Mick Jagger und der Geruch des Gegners

Die Frage der zulässigen Türbeschilderung ist in Deutschland seit Jahrhunderten rechtlich ungeregelt.

Auf dem Türschild seiner Wohnung, einer handtellergrossen Metallplatte mit geschwungenem Rand, nannte Manfred sich Mick Jagger. Er hatte lange überlegt, welchem Namen er den Vorzug geben sollte. Fred Mercury war in Gespräch gewesen, Frank Zappa auch, er hatte sich endlich für den Stone entschieden. Dessen fiese, arrogante Art fand er einfach so fürchterlich sympathisch. 

Manfred freute sich einige Tage lang heftig über das strahlend polierte Schild mit dem Namenszug. Er hatte es selbst graviert, es war so exakt geraten, wie man es sich nur wünschen konnte.  

Der schöne Jagger

Mittwochnachmittag wurde Manfred, der nicht ahnte, dass er schon geraume Zeit Gegenstand ausgiebiger Erörterungen im Hintergrund geworden war, vom Hausvertrauensmann auf das Schild hin angesprochen. Seit wann heißen Sie Schegger, Herr Müller, sagte der. Manfred antwortete störrisch und erst auf nachdrückliches Befragen hin gab er an, er hielte Müller für einen gewöhnlichen und sogar außergewöhnlich hässlichen, Jagger hingegen für einen schönen Namen. Und es gäbe, schloss er provozierend, doch wohl kein Gesetz, keine Durchführungsverordnung noch andere Bestimmung, die Größe, Art und Inhalt privater Türschilder verbindlich festlege?

Hausvertrauensmann Müller, genannt Zwo, denn insgesamt lebten wohl drei Mieter gleichen Namens in Eingang vier des zehngeschossigen Wohnblocks, Müller zwo also war jedoch der bei weitem engagierteste und gesellschaftlich aktivste unter ihnen, mochte das nicht glauben. Trotz heftigen Protestes seiner Frau, die ihn wieder und wieder sowie händeringend bat, seine Nase aus dieser Sache und es „einfach mal dabei zu be-“ lassen, begab sich Müller am folgenden Tag zum Ausschuss des Wohngebietes, sich Auskunft zu erbitten, wie er zuvor verlautbaren ließ. 

Wohnbezirksvertrauenskrise

Doch dazu kam es nicht. Martin Haase, zuständiger Wohnbezirksausschussvorsitzender, war zwar überaus interessiert am von Müller zwo geschilderten Schild, auch lobte er mehrmals Müllers gesunde Wachsamkeit, die er „geradezu revolutionär“ nannte. Leider aber konnte er „aufn Ruck“, wie er volkstümelnd betonte, mit der erbetenen Auskunft aber auch nicht dienen. Aber, so versicherte er seinem Besucher noch in der Tür, ich bleibe dran, dessen kannst Du sicher sein, Genosse Müller! Ein Mann, ein Wort, und so weiter und so fort.

Haase hatte sich, derweil Müller zwo sein Anliegen vortrug, deshalb auch umfangreiche Notizen gemacht. Eine davon lautete „Wer ist Schegger“, eine Frage, die es zu klären galt, wollte man den Fall Muller insgesant schnell und bürgernah aus der Welt schaffen. Irgendwie war es Haase, als habe er den Namen bereits irgendwo gehört. Unglücklicherweise war er sich aber nicht sicher, von welchem Sender. 

Der Geruch des Gegners

Er hielt die Sache nicht nur deshalb, aber gerade deswegen für alles andere als lächerlich, er nahm sie ernst und keineswegs auf die leichte Schulter, wie es viele andere vielleicht getan hätte. In mancherlei abenteuerