Gute-Laune-Ticket für alle: Sylt-Pflicht im Sommer

Sylt-Pflicht im Sommer 9-Euro-Ticket
Weil nicht alle freiwillig ein Neun-Euro-Ticket kaufen wollen, muss nun vielleicht eine Sylt-Pflicht erlassen werden.
 
Erst sollte es hauptsächlich die Pendler entlasten, die seit Monaten unter den „explodierenden“ (Focus) Spritpreisen leiden. Dann war geplant, dass alle freiwillig zugreifen, auch die, die sonst Auto fahren, Fahrrad oder gar nicht groß unterwegs sind. Nachdem aber erste Umfragen auf ein gewisses Desinteresse weiter Bevölkerungskreise für das 9-Euro-Ticket haben schließen lassen, droht aber nun ein hartes Durchgreifen der Bundespolitik gegen Verweigerer, Neun-Euro-Leugner und Bahnfeinde. 
 
Sollte die Quote der Neun-Euro-Ticket-Nutzer, die für eine wirkliche Entlastung der Gesamtbevölkerung notwendig ist, bis Anfang Juni nicht erreicht werden, könnte der Bundestag einer Initiative verschiedener Abgeordneterinnen aus Koalitions- und Oppositionsparteien folgen und eine allgemeine Fahrpflicht mit dem Sparticket beschließen.
 

Fahrpflicht mit dem Sparticket

Zumindest die sommerliche Fahrt nach Sylt könnte damit für alle zur Pflicht werden, die nicht ohnehin vorhatten, die Reise nach Norden zum günstigen Preis anzutreten. Zwar wird im Moment bundesweit noch für eine freiwillige Teilnahme an der größten Mobilisierungskampagne seit dem Zustrom der DDR-Bürgerinnen und Bürger nach Westen geworben. Doch wie bei der letzten Impfwerbeaktion vom Dezember, die wegen mangelnder Beteiligung schließlich sang- und klanglos aufgegeben wurde, droht auch dem 9-Euro-Geschenk der Regierung an Steuerzahlende und Hilfsbedürftige eine harsche Pleite. 
 
Einer Umfrage zufolge sind bisher nur rund ein Drittel der Befragten bereit, sich wie von der Bundesregierung vorgesehen mit dem Kauf einer Sparfahrkarte aufzumachen in die neue Ära der Mobilität. Ein weiteres Drittel gilt als unschlüssig und das letzte Drittel der Menschen erklärte sich gar als grundsätzlich unwillig, das auch im Fernverkehr nutzbare Nahverkehrsgeschenk für Bus und Bahn anzunehmen. 
 

Gegen Pandemie, Krieg und Inflation

 
Im politischen Berlin war ursprünglich geplant worden, die umfassende Übernahme der Fahrleistungskosten im Land in die Ferienzeit zu platzieren, um die von Pandemie, Krieg und Inflation angegriffene Stimmung in der Bevölkerung aufzuheitern. Im Kanzleramt unter der Hand „Gute-Laune-Ticket“ genannt, sollte das staatliche Geschenk über drohende erneute Grundrechtseingriffe, Schwierigkeiten mit der Energieversorgung im kommenden Winter und damit einhergehende Probleme im Wirtschaftsleben und in den Schulen hinwegtrösten. 
 
Ein Strandtag für neun Euro plus Kurtaxe, so preiswert gab’s das wohl noch nie und so billig würden viele zu haben sein, spekulierten die Beamten in Finanzministerium und bei der Bundesworthülsenfabrik (BWHF), der unteren Bundesbehörde, die mit der verbalen Verpackung der fluktuierenden Regierungsstrategien beauftragt ist. Auf der Insel sind Bürgerinnen und Bürger bereits in froher Erwartung eines Billigticketbesucheransturm, Bahn- und Busunternahmen bohren ihre Fahrpläne auf, Ticket-Apps und Sonderverkaufsschalter sind im Aufbau, Polizei und Seuchenbehörden halten die Augen offen. 
 

Mitwirkung am Sparplan

 
Nun aber verweigern bestimmte Teile der Bevölkerung die Mitwirkung am Sparplan – und das Kabinett muss reagieren. Klare Führung, einen an der Spitze, der unmissverständlich die Richtung vorgibt: Im Unterschied zu den langen und immer länglicheren Merkeljahren ist das einer der großen Vorteile, die Deutschland unter dem neuen Bundeskanzler Olaf Scholz genießt. Der Sozialdemokrat hatte schon vor Weihnachten bestimmt, dass bis Ende Januar 80 Prozent aller Erwachsenen im Lande geimpft sein würden, ob sie wollten oder nicht. 
 
