HFC: Auferstehung kurz nach Ostern

Jan Shcherbakovski weiß selbst nicht, wie er das 3:3 gemacht hat.

Ostern ist schon ein paar Stunden rum an diesem Dienstagabend, der einige der seltenen Augenblicke bringen wird, an denen der HFC des Jahrgangs 2021/2022 Anlass für Emotionen bietet. 3:3 wird am Ende an der Anzeigetafel stehen, 3:3 nach einem Spielverlauf, der sich gut anließ, binnen von nur fünf Minuten ins Übliche kippte, kurz Hoffnung machte, sie zum Verschwinden brachte und dann doch wieder die Sonne aufgehen lässt.

Es ist nur drei Tage nach dem blamablen, enttäuschenden und desaströsen 1:1 gegen Havelse ein Spiel wie unter dem Fallbeil. Niemand im HFC-Anhang hat noch Erwartungen an die aktuelle Elf, die Elf selbst verbirgt kaum noch, dass sie am liebsten noch kurz den Nichtabstieg besiegeln, das letzte Spieljahr dann aber schnell vergessen möchte. Dann kommt Osnabrück zum Nachholspiel, eine Begegnung muss ausgetragen werden, von der schon niemand mehr sagen kann, was eigentlich der Grund war, weshalb man damals vor ein paar Wochen, als noch Corona war… nicht gleich.

Rotweiß mit dem Zepter

Jetzt muss es und jetzt geht es auch. Osnabrück will hoch, der HFC nicht runter. Wer hier wer ist, sieht man gleich. Die Gäste, in ihrem üblen dunklen Lila seit Jahren ein gefürchteter Gegner, starten ehrgeizig, die Gastgeber abwartend. Es dauert zehn Minuten, ehe die Rotweißen das Zepter in die Hand nehmen. Eberwein macht beinahe das 1:0, dann hat der nach langer Pause wieder startende Zimmerschied den Ball in vielversprechender Position auf dem Fuß. Beide Male fehlt es am Abschlussglück. Im Strafraum gegenüber ist bis dahin gar nichts mehr los. Ein Fernschuss, das ist alles, was Tim Schreiber entschärfen muss.

Worin der Unterschied zwischen einem Aufstiegsanwärter und einer Mannschaft in akuter Abstiegsangst liegt,. zeigt sich dann aber kurz und trocken in der 31. Minute. Einmal fängt der VfL einen HFC-Aufbauversuch noch in der HFC-Hälfte ab. Zwei Pässe weiter zieht Klaas ab und lässt Schreiber keine Chance.

Alles wie immer

Alles wie immer und alles entscheiden, denn Rückstände holt der Hallesche FC in diesem Spieljahr nie auf. Die Köpfe hängen, die Fans singen. Aber auch damit ist Schluss, als es fünf Minuten später schon wieder hinter Schreiber einschlägt. Diesmal zischt eine straffe Eingabe fast auf der Torlinie von rechts durch den Strafraum. Zwei Hallenser verpassen, Osnabrücks Higl nicht. 0:2.

Halles Trainer Andrè Meyer, der wegen einer Gelbroten Karte auf der Tribüne sitzt, sieht im Grunde bis zur Halbzeit eine klassische HFC-Partie der zweiten Corona-Saison. Man weiß nicht wie, man weiß nicht warum. Aber man ist auf dem besten Wege, zu verlieren. Die Leistung stimmt, im Unterschied zu Havelse. Nur das Ergebnis stimmt nicht und so macht auch das eigentlich keinen Unterschied.

Verloren, aber nicht vorbei

Nur ist es ja noch nicht vorbei. Jedenfalls nicht nach Meinung der 5100 Fans im Stadion und der elt Spieler in Rot und weiß unten auf dem Rasen. Vom konsternierten HFC der wirklich ganz schrecklichen Auftritte ist heute nichts zu sehen. Als wollten die Aktiven ihrem erst 24-jährigen Ersatztrainer Max Bergmann beweisen, dass nichts vorbei ist, so lange es nicht vorüber ist, laufen sie das VfL-Tor unverdrossen weiter an. Jan Löhmanssröben und Niklas Kreuzer sind die Anführer der trotzigen Bemühungen um einen Ehrentreffer, aber auch die anderen machen mit – Jannes Vollert einmal mehr mit Offensivdrang, Eberwein im Mittelfeld, Huth ganz vorn, mit einem Kopfball, der schon hätte den Anschlusstreffer bringen können.

Der aber fällt erst in der 59. Minute, nur Sekunden nach einem Durchbruch von Kreuzer in den Strafraum, der wegen eines elfmeterreifen Fouls am Rechtsaußen ohne Abschluss bleibt, aber auch ohne den fälligen Strafstoßpfiff. Julian Guttau ist es dann, der im nächsten Anlauf links außen knapp vor der Grundlinie zum Flanken kommt. Von ganz weit hinten rechts zieht Kreuzer ab und der Ball kullert mehr ins Netz als dass er fliegt.

Verblüfft von sich selbst

Ist es Freude? Ist es Verblüffung?  Irgendwie ist es jetzt egal. Selbst als die Realität nur eine knappe Viertelstunde nach dem gefühlten Ausgleich zurückkehrt und Niklas Landgraf bei einem verunglückten Abwehrversuch das 3:1 für die Gäste erzielt, lassen die HFC-Spieler nicht nach. Derstroff, für Zimmerschied im Spiel, Joscha Wosz, der für den unglücklichen Landgraf mitmachen darf, dann noch Zulechner, Shcherbakovski und Sternberg – sie alle haben einen guten Abend erwischt. Einwechsler Julian Derstroff flankt auf Einwechsler Phillip Zulechner, der köpft in der 83. sein zweites Tor im HFC-Dress. 2:3. Und der Sekundenzeiger ist noch keine weitere Runde herum, da versucht es Jan Shcherbakovski direkt aus 30 Metern. Und zur großen Verwunderung von Freund und Feind sitzt auch dieser Schuss.

Ein 3:3, ein schmutzig schöner Punkt immerhin, der allerdings ganz besonders glänzt, weil niemand mehr mit ihm gerechnet hatte. Alles dreht durch, unten auf dem Platz, oben auf den Traversen. Totgesagte leben länger. Kurz nach Ostern erfolgt hier jedenfalls die Auferstehung, nicht ganz perfekt wie damals gegen Rostock. Aber umso wundersamer, als ja schon niemand mehr einen Cent auf diese aktuelle HFC-Mannschaft mit ihren Wechselspielen zwischen anämischem Desinteresse an sich selbst und zeitweiligen Ausbrüchen an Emotionalität gegeben hatte. 

Die nehmen diesmal gar kein Ende, denn der HFC gibt sich keineswegs mit dem Remis zufrieden. Auf einmal haben sie Spaß, auf einmal glauben sie an sich, auf einmal glauben sie, dass alles möglich ist. Zwei-, drei-, viermal rennen sie noch an, das Momentum nun im  Rücken, wo sonst der schwere Sack hängt, der wie eine Last durch die traurigen Niederungen von Wernigerode, Havelse und Meppen geschleppt werden musste.

Es nützt nichts, es bleibt auch nach 94 Minuten beim 3:3. Aber wie viele Spiele in dieser Saison hätten wenigstens so ausgehen können?

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