Kampfflugzeuge nicht in Schlachten fliegen, sondern vor allem als Wirtschaftswaffe Partnerschaften im Frieden schließen müssen, hatte der Generalleutnant öffentlich erkennen lassen, dass er die amerikanische F-35 für seine Luftflotte ordern würde, dürfte er bestellen, was er wolle.

Von der Leyen aber hatte sich auf ein Flugzeug festgelegt, das es noch gar nicht gab. Gemeinsam mit Frankreich würde man unter dem Namen Future Combat Air System (FCAS) ein „Luftkampfprojekt“ (von der Leyen) verfolgen, das irgendwann jenseits des Jahres 2040 als Ablösung für die Tornado-Jagdbomber in Dienst gestellt werden sollten, die damit kurz vor ihrem 70. Geburtstag hätten in Rente gehen könne. Ein Kauf von amerikanischen F-35, „dem derzeit modernsten Kampfflugzeug“ (DPA), hätte diesen Plan gefährdet, deshalb musste Müllner gehen. 

Auf einmal alternativlos

Vier Jahre später aber ist der Jubel groß. Wie Bundeskanzler Olaf Scholz über Nacht 100 Milliarden für die Nachrüstung aus dem Hut zauberte, so zauberte Christine Lambrecht kaum eine Woche später eine Entscheidung ganz in Müllners Sinn hervor: „Bis zu 35 Jets“ des Typs F-35 Lightning II will Lambrecht kaufen, auch, weil der Jäger die amerikanischen Atombomben ins Ziel tragen kann, die in Deutschland mutmaßlich, aber nicht offiziell für den Fall stationiert sind, dass  sie eines Tages benötigt werden müssen. Auf einmal sind die Ami-Flieger alternativlos, weil alle anderen Modelle erst aufwendig für den sicheren Atombombenabwurf über bewohnten Gebieten hätten „zertifiziert“ (Der Spiegel) werden müssen.

Die europäische Industriepolitik verliert gegen die Wirklichkeit des Krieges. Die enge Entwicklungszusammenarbeit Deutschlands mit Frankreich, zuletzt mit der Unterzeichnung eines „High Level Common Operational Requirements Document“ gefeiert, unterliegt der Notwendigkeit, jetzt aber nun doch schnell irgendwas zu machen. Und sei es nur, um eines der üblichen Zeichen zu setzen, dass nun aber wirklich etwas getan wird.

Luftnummer am Himmel

Mehr ist sie nicht, die vermeintliche „Bestellung“, die medial begeistert gefeiert wurde, ohne dass irgendwo auch nur der Anflug eines Liefertermin zum Vorschein kam. Naheliegenderweise, denn bis dahin wird es dauern. Wie damals, als es um die Kolonien ging, ist Deutschland wieder eine zu spät gekommene Nation: Während die deutschen Luftkriegsplaner Verteilkämpfe um die Produktionsaufteilung der theoretisch eines Tages ja womöglich wirklich fliegende FCAS-„Luftkampfprojekt“ durchführten, das in seinem 20. Planungsjahr – Start war 2001 – nur noch sechs Jahre von einem ersten flugfähigen „Demonstrator“ (Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtsindustrie) entfernt ist, kauften ringsum mehr und mehr Partnerstaaten den Lookheed-Jet.

Acht europäischen Staaten haben das Mehrzweckkampfflugzeug bereits bestellt, die nächsten drei Jahresproduktionen von jeweils etwa 150 Maschinen sind verkauft, wie in diesem Zeitraum werden auch in allen künftigen Produktionsjahren drei Viertel aller Maschinen an die US-Streitkräfte gehen, die auf eione Luftflotte von beinahe 2.500 Maschinen spart. Bleiben ab 2025 jährlich etwa 30 F-35 für auswärtige Kunden – bei derzeit etwa 400 offenen Bestellungen für den Zeitraum nach 2025.

Es wird dauern mit der Luftaufrüstung

Es kann also noch dauern mit der deutschen Luftaufrüstung mit dem „Ferrari der Lüfte“, obwohl ein paar Maschinen aus einer türkischen Bestellung nicht an den Bosporus ausgeliefert werden können. Zu lange nachgedacht, zu gründlich verspekuliert, wo selbst Italien, anfangs noch Teil der FCAS-Luftnummer, sich nach kurzer Zeit abwandt und statt der europäischen Air Show auf amerikanisches Fluggerät setzte.

Ums Fliegen aber ging es weniger, als Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Emmanuel Macron 2017 nach dreijähriger Machbarkeitsprüfung die Absicht beider Länder bekanntgaben, den französischen Hersteller Dassault Aviation und den deutsch-französischen Airbus-Konzern einen eignen Zukunftsflieger bauen zu lassen. Ohne Eile, denn wo Lockheed mit der Produktion des F-35 nach 14 Jahren begann, plante das alte Europa mit 23 Jahren bis zur ersten Indienststellung.

Zeit genug wäre gewesen, wenn nicht eine plötzliche Einsatznotwendigkeit dazwischengekommen wäre, die Christine Lambrecht zwang, anders zu entscheiden als ihre beiden Vorgängerinnen im Verteidigungsministerium, bei denen der F-35 immer aussortiert worden war, weil die friedliebende SPD vor der Zeitenwende keinen neuen Atombomber anschaffen wollte.

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