Es waren dann fünf Monate später sogar 75,9 Prozent geworden, nach einer Investition von 31 Millionen Euro in eine bundesweite Werbekampagne und inklusive einrichtungsbezogener Impfpflicht. Scholz hat damit nicht nur sein Versprechen eingehalten, sondern auch bewiesen, dass er an Zusagen festhält, bis sie bis in den letzten Zipfel des Landes und in die letzte Leitmedienredaktion vergessen worden sind. 
 

Sylt-Pflicht im Sommer

 
Die sommerliche Sylt-Fahrt für jedermann durchzusetzen, wird aber eine freiwillige Reisepflicht nicht reichen. Mitgenommen müssen vor allem die, die im Augenblick noch keinen Sinn darin sehen, nach Norden aufzubrechen, weil ihre Urlaubsplanung bisher ganz anders aussieht. Diesen Ticket-Leugnern und Querfahrern beizukommen, kursieren zwischen Reichstag, Kanzleramt und ehemaligen Reichsluftfahrtministerium eine Reihe von Ideen. Die Vorschläge reichen von einer Reisepflicht ab 18 Jahre, über eine Ticketkaufpflicht ab 50 Jahren bis hin zur Ablehnung eines Verkaufs des Neun-Euro-Tickets und der Anregung, die neue Volksfahrkarte über die Finanzämter an alle Bürgerinnen und Bürger kostenlos zu verteilen, nötigenfalls per Abwurf aus niedrigfliegenden Hubschraubern.
Skepsis herrscht vor allem, weil die drohende Freiwilligkeit beim Erwerb zu einer gewaltigen Reiselücke führen könnte. Deutschland habe in der Pandemie den größten Rückgang an Mobilität seit Mitte des Zweiten Weltkrieges erlebt, danach hätten sich viele Bürgerinnen und Bürger daran gewöhnt,  weite und zuweilen sogar häufige Reisen zu vermeiden, sagen Kritiker. Bussen blieben leer, Bahnen bauten Verspätungszeiten aus. Mit einem Vorsorgebeschluss, falls die Nachfrage nach dem Neun-Euro-Ticket nicht ausreichen sollte, den Trend umzukehren, zielt der Bundestag darauf, Voraussetzungen zu schaffen, eine Sommerreisewelle Richtung Sylt auszulösen, wenn Menschen nicht von selbst entsprechenden Ratschlägen folgen. 
 

Digitales Sylt-Stempelsystem

 
Über ein digitales Stempelsystem könnten Reisende, die es mit dem Gute-Laune-Ticket auf die Nordseeinsel geschafft haben, ihre Reisebewegungen nachweisen. Je schneller das je mehr Leute erledigten, so heißt es in Berlin,umso eher seien auch wieder mehr Freiheiten möglich. Basierend auf der beliebten Luca-App und der Bundespandemie-Alarmapp checkt der Sylt-Reisende mit seiner digitalen Neun-Euro-Monatskarte in seinen Zügen ein und dann in Keitum, Rantum oder Kampen aus, um die Erreichung des Zieles an das Bundessyltdashboard zu melden.
 
Das zeigt tagesaktuell den aktuellen Reisestatus der Entlastungsbürger – ein bewusst gesetztes Motivationselement. Jeder könne mit seinem Engagement darüber mitentscheiden, ob es bei der bisher vorgesehenen Freiwilligkeit bleibe, eine gruppenbezogene Reisepflicht eingeführt werde oder der sommerliche Sylt-Besuch – wie etwa von der Süddeutschen Zeitung bereits gefordert – per Zwangsverordnung auf dem Maßnahmeweg für jeden reisefähigen Menschen ohne Attest eingeführt werden müsse, um die Entlastungsziele zu erreichen, sind sich weite Kreise in Bundestag und Bundesregierung offenbar bereits einig. Bei einer solchen Fahrverpflichtung mit der Volksfahrkarte handele es sich jedoch in keinem Fall um einen Zwang, sondern um eine freiwillige Beteiligung auf Basis einer bußgeldbezogenen Einsicht.

 

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