General Winter: Mit der Klimawaffe gegen den Kreml

Klimawandelbedingt hohe Temperaturen im Winter garantieren deutsche Unabhängigkeit von Putins Pipelines.

Olaf Scholz handelte schnell, er handelte entschieden und er traf eine harte Entscheidung. Keine 24 Stunden nach dem Befehl Wladimir Putins zum Einmarsch in die Separatistengebiete in der Ostukraine entschied der Bundeskanzler, die Zertifizierung von Nord Stream 2 beenden zu lassen. Die bis dahin von der Bundesnetzagentur mit Rücksicht auf die europäischen Partnerstaaten, aber auch auf die USA auf ähnlich wie die Zulassung des russischen Impfstoffes Sputnik durch die EU-Arzneimittelbehörde EMA die lange Bank geschobene Prüfung des „privatwirtschaftlichen Unternehmens“ (Scholz) wird vorläufig nicht weiterverfolgt, nicht einmal so langsam wie bisher, nicht einmal, um Gesprächskanäle nach Osten offenzuhalten.  

Ein Signal nach Westen

Ein deutliches Signal nach Osten, vor allem aber nach Westen. Deutschland, durch seine Abhängigkeit von russischem Gas und russischem Öl bei den Verbündeten unter den Verdacht geraten, von Putin- und Russland-Verstehern geführt zu werden, stellt sich mit dieser ersten ernsten Vergeltungsmaßnahme für den russischen Bruch des Minsker Abkommens kompromisslos an die Seite der USA, Großbritanniens und des Rests Europas, ohne Russland akut zu schaden. Durch die Pipeline strömt noch kein Gas. Russland verliert keinen Kubikmeter Umsatz. Und Deutschland vergibt sich auch nichts, denn General Winter, der den letzten deutschen Vormarsch auf Moskau kurz vorm Ziel einfrieren ließ, zeigt sich diesmal nicht auf dem Schlachtfeld.

Dort herrscht vielmehr der Klimawinter, der kleine, warme Bruder des Klimasommers vergangener Jahre. Punktgenau hat die Bundesregierung errechnen lassen, was geschähe, vergülten die Russen den Stopp für Nord Stream 2 mit einem kompletten Gas-Lieferembargo. Nichts nämlich. Dank Klimawandel liegen die Temperaturen weit über dem „langzeitlichen Durchschnitt“, wie der „Focus“ aus „Ministeriumskreisen“ in Berlin zitiert. Kommt keine längere Kältewelle mehr, steht Deutschland den Gaskrieg trotz Rekordtiefständen in den Speichern bis zum Sommer locker mit den eigenen Reserven durch. 

Eine Extremkälte von mehr als sieben Tagen sei nicht in Sicht, weiter voraus muss keine Bundesregierung denken, die im Felde steht und sich vor den besten Freunden zu beweisen hat. Mag sein, dass bisher mehr als 50 Prozent aller Erdgas-Lieferungen aus Russland kamen, aber das spielt aktuell keine Rolle. Das Kanzleramt ist entschlossen, im Kampf um die Krim und den Frieden in Europa auf die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger zu setzen, kurzfristig auch mal beim Heizen kürzerzutreten, wenn es not tut, um die verhängnisvolle Abhängigkeit der größten europäischen Wirtschaftsnation von Putins Gas zu beenden. 

Masken, Gas und Speicherchips

Die EU-Kommission hatte schon im Dezember erste Maßnahmen verkündet, um nach der Eigenversorgung mit Corona-Schutzmasken und Speicherchips auch die bei Gas udn Öl sicherzustellen. Dazu werde künftig die Speicherung in die Risikobewertung der Versorgungssicherheit einbezogen, „sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene“. Zudem soll durch eine „freiwillige gemeinsamen Beschaffung oder einem zentralisierten Gasbeschaffungsmechanismus mit Optionsverträgen durch wettbewerbsorientierte Auktionen“ eine “ strategische EU-Gasreserve geschaffen werden, die zusätzliche Gasmengen zu erschwinglichen Preisen gewährleistet“.

Teuer einkaufen, billig abgeben, weil das Wetter einfach halten muss – so passiert gar nichts, „wenn Putin den Gashahn zudreht“ (Stern). Allenfalls kurzfristig könnten die Preise steigen, aber inzwischen sind ja alle Bürger gewarnt, so dass sie sich vorbereiten und beispielsweise warme Pullover und dicke Socken herauslegen können. Die russische Kriegszange zwingt die EU zu einer noch schnelleren Umsetzung ihres „Fit for 55“-Programmes zur Beendigung der Erderwärmung, zugleich aber verschaffen die bisher erreichten Fortschritte bei der Aufheizung der Atmosphäre der Gemeinschaft die Beinfreiheit, sich aus der Abhängigkeit vom russischen Gas zu befreien. 

Nachfrage Null

Einspringen werden erst einmal andere Lieferanten, darunter die Niederlande und Norwegen, aber auch verlässliche Partner wie das Wüstenscheichtum Katar, die große afrikanische Menschenrechtsenklave Nigeria und Kasachstan, ein Land, das seine innere Lage glücklicherweise kürzlich durchklären konnte. Den Schaden wird Wladimir Putin haben, denn wenn der nächste Winter doch wieder winterliche Temperaturen bereithält, wird der rasch erfolgte Ausbau der Erneuerbaren die Nachfrage nach fossilen Ressourcen aus Russland in der EU für immer auf Null gedrückt haben, denn Klimaminister Robert Habeck (Grüne) plant noch in diesem Jahr Gesetze, um neue Flächen für erneuerbare Energien zu erschließen. 

Putins Pipelines bleiben dann für immer trocken, allenfalls später einmal werden sie Verwendung finden, um deutsche Wind- und Solarenergie Richtung Osten zu transportieren. Mittelfristig wird sich die Abhängigkeit Russland von deutschen Energieimporten sogar verstärken, denn auch wenn der nächste Winter vielleicht noch einmal kalt werden könnte, zeigt die Gesamttemperaturkurve unaufhaltsam nach oben: Bis 2050 rechnet die Wissenschaft mit einer Erhöhung der Weltdurchschnittstemperatur von mehr als zwei Grad. Selbst einige kalte Tage könnte Deutschland dann dank der neuen EU-Dämmvorschriften ohne russisches Gas überstehen.

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