Letzte Generation: Heiligsprechung vom Mörder

Gewalt gegen Sachen ist in Ordnung.

Mit Mord kennt er sich aus, schließlich ist Karl-Heinz Dellwo selbst an mehreren Morden beteiligt gewedsen. Der frühere RAF-Aktivist war in seiner aktiven zeit Teil des „Kommando Holger Meins“, das sich im April 1975 in der deutschen Botschaft in Stockholm festgeklebt und die Freilassung von insgesamt 26 inhaftierten Friedens-, Umwelt- und Fortschrittsfreunden gefordert hatte. Als sich die damalige Bundesregierung weigerte, erschossen die engagierten jungen Leute zuerst den Verhandlungsführer der Gegenseite Andreas von Mirbach und ließen ihn im Trepenhaus verbluten, später auch noch den Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart, um die Dringlichkeit ihres Anliegens zu unterstreichen.  

Eine moralische Instanz

Karl-Heinz Dellwo war damals mittendrin statt nur dabei, der später wegen zweifachen gemeinschaftlichen Mordes in Tateinheit mit Geiselnahme zu zweimal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte Rheinländer kam nach knapp zwei Jahrzehnten vorzeitig aus der zweimal lebenslänglichen Haft frei und heute genießt er den Ruf einer moralischen Instanz, deren integre Gesinnung und hohe Moral im Umgang mit Grundrechten außer Frage steht. In der Taz hat sich Dellwo nun aufgrund der fortgesetzen Hetze von Rechtspresse und Naziquerfronten gegen die Klimabewegung „Letzte Generation“ mit einem Freispruch aus berufenem Munde zu Wort gemeldet: In der „Welt von heute“, die dominiert werde von der „überall erkennbare Verachtung und Missachtung des Menschen“ agierten die Klima-Kleber „mit Bedacht“.

Es scheint, dass sie alles unternimmt, um Schäden an dem zu verhindern, was sie als sachliches Vehikel für ihre politischen Positionen nutzt“, analysiert Dellwo, dessen Einsatz für gesellschaftlichen Fortschritt und gegen „Gesellschaften, die vorwiegend herrschaftlich strukturiert sind und in ihren zentralen Bereichen dem Diktat von Befehl und Gehorsam folgen“ seinerzeit noch mit 15 Kilogramm TNT, Toten und zahlreichen Verletzten einherging. 

Verwertung des Lebens

Diese „Verwertung des Lebens für eine tote Sache“, wie es der mittlerweile als anerkannter Verleger, Filmemacher und Moraliker geltende 70-Jährige heute nennt, ist immer danach zu bewerten, wem sie nützt. Wo „mit dem Ausdehnen der ökonomischen Verwertung auf alle Lebensbereiche“ der „Befehl des Mitmachens“ zum „inneren Trieb des Einzelnen“ wird, weil der Kapitalismus „jedes grundsätzlich Eigene des Menschen“ auflöse, werde der Mensch hoffnungsloser denn je „zum Objekt degradiert“. 

Von Mirbach und Hillegaart, der eine von hinten erschossen, der andere demonstrativ am Fenster, um der ganzen Welt die Entschlossenheit der RAF zu zeigen, würden, lebten sie noch, bestätigend nicken. Damals war es richtig, minimalinvasiv mit einigen wenigen Morden gegen den Versuch anzukämpfen, eine formierte Gesellschaft auszurufen, in der sich alle Einzelinteressen einem Gemeinwohl unterordnen sollten. Heute muss diese formierte Gesellschaft Realität werden, sollen Weltall, Erde und Mensch weiterhin auf Rettung hoffen dürfen. 

Gegen das Aussterben

Die Letzte Generation ist aus Dellwos Sicht nichts anderes als die finale Waffe der Menschheit im Kampf gegen das eigene Aussterben: Sie stehe für den den Versuch, einen Epochenbruch ähnlich dem Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit einzuleiten, indem sie mit symbolischen Tabubrüchen  darauf hinarbeite, Verwertungs- und Wachstumslogik und damit auch den Kapitalismus zu überwinden, dem es bisher niemals gelungen sei, die Lebensbedingungen auf der Erde für die Menschen  zu verbessern. „Alle Versprechen, gegen die in Gang gesetzte Zerstörung vorzugehen, blieben rhetorisch.“

Karl-Heinz Dellwo, der nie Reue für die Morde von Stockholm gezeigt, sondern sie als „politischen und moralischen Fehler“ taktisch eingeordnet hat, bezieht sich auf das vor allem bei rechten Staatsfeinden beliebte Zitat von Papst Leo XIII. Dessen Satz, „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ relativierte den absoluten Vorrang der Rechtssicherheit und beruft sich auf natürliches Gerechtigkeitsempfinden, das Widerstand auch gegen notwendige Maßnahmen eines demokratischen Staates akzeptiert. Für Dellwo das rechte Mittel in einem System, das „auf integrative Verdauung des Protests“ setze, aber  keine Politik in dem Sinn kenne, „dass sie die Dinge der Gesellschaft im Interesse der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit regelt“. 

Noch nicht auf Augenhöhe mit der RAF

Der Mörder sieht die Letzte Generation nicht auf Augenhöhe mit der RAF, die Reaktionen auf die Aktionen der Gruppe aber zeigten schon, dass „die, die die Macht haben,  offenkundig eine Abstrafung erwarten“. Dellwo verrät nicht, welche geheime Gruppe die Macht hat. Aber er analysiert klar: „Die Hysterie ist ein bewährtes Mittel der Diskursverschiebung.“ 

Man vergleiche die Klima-Kleber, bei deren Auftritten es allenfalls durch unglückliche Umstände zu menschlichen Opfern gekommen sein oder noch kommen könnte, heute schon ganz gezielt mit den der RAF und ihrem jahrelangen sinnlosen Mordfeldzug, weil man Angst davor habe, dass die Letzte Generation „eine reale Machtfrage aufwerfen“ könne und die „im Betrieb Eingebundenen den Zustand ihrer Verwaltung“ dann nicht mehr akzeptieren, sondern die derzeit üblichen Belohnungen durch „Konsum und Scheinfreiheiten“ (Dellwo) abwählen.

Nicht nur die „dekorative Rolle“

Karl-Heinz Dellwo kennt das noch gut aus seiner aktiven Zeit als Weltverbesserer. Auch als er mit dem Killerkommando „Holger Meins“ aufbrach, Protest und Widerstand jenseits der üblichen „dekorativen Rolle“ zu leisten, mit Bomben, Gewehren, Blut und Leichen, verlassen, wurde „von offizieller und medialer Seite mit Verlogenheit und Instrumentalisierung zurückgeschossen“. Dabei sei es im Umfeld der Klimaklebe-Proteste bisher nur zu einem „parallelen Tod einer Radfahrerin“ gekommen – in einem Land, in dem im Jahr etwa 400 Radfahrer im Straßenverkehr ums Leben kommen, eigentlich ein Opfer, das nicht der Rede wert sei.

Die Instrumentalisierung der toten Radfahrerin gegen die „Letzte Generation“ beweise damit nur die Hemmungslosigkeit der Ausbeutung und die Ablenkung davon, dass der Kapitalismus in Wahrheit verantwortlich für alle Verkehrstoten sei. Kühle Analyse statt übler Nachrede: Hinter den Attacken auf die „Letzte Generation“ stehe „auch der eliminierende Wunsch gegenüber dem grundsätzlich Anderen, das in den bestehenden Verhältnissen nicht integrierbar ist“.

Weitermachen, trotzdem weitermachen, rät Dellwo. Denn „ohne das Nichtintegrierbare herrscht nur die Fatalität des Gegebenen“, der „Frieden des Falschen“. Den wollten die, die die Machtpositionen innehaben. Wie bei der RAF, die „am Ende die Vernichtung auf sich“ zog. Aber „unverzichtbar“ war.

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