Jahrgedächtnis: Gabriels acht Punkte-Plan für ein gutes Klima

Der Junge im grünbraunen Kaftan gilt in der arabischen Welt als Gegenstück zum armen Medienmädchen in der roten Jacke. Er wartet allerdings immer vergebens auf neue deutsche Klimaziele.

Es waren die ganz großen Zeiten der Großen Koalition, als Angela Merkel noch Klimakanzlerin war und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel Deutschland als Bundesumweltminister auf strikten Kurs Richtung CO2-Reduzierung brachte. Damals, im Jahr 2007, vor EU- und Eurokrise, Pandemie, Krieg und Energiemangel, reichte noch ein Acht-Punkte-Plan, um Europas zentrale Macht wieder einmal in ein leuchtendes Beispiel für alle anderen Nationen zu verwandeln. Runter mit dem CO2-Verbrauch, rauf mit dem Klimabeitrag des damaligen Exportweltmeisters. Schaut her, rief es aus Berlin, Väölker der Welt, schaut auf diese Stadt!

Sagenhafte 270 Millionen Tonnen

Gabriels Ziel war wahrlich ehrgeizig. Um sagenhafte 270 Millionen Tonnen wollte der Niedersachse den deutschen CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 senken, um die Welt zu retten – immerhin eine Jahresproduktion von Kasachstan. Von 981 Millionen Tonnen pro Jahr würde es runtergehen bis auf 711 Millionen Tonnen. Ein Epochenbruch, denn in 12 Jahren wäre damit mehr geschafft gewesen als in den 18 zuvor und das trotz des Opferbeitrages der aufgegebenen DDR-Industrie. Stolz verwies der SPD-Politiker auf seine originelle Idee, zur Umsetzung des Vorhabens den Stromverbrauch zu senken und den Anteil erneuerbarer Energien auszubauen. Für den Mann aus Goslar war klar: Er würde der Union beweisen, dass die klimapolitische Vorgabe, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 40 Prozent unter den Wert von 1990 zu senken, auch ohne Atomenergie machbar ist.

Die Vorgaben dazu waren glasklar. Bis 2020 sollten die Deutschen elf Prozent weniger Strom verbrauchen, etwa dadurch, dass sparsamere Geräte angeschafft, weniger Geräte im Stand-by-Betrieb betrieben und effizientere Motoren in der Industrie angeschafft und eingesetzt werden. Das allein, so der große Gabriel-Plan, werde 40 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr sparen. Weiter 30 Millionen Tonnen CO2 würden durch die Modernisierung von Kraftwerken erreicht: höhere Wirkungsgrade von Kohlekraftwerken und CO2-Abscheidung und -Speicherung seien ein Mittel, der Ausbau des Anteils alternativer Energien bei der Stromerzeugung ein weiteres.

Gabriels Kohlendioxidplan

Von 11,8 Prozent auf über 27 Prozent im Jahr 2020 sollte es hochgehen, vor allem dank Wind und Biomasse. Aber auch bei der Wärmeerzeugung sollten erneuerbare Energien stärker zum Zuge kommen, es geht vor allem um Solaranlagen und Erdwärme-Nutzung. Das Ziel war in diesem Bereich  bescheidener als bei der Stromerzeugung, der Anteil soll lediglich auf 14 Prozent steigen. Aber auch dieses kleine Häppchen bisschen bedeutete 14 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxidlast für das Weltklima – das entspricht etwa der Menge, die nach einer Studie des Branchenverbandes Bitkom aus dem vergangenen Jahr bis 2030 im Bereich von Gebäuden durch digitalen Mehrverbrauch gespart werden kann. 

Alles würde immer weniger werden, aber wie, auch durch  Kraft-Wärme-Kopplung, die „mehr als verdoppelt“ werden würde, so dass der Kohlendioxid-Ausstoß um 20 Millionen Tonnen sinke. Bessere Isolierung, moderne Heizungsanlagen und Wärmeeinsparung in der Produktion werde die Heizkosten wie auch den CO2-Ausstoß laut Regierung im Schnitt noch einmal „mehr als halbieren“. Weitere 41 Millionen Tonnen weniger CO2 im Jahr! Dazu kämen Neubauten, deren Energieverbrauchswerte schon ab 2009 um 30 Prozent sinken, sparsame Motoren, geringere Leistung und weniger rasante Fahrweise im Verkehr, so dass der CO2-Ausstoß bei Pkw bis 2020 auch hier um bis zu 40 Prozent geringer sein werde.

Gabriels Scheitern

Sigmar Gabriel, damals auf dem Höhepunkt seiner Tatkraft und Kreativität, hatte aber noch weitere Ideen. Den Anteil der Biokraftstoffe am Energiemarkt würde er auf 17 Prozent steigern und durch die Einbeziehung des Flugverkehr in den Emissionshandel noch einmal 30 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid im Jahr produzieren. Selbst an Treibhausgase wie Lachgas, Methan und sogenannte F-Gase, die vor allem in Kühlgeräten und Klimaanlagen vorkommen, hatte der Umweltminister gedacht: Auch sie sollten verringert werden, um noch einmal 40 Millionen Tonnen CO2 einzusparen.

Ein großer, ein gewaltiger Plan, so groß und gewaltig sogar, dass er nicht nur in den  13 Jahren von der feierlichen Verkündigung bis zum Planzieltag nie mehr Erwähnung fand, sondern auch seitdem nicht. Mit Sigmar Gabriel aus dem Umweltministerium verschwanden auch die Spuren seiner „ehrgeizigen Zielvorgaben“ (Tagesspiegel). Sie wurden bruchlos ersetzt durch neue und immer neue und immer ehrgeizigere Reduktionsziele und Punktepläne und Vertragszusagen, die stets denselben Weg gingen. Es kam etwas dazwischen. Andres war auf einmal wichtiger.

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