Kapitulismus: Spare in der Not

Naturnahe Hoffnungsträger, nur nicht an trüben Tagen: Solarfelder ernten kostenlose Sonnenenergie, in der Theorie.

Es dauerte nicht einmal ganz ein Jahrzehnt, da meldete das stets hellwache Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erste ernste Bedenken an. Die „Energiewende“, jenes Großvorhaben des magischen Kapitulismus, das darauf zielte, den Betrieb eines ganzen Land samt seiner Industrie und Gesellschaft mit Hilfe gelegentlich lieferfähiger Energieträger aufrechtzuerhalten und das zum Gegenwert einer Kugel Eis, drohe zu Scheitern, warnte das Blatt aus Hamburg vor einer Bedrohung des „Vorzeigeprojektes“ (Spiegel).

Das hatte Deutschland immerhin schnell zum Weltrekord beim Strompreis verholfen, es hatte CDU, CSU und SPD zu treuen Verbündeten von Kreml-Herrscher Wladimir Putin gemacht und selbst die Spitze der Grünen davon überzeugt, im Wahlprogramm der Partei den Bau von 30 bis 40 neuen Erdgas-Kraftwerken zu versprechen, um gewisse Versorgungslücken zu stopfen, die durch den gleichzeitigen Ausstieg Deutschlands aus Kernkraft und Kohle drohten.

Der Augenblick des Ausstiegs

Rechnerisch alles denkbar dünn, weil selbst zehn- oder hundertmal mehr Windräder bei Flaute nur so viel Strom liefern wie kein einziges und in langen Winternächten auch die Sonne nicht nur keine Rechnung schreibt, sondern auch keinen Strom liefert. Doch irgendwie würde das alles werden, daran hatte auch die „Spiegel“-Belegschaft fest geglaubt. Wie anders hätte es sein können, wo doch alle dasselbe sagten? Die Bundeskanzlerin und ihr Wirtschaftsminister, die Klimagipfel und die Klimakinder, die EU und die „Tagesschau“, überall herrschte eine Meinung: Man wisse noch nicht wie, aber mit ausreichend vielen ausreichend rasch nachgeschärften Klima- und Ausbauzielen würden sich die Einzelheiten schon irgendwann finden.

Mut zum Murks: Der Spiegel 2019.

Dass der Sankt-Nimmerleins-Tag des Ausstieges dann so plötzlich kam, überraschte alle, die die Hand gehoben hatten für harte Sanktionen und einen schnellen und möglichst umfassenden Boykott aller Lebenssäfte, die das Land aufrecht halten. Es war Sommer, wie Peter Maffay singt, doch war für die meisten Menschen das erste Mal im Leben, dass ein Hauch von Holzvergaser zu riechen war. Pelletheizung! Kanonenofen! Kamin! Ein Dreiklang als Beleg der Richtigkeit kühner Thesen aus der Vergangenheit, in der Hetzer, Hasser und Zweifler sich angemaßt hatten, darauf hinzuweisen, dass Erneuerbare eine moderne Zivilisation vielleicht gar nicht mit Strom versorgen können, weil sie „nie dazu bestimmt waren“, wie Michael Shellenberger vor Jahren bei „Forbes“ schrieb.

Herzensprojekt der Journalisten

Ein Ketzer, der anzweifelte, was deutschen Journalisten so sehr Herzensprojekt geworden war, dass sie davon absahen, Fragen zu stellen, wenn die Antworten absehbar Teile der Bevölkerung hätten beunruhigen können. Die ganze Welt sollte es Deutschland nachtun: Sie sollte aussteigen, abschalten, herunterfahren und dämmen, inspiriert vom deutschen Weg ins Kohleaus und ein Leben führen ohne Atomstrom, mit Gasverzicht und ohne Wasserkraft, nur allein balancierend auf einem Netz aus teilzeitbeschäftigten Sonnenfarmen und launischen Windgeneratoren ohne Speichermöglichkeit. 

Milliarden und Abermilliarden flossen in den erneuerbaren Traum. Doch je mehr es wurden, desto ferner rückten die Klima- und Emissionsziele, die zu erreichen als Grundvoraussetzung dafür galt, große Staaten wie China, Brasilien, Indien, Frankreich und die USA dafür zu begeistern, Deutschland auf den schmalen Pfad zwischen Blackout und Blamage zu folgen. „Wenn der Rest der Welt nur halb so viel leisten würde wie Deutschland, sähe die Zukunft unseres Planeten weniger düster aus“, lobten kritische Magazine. 

Bittere Bilanz

Weil trotzdem niemand mitmachte, machte Deutschland mehr. Bundesregierungen setzten klare Preissignale zur Erziehung derer, die es noch nicht begriffen hatten: Der höchste Strompreis der Welt bekam einen CO2-Aufschlag. Die Bilanz aber fällt bitter aus: Seit 2009 verringerten sich die Treibhausgasemissionen allenfalls im homöopathischen Bereich. Und wie hoch die Preise für Energie steigen müsste, damit wirklich alle mithelfen, die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, ist bis heute unklar. Eine Verdreifachung des Gaspreises hat den Verbrauch um zehn Prozent gesenkt, allerdings in Frühjahr und Sommer. Der Strompreis kletterte zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2021 von 14 auf 32 Cent pro Kilowattstunde. Immer noch aber verbrauchen die Deutschen dieselben knapp 600 Terawattstunden elektrischer Energie im Jahr.

Das ist zu viel, um eines jener berühmten Zeichen setzen, denen dann alle nacheifern. Und erst recht ist es zu viel, um auf Preissignale hoffen zu können: Um an dieser Flanke der Energiewende Erfolg zu haben, müsste der Preis für Erdgas sich vermutlich weitere drei bis sechsmal verdoppeln. Und um den Stromverbrauch auf den Zielwert der Bundesregierung von zehn Prozent unter dem Verbrauch von 2008 zu senken, wären rein rechnerisch zusätzlich zur bisher erreichten Verdopplung plus weitere Aufschläge von wenigstens 50 Cent bis 1,50 pro Kilowattstunde erforderlich. 

Das größte Projekt seit der Wiedervereinigung

Die Energiewende, nach einer Analyse des „Spiegel“ das „größte politische Projekt seit der Wiedervereinigung“, also sogar noch viel größer als das Projekt der Vereinigung Europas und der Einführung einer Gemeinschaftswährung, sie droht zu scheitern, „mit unabsehbaren Folgen“, wie das Hamburger Magazin bereits 2019 in einem Beitrag voller Zweifel am richtigen Kurs vorhersah. Das ganze Geld ist weg. Die energieerzeugende Industrie ebenso. Die Versorgungssicherheit dazu, wie auch energieintensive Arbeitsplätze. Und anstelle all dessen stehen Windräder voller importierte Materialien nicht nur überall herum, sondern auch tausende Stunden im Jahr still.

Grund sei der Widerstand der Bürger, analysiert Der Spiegel, Windenergieprojekte würden bekämpft, Politiker aber hätten Angst vor dem Bürgerzorn und würden deshalb „elektrische Leitungen unterirdisch“ verlegen lassen, was um ein Vielfaches teurer sei und Jahre länger dauere. Die Leitungen, die Räder, die Solarparks, alles zieht sich und woher die 3,4 Billionen Euro kommen sollen, die es für die letzte Wegstrecke bis zur erneuerbaren Gesellschaft braucht, immerhin das Siebenfache der Ausgaben zwischen 2000 bis 2025, kann niemand sagen. Große Stromspeicher gibt es nicht einen, der grüne Wasserstoff, der als chemische Speichermöglichkeit vorgesehen ist, ist selbst heute noch teurer als Russengas. Und mit einer Energiebilanz gesegnet, die ein Lagerfeuer aus feuchtem Pappelholz hocheffizient erscheinen lässt.

Das Scheitern als Segen

Michael Shellenberger hat von Amerika aus schon vor Jahren die Frage aufgeworfen, ob das Scheitern des deutschen Energieausstieges nicht ein Segen für die Welt sein könne. „Wenn erneuerbare Energien Deutschland, eines der reichsten und technologisch fortschrittlichsten Länder der Welt, nicht billig mit Strom versorgen können, wie soll ein Entwicklungsland wie Kenia dann erwarten, dass es ohne fossile Brennstoffe auskommen kann?“ Kein Marketing und kein grüner Glaube könne die schlechte Physik der ressourcenintensiven und landintensiven erneuerbaren Energien ändern: „Solarparks benötigen 450-mal mehr Land als Kernkraftwerke und Windparks 700-mal mehr Land als Erdgasquellen, um die gleiche Energiemenge zu erzeugen“. Das ist so, weil die „Fossilen“, wie sie Grünen-Chefin Ricarda Lang nennt, Energie fast gebrauchsfertig gespeichert haben. Erneuerbare sie aber erst einfangen müssen.

Ein Mehr ändert das nicht, kein Schneller verwandelt das deutsche „Geschenk an die Welt“ eine verlässliche Basis für eine Wirtschaft, eine Gesellschaft. Wo der „Spiegel“ in seiner Kritik nach Jahren der Stille soweit geht, die Energiewende“ zum „Murks“ zu erklären, ein Manöver, das gut gemeint und richtig umgesetzt fabelhaft geworden wäre, nun aber verpfuscht worden sei, lässt der Gang der Dinge seitdem eher vermuten, dass Michael Shellenberger am Ende Recht behalten wird. „Der Umstieg auf erneuerbare Energien war zum Scheitern verurteilt, weil moderne Industriemenschen, so romantisch sie auch sein mögen, nicht ins vormoderne Leben zurückkehren wollen“, schrieb er vor drei Jahren. Und der Grund, warum erneuerbare Energien moderne Zivilisationen nicht allein und ohne Hilfe mit Strom versorgen könnten, sei ganz einfach, dass sie nie dazu bestimmt gewesen seien. 

Der Irrtum mit der Investition

Der Glaube vieler Deutscher, dass die endlos vielen Milliarden, die sie für den Umbau der Energiegesellschaft ausgegeben haben, nur eine Art Investition gewesen sei, die eines Tages durch billigen Strom für jedermann zurückgezahlt würde, er wird enttäuscht werden. Nie mehr wird es billiger als gerade jetzt, wie dem Glauben an das günstige russische Gas, das immer zuverlässig fließen und alle Probleme im großen Plan reparieren wird, droht auch dem an die Magie der Erneuerbaren eine Apostasie, die umso schrecklicher zu werden verspricht, je später sie eintritt.

FreeSpeech

FreeSpeech.international - Texte und Cartoons zur Meinungsfreiheit