Krieg ist (k)ein Nullsummenspiel

Ein Nullsummenspiel (oder etwas allgemeiner Konstantsummenspiel) ist dadurch charakterisiert, dass sich die Gewinne und Verluste der Spieler genau ausgleichen. Bei zwei Spielern ist der Gewinn des einen Spielers gleich dem Verlust des anderen. In solch einem Spiel gibt es keinen Anreiz zur Kooperation oder zum Tauschen (bei drei und mehr Spielern ist es etwas komplizierter), da nicht beide gleichzeitig etwas davon haben können. Schach ist ein typisches Nullsummenspiel, Fußball ist es durch die Einführung der Drei-Punkte-Regel nicht mehr (ein Unentschieden bringt dadurch beiden Mannschaften zusammen weniger, als wenn eine Mannschaft gewinnt). Allerdings ist Schach nur innerhalb des Spiels und der Regeln ein Nullsummenspiel. Aus übergeordneter Perspektive ist das nicht so, da sonst kaum jemand Schach spielen würde. Typischerweise macht das Schachspielen den Spielern Spaß, sonst würden sie nicht spielen. Profispieler bekommen außerdem Geld dafür, welches von außen kommt. Zugleich werden reale Ressourcen verbraucht, insbesondere Zeit und Anstrengung fürs Denken.

Ein normaler Krieg ist ebenfalls ein solches Nullsummenspiel, zumindest solange man in ihn verstrickt ist. Beide Seiten wollen siegen und gönnen der jeweils anderen Seite keinen Vorteil, da dieser ein eigener Nachteil wäre. Aus übergeordneter Sicht ist Krieg kein Nullsummenspiel, sondern für beide Seiten zusammen verlustreich, also eine Art Negativsummenspiel, welches man besser gar nicht spielen sollte. Es werden reale Werte einschließlich vieler Menschenleben vernichtet. Eine Seite kann trotzdem den Krieg anfangen, wenn sie an den eigenen Sieg glaubt und einen eigenen positiven Nutzen dadurch. Allerdings lohnt selbst dann eine Verhandlungslösung, die die Kosten des Krieges vermeidet. Der voraussichtliche Verlierer könnte etwas abgeben, ohne dass es zum Krieg mit seinen hohen Kosten kommt, so dass beide Seiten profitieren (relativ zum Krieg und dessen Ausgang). Innerhalb des Krieges gilt wieder die Logik des Nullsummenspieles, nach der man dem Gegner keinen Vorteil gönnt, da dieser zum eigenen Nachteil wäre. Trotzdem sind Verhandlungen zur Beendigung des Krieges möglich, da damit der Krieg und dessen Logik aufgehoben werden und beide Seiten weitere Kriegskosten und -schäden sparen. Der Kampf um die bessere Ausgangsposition bei diesen Verhandlungen hat allerdings wiederum die Form eines Nullsummenspiels.

Ein echter Atomkrieg bzw. ein ernsthafter Krieg zwischen heutigen Weltmächten (China, Russland und den USA) entspricht keinem Nullsummenspiel, sondern führt erkennbar für alle Beteiligten (und auch viele oder sogar alle Unbeteiligten) zur Katastrophe, weil die stärksten Waffen so schlimm geworden sind, dass die Gegner sich gegenseitig vernichten können und dabei vielleicht die ganze menschliche Zivilisation zerstören oder sogar die Menschheit ausrotten. Jeder vernünftige Mensch und auch Staat wird deshalb einen solchen Krieg vermeiden wollen, was sogar zum Frieden beiträgt durch gegenseitige Abschreckung.

Konkret angewandt auf den aktuellen Ukraine-Krieg bedeutet das, dass ein Kriegseintritt der NATO und insbesondere der USA vermieden werden muss. Das ist allerdings im gemeinsamen Interesse sowohl der NATO als auch Russlands. Russland kann also nicht einseitig diktieren, was die NATO zu tun oder zu lassen hat, um eine solche Kriegsausweitung zu verhindern. Umgekehrt kann die NATO aber auch Russland keine einseitigen Vorgaben machen und z. B. einen Abzug aus der Ukraine verlangen. Rote Linien müssen vorher klar kommuniziert werden und für die Gegenseite grundsätzlich akzeptabel sein. Sanktionen und selbst Waffenlieferungen werden offensichtlich akzeptiert, in der Ukraine kämpfende NATO-Truppen wären hingegen eine aktive Kriegsbeteiligung. Rein theoretisch könnte man sich darauf verständigen, diesen Einsatz als begrenzt anzusehen und darauf weder mit Atomwaffen noch mit einer Ausweitung der Kampfzone nach Russland oder in ein NATO-Mitglied zu antworten. Faktisch wäre eine solche Abgrenzung wohl zu schwierig, zumal Russland vorher etwas anderes versprochen wurde.

Solange die NATO keine Kriegspartei ist, gilt für sie die Kriegslogik des Nullsummenspiels nicht. Insbesondere ist es möglich, mit Russland weiter Geschäfte zum gegenseitigen Vorteil zu machen, die dann allerdings zum Nachteil der Ukraine sind. Zugleich kann man die Ukraine unterstützen, was zu ihrem Vorteil und zum Nachteil Russlands ist. Wenn Russland darauf mit einer Ausweitung des Krieges auf die Unterstützer reagieren würde, würde das nicht nur zur Weltkriegsgefahr führen, die auch Russland vermeiden will, sondern außerdem zu Nachteilen in der ganz normalen Kriegsführung. Die Ukraine alleine ist schwächer als mit Unterstützung, doch zusammen mit ihren Unterstützern ist sie ein viel stärkerer Gegner, den Russland nicht haben will. Präsident ‚Putin kann seinen Krieg und die Ukraine nicht gewinnen‘, aber noch könnte er ohne eigene große Niederlage aus der Sache herauskommen. Dieser Ausweg sollte ihm nicht verbaut werden und eröffnet Möglichkeiten zu einem Verhandlungsfrieden.

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