Heeresbericht*: Schweigen als Strategie

 

Die Front ist 1.500 Kilometer lang, etwa die Strecke Kopenhagen bis Rom. Es herrscht seit 76 Tagen Krieg, zumindest nach offizieller Lesart ist es der erste in Europa, seit Hitlers Versuch der Eroberung der der Welt scheiterte. Die Medien sind immer noch voll mit Kriegsberichten, nicht mehr ganz so voll wie am Anfang, als die „Brennpunkte“ drohten, sich in die Mattscheiben einzubrennen. Aber immer noch marschiert ein Heer von Ex-Generalen, Psychologen, Politikern, Reportern und Atlantik-Brücke-Spezialisten durch die Fernsehstudios, um die Dinge gerade zu rücken.  

Nur keine Nachrichten

Es geht um Panzerhaubitzen und Flüchtlingsunterkünfte, um großherzige Hilfe und kleinliches Cent-Zählen beim Gaspreis, um den Untergang der deutschen Industrie, den womöglich kommenden Atomkrieg, die auf jeden Fall kommende vorsorgliche Aufrüstung und die Strategie, vom Weltfriedenstag im Herbst an ohne „Fossile“ (Ricarda Lang) auszukommen. Weitergehende Interessen befriedigen die bellizistischeren Gazetten mit frischem Stoff aus den Geheimdienstlaboren. Was sagen die britischen Spione, die seit 1911 ein gutes Ohr im Kreml haben? Was meinen die Amerikaner dazu? Existiert der BND noch? Oder sind nur seine Öffentlichkeitsarbeiter ausgefallen?

Was Putin will, weiß niemand, was er wollen könnte, alle sehr genau. Er wird die Generalmobilmachung ausrufen. Den Krieg erklären. Oder den Notstand verhängen. Oder alles. Oder nichts. Wie es an der Ostfront steht, die aufgrund einer Intervention der Bundesethikkommission von der Bundesworthülsenfabrik als „Ostflanke“ neu ins Gefecht geführt worden ist, bleibt inzwischen weitgehend geheimnisumwittert mitten im medialen Sturm, der als erster Krieg in Europa ohne regulären Heeresbericht auskommen muss. 

Meldungen zu Beschlüssen

Es gibt jeden Tag Meldungen über Geldlieferungen, über neue Sanktionsbeschlüsse, über Truppenbesuche westlicher Führer und über die widersprüchlichen Meinungsäußerungen der Wissenschaft dazu, ob die deutsche Wirtschaft einen sofortigen Ausstieg aus russischen Energieträger,m Schmierstoffen und Rohstoffen für Straßen-, Brücken-, Haus- und Tiefbau überleben wird. 

Frontverläufe, Opferzahlen, Truppenbewegungen – was in früheren Konflikten minutiös von wenigstens zwei Seiten gemeldet wurde, erscheint diesmal als große Leerstelle. Anfangs galt als Begründung noch, dass die Situation vielerorts unübersichtlich sei und die Lage sich schnell ändere, so dass Angaben zu Verlusten, Frontverläufen und Einsatzerfolgen beider Seiten sich kaum unabhängig überprüfen ließen. Einen Monat später aber haben sich Ukrainer und Russen quasi in einen Stellungskampf verbissen, der  um dieselben Orte geführt wird wie 1943: Charkow, heute Charkiw, Izyum, Kherson und Saporoshe. Im Unterschied zu damals aber verfolgen deutsche Medien die Vorgänge dort nicht aus kritischer Distanz und nicht als eingebettete Helfer. Sondern im Grunde gar nicht. 

Mariupol als Symbol

Jenseits von Mariupol, der Stadt, die symbolisch nicht nur für die Brutalität des russischen Angriffs, sondern inzwischen auch für das deutsche Medienversagen steht, existiert der Krieg, den bislang weder Russland noch die Ukraine einander offiziell  erklärt haben, nur durch die täglichen Protokollnotizen der Aussagen des ukrainischen Präsidenten, durch die Bilder seiner Besucherschar und die wie Zacken aus der Landschaft ragenden Meldungen über besondere Gräueltaten der Aggressoren in dieser Stadt, in jenem Dorf, beim Bombardieren einer Schule, eines Krankenhauses, eines wehrlosen Kindergartens. 

Die taktischen Vorgänge, die Veränderungen der Strategie beider Seiten, sie bleiben für die Betrachter an der Heimatfront undurchschaubarer als im letzten Weltkrieg, obwohl dank Internet, Satelliten und Drohnen heute keine Frontbegradigung, kein Vorstoß und kein Rückzug mehr unbeobachtet bleibt. Der fog of war, in früheren Kriegen hergestellt durch ein Aufeinandertreffen der Siegesmeldungen beider Seiten, die es dem Publikum wenigstens möglich machten, abzuschätzen, wie es um die Sache steht,  stellt sich heute in den Großmedien durch Schweigen her. Gäbe es nicht die BBC und das österreichische Heer, der gesamte Konflikt bestünde aus Fotos deutscher Politiker, Videos von Auftritten von allerlei Führungsfiguren und einem Bild des ukrainischen Botschafters in Deutschland mit der Sprechblase „Mehr“.

Schweigen als Strategie

Russlands Strategie war es vom ersten Tag an, die vermeintliche „Spezialoperation“ nicht durch Aussagen zu Erfolgen, Verlusten oder Einsatzplänen aufzuwerten. Wie Hitler glaubte Putin an den schnellen Schnitt, einen „Blitzkrieg“, der enden würde, noch ehe der Feind begriffen hatte, dass er begonnen hat. Wie Hitler irrte Putin, doch der Umgang mit Informationen aus dem Kriegsgebiet blieb, wie er war: Wenig bis nichts an Fakten von russischer Seite, abgesehen vom Beharren darauf, dass alles „nach Plan“ laufe. 

Die Ukraine dagegen lieferte, lieber als den großen Draufblick aber das emotionale Detail. Legendär ist heute schon der 60 Kilometer lange russische Konvoi, der auf Kiew zuhielt, bis er einfach aus den Medien verschwand, spurlos, weder von den Verteidigern vernichtet noch zurückgefahren, sondern einfach aufgelöst. Bis sich später jemand erinnerte und gleich mehrere heldenhafte Geschichten über die Schlacht um die Wagenschlange auf die Bühne traten. Auch den „Geist von Kiew“ musste das Publikum lieben, ein Typ wie unser Richthofen, ein unbekannter Fliegerheld, der zahlreiche russische Jets im Luftkampf bezwang, im Alleingang. Major Stepan Tarabalka, ein „Familienvater, Kampfpilot, Legende“ (Focus), der im Kampf fiel, ehe sich Minuten später herausstellte, dass es ihn nie gegeben hatte.

Systematisch ist, was fehlt. Die Suche nach der Wahrheit  über die Anzahl der von Russland eingesetzten Truppen endete mit dem ersten Schuss, die auf der Seite der Ukraine kämpfenden Truppen hatten gar niemals eine Zahl. Die von Wolodymir Selenskyj gleich zu Beginn angekündigte Truppenmobilisierung ergab keine jemals erwähnte Verstärkung der Truppenanzahl der Ukraine, die Zahl der ukrainischen Panzer – mit mehr als 2.000 immerhin zehnmal so hoch wie die Anzahl, die der Bundeswehr an einem guten Tag zur Verfügung stände – kam nirgendwo vor und die von der BBC immer mal wieder berichteten Gegenvorstöße der Überfallenen genauso wenig.

Aus Sicht deutscher Medien tobt der Krieg zwischen den mutigen Verteidigern eines Stahlwerks in Mariupol und anderen Angehörigen des Asov-Regiments, die an den übrigen 1.490 Kilometern Frontlinie verteilt sind. Es kämpfen daneben noch mit der Präsident, die beiden Klitschkobrüder, der Berliner Botschafter und ab und zu auftauchende Bürgermeister vom Städten und Dörfern, die verlorengegangen oder zurückerobert wurden. Wie hoch die Opferzahlen aber sind, welche Verluste die Truppen zu beklagen haben, über welches Ausmaß an Gefechten zu berichten wäre – es bleibt ungefragt und ungenannt.


*Edlef Köppen

 

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