Merkel und Scholz: Die Lehrer der Völker

Vier Jahre haben Deutschlands Weltgeltung weit vorangebracht: Angela Merkel musste 2018 noch reden, auf Olaf Scholz‘ Entscheidungen warten die Führer der G7 wie auf ein Gottesurteil.

Wie sehr vier Jahre doch die ganze Welt verändern können. Und mit ihr den Blick der Völker auf Deutschland und seine Kanzler*innen. Damals, als Angela Merkel G7-Gipfel im kanadischen La Malbaie die Arme auf den Tisch stützte und dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump die Leviten las, stand der Rest der Führungselite der globalen Schicksalsgemeinschaft noch eher skeptisch daneben. Der Japaner verschränkte abwehrend die Arme, als wolle er die guten Argumente der damals mächtigsten Frau der Welt an sich abprallen lassen wie das auch Donald Trump sichtlich vorhatte. Andere schauten neugierig, aber zumeist skeptisch zu.

Solidarischer Franzose

Nur Emanuel Macron, der Franzose, der sich trotz einiger Konflikte kerneuropäisch neben seine EU-Kollegin gestellt hatte, schien auf dem Foto, das die Bundesregierung herausgab, so dass es sich im Handumdrehen in ein Stück kerngesunden unabhängigen DPA-Journalismus verwandeln konnte, solidarisch. Auch er stützte sich auf den Tisch. Erwartungsvoll blickte er auf Trump. Was würde der Amerikaner nach Merkels Belehrung wohl noch sagen können? Merkel rettete damals den Zusammenhalt des Westens, den freien Handel und die Abmachungen mit dem Iran. Doch sie musste dazu wie eine Lehrerin auf ein trotziges Kind einreden, das einfach nicht hören will. 

Eine Schicksalsstunde, die den Präsidenten nicht nur sein Amt gekostet haben mag, sondern der Menschheit auch den Weg öffnete in eine neue gemeinsame Zukunft. Denn die Minuten an dem kleinen Tisch von La Malbaie, auf dem nur ein einziges Wasserglas für all die global leaders stand, halbvoll oder halb leer, die Kunstkritiker stritten danach lange, wie die Inszenierung gemeint gewesen war, sie änderte nicht nur den Ablauf der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Sondern auch den Blick der Welt auf Deutschland und seine Regierungschefs, wie ein neuer Schnappschuss aus der Fotofabrik der Bundesregierung zeigt.

Primus inter pares

Es ist nicht mehr dieselbe Szene, doch es ist die gleiche, ganz anders. Musste Merkel noch verbal um Aufmerksamkeit bitten, Reden, Überzeugen, Barmen und Betteln, ist ihr Nachfolger unter den Mächtigsten der Welt primus inter pares. Alle haben sich um den Deutschen versammelt wie um ein wärmendes Lagerfeuer. Der US-Amerikaner Biden sitzt ihm zu Füßen, das Gesicht anbetend gehoben. Der Franzose knetet nervös die Finger. Wie wird Olaf Scholz entscheiden? Justin Trudeau, der Kanadier, der Deutschland zu einer heute schon lange wieder vergessenen lebensrettenden Turbine verhalf und Olaf Scholz damit schon einmal zu einem hübschen Foto, ahnt, dass er hier noch viel lernen kann. 

Auf die Bildkomposition kommt es an, darauf, mit einem kleinen Foto zu illustrieren, wie die Welt nach der Zeitenwende funktioniert. Scholz scheint auf der ikonischen Aufnahme, die vom Bundespresseamt seinem Sprecher Steffen Hebestreit zugesprochen wird, bei Hebestreits früherem Arbeitgeber aber urheberlos bleibt, nicht einmal etwas sagen wie es Merkel noch musste. Der Wumms-Kanzler der Rettungspakete, er wirkt durch Anwesenheit, er erringt das Vertrauen seiner Machtkollegen durch geduldiges Abwarten und immense Nachdenklichkeit.

Nur eine hat Antworten

Hier tragen alle enorme Verantwortung, gerade in einem Moment höchste Gefahr wie dem, in dem das Foto komponiert worden war. Gerade hatte Russland Raketen auf Polen abgeschossen, vorläufige Raketen, die außergewöhnlich weit hatten fliegen müssen und am nächsten Morgen schon wieder keine mehr gewesen sein werden. Doch die sorgenvollen Männer wissen das nicht, auch die Frau mit dem roten Schal, deren Namen die Bundesregierung nicht nennen will, kann nur das Beste hoffen. Ist es Ursula von der Leyen, unvorteilhaft getroffen? Oder eine Bedienstete, die gerade das ganz unten links zu sehende Wasserglas vom legendären Gipfel in Kanada hereingebracht hat? was steht in dem blauen Buch, das sie in der Hand trägt, während sie sich – offenbar zum Gehen entschlossen – halb abwendet?

Vieles bleibt im Unklaren, Manches aber ist nur allzu deutlich. Wo Merkel noch mühsam um Gefolgschaft werben musste unter den Partnerstaaten, ist Olaf Scholz eine naturgegebene Autorität zugewachsen. Hier in der dünnen Luft des permanenten Kampfes gegen Krise, Klima und Krieg kann nur einer sagen, wie damit umgegangen werden muss: Ratsuchend richten alle ihre Blicke auf Scholz, flehend fast schaut die Welt durch die Augen ihrer Führer nach Deutschland, um zu lernen, wie es besser geht.

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