Kranke Zweifel: Die Pathologisierung der Kritik

Klare, überschaubare Vorgaben wie die 10G-1J-Regel (oben) gelten als Grundlage für einen Erfolg in der Pandemiepolitik.

Zu Weihnachten standen sie auf einmal vor der Tür, der Onkel aus Sachsen, die Tante aus Thüringen, Kinder mit Enkeln, die vor Jahren im bayrischen Exil zur Welt kommen mussten, ungeboostert allesamt vermutlich und mit abgelaufenem Genesungsschein. Welten trafen aufeinander, das solidarische Milieu stand Schwurblern gegenüber, Querschwätzern, Hetzern und zuweilen den eigenen Söhnen und Töchtern, Fremden plötzlich mit unklaren Impfstatus, die im fahlen Licht der Heiligen Nacht zwar blass aussahen wie doppelt Geboosterte, aber niemand wusste es ganz genau, weil der Handel mit gefälschten Attesten schon ein schwunghafter war unter Freunden und Familienmitgliedern, die sich bei Youtube, Facebook und Twitter mit Verschwörungsmythen infiziert hatten.

Stabile Mehrheit für die Vernunft

Stabil stand die Mehrheit für die Maßnahmen, stabil aber leugnete eine nur langsam schrumpfende Minderheit auch die Notwendigkeit von Impfpflicht, Kontaktabbruch zu Leugnerkreisen und Boosterbedarf über die dritte Spritze hinaus. In Familien- und Freundeskreisen wuchs die Angst, dass der Bruch ein endgültiger sein könne, dass vom Leugnen und Querdenken betroffene Paare nicht mehr zurückgeholt werden können in die Solidargemeinschaft, die sich selbst schützt und damit alle anderen, die auch geschützt sind.

Ist es aber wirklich immer ein Verlust, wenn Familien zerbrechen, Ehepartner sich fremd werden, Kinder den Kontakt zu den Eltern abbrechen oder Eltern ihre Kinder nicht mehr sehen wollen? Klärt sich nicht auch eine gesellschaftliche Situation, wenn Bindungen zerrissen werden, wenn überzeugte Demokraten sich lossagen von Spaziergängern und Angehörige oder Freunde in der Pandemie entschlossen Partei ergreifen für eine Impfpflicht, für Schutzboosterungen bis zur Grundimmunität und Karl Lauterbach als Propheten, der seine Anhänger aus dem Seuchental ins Licht führen wird?

Notwendiger tiefer Schnitt

Der  Kultur- und Medienpsychologe Hans Achtelbuscher, der am An-Institut für angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung auf Usedom lehrt und zuletzt im Sonderforschungsbereich „Furcht, Angst, Angsterkrankungen“ nach dem deutschen Angstgen suchte, glaubt an die heilsame Wirkung von Distanzierungen, Sanktionen und einer entschlossenen Pathologisierung von Kritik. „Sind Betroffene von Impfwirkungsleugnung und Boosternotwendigkeit auch noch so geliebte Menschen und enge Verwandte“, sagt der Entropologiker, “ hilft doch gegen den Leidendruck, immer wieder mit ihren Erzählungen konfrontiert zu werden nur ein scharfer, tiefer Schnitt.“

Ein Ende mit Schrecken statt eines Schreckens ohne Ende wie ihn die elreben, die aus falsch verstandener Loyalität zu Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Onkel, Tante oder altem Schuldfreund*in immer wieder geduldig versuchen, über Maskenleugnung, Symptomverharmlosung und Ivermectin-Propaganda hinweghören. „Es sind ja immer unterschiedliche Charaktere dabei und alle sind einem lieb und vertraut“, schildert Hans Achtelbuscher. dann aber seien Eltern, Kinder, Geschwister, Partner und Kollegen fremd geworden, weil sie Ansichten hegen und zuweilen auch äußern, die nicht akzeptabel seien. „Man will sie dann nicht verlieren, kann aber natürlich auch nicht hinnehmen, dass sie von Freiheit schwatzen und die Bundesregierung ebenso kritisieren wie die Medien.“

Allheilmittel Kontaktabbruch

Als Allheilmittel für den Moment sieht der Wissenschaftler den Kontaktabbruch. Zwar vergebe sich jeder vernünftig und im Rahmen der Gesetze denkende Mensch damit die Möglichkeit, belehrend und aufklärend auf die pathologischen Pandemiefälle in seinem Umfeld einzuwirken. „Doch seien wir ehrlich, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit nach zwei Jahren Seuche, dass das noch zu einem akzeptablen Ergebnis führt?“ Nach Achtelbuschers Ansicht vermindere der Kontakt zu schwierigen Personen im Familienkreis oder unter Freunden und Kollegen aber in jedem Fall die Ansteckungsgefahr. „Wer diffizile Themen wie Impfpflicht, Impfstoffwirksamkeit oder Überlastung des Gesundheitswesens nur mit Gleichgesinnten diskutiert, umschifft sicherlich die Gefahr, sich selbst mit Verschwörungsmythen anzustecken. 

Dass man nach einer Weigerung, weiterhin Kontakt zu halten und den Austausch über den Corona-Graben hinweg zu pflegen, Scham und Schmerz fühle, gehöre zu den normalen Symptomen einer Lebensentscheidung wie der, eine Ehe, eine Familie oder einen engen Freundeskreis aufzulösen und zu zerstören. „Aber die Alternative ist, sich immer wieder dem Glauben an Verschwörungen auszusetzen, der auch dann das gesamte Leben beeinflusst, wenn es einem gelingt, ihn für sich selbst als Aberglauben abzulehnen“, erläutert der Chef des An-Institutes für Angewandte Entropie. 

Profitieren könnten Kontaktabbrecher und ihre Familien aber perspektivisch: „Wenn ehemals nahestehende Coronaleugner und Impfverbrecher sterben, weil sie die Impfung als Verschwörung abgetan haben, wird man nach ein, zwei Jahren, in denen man sich nicht mehr gesehen oder gesprochen hat, zweifellos nicht mehr den großen Schmerz empfinden, den man zu durchleben hätte, stände man sich weiterhin sehr nahe.“

Entfremdung, Sprachlosigkeit und ein im Wortsinne gesunde Angst vor gefährdenden Ansichten entfalte so einen stabilisierenden Effekt auf die verbleibenden Kernfamilien und überschaubaren Freundeskreise. Zu erwarten, dass die Verwirrten und Irrenden eines Tages zurückkehren in den Schoß der Mehrheitsgesellschaft, halte er für vergebens. „Niemand gibt zu, sich verrannt zu haben“, sagt der Medienpsychologe, „das ist in der großen Politik nicht anders als im kleinen privaten Kreis.“

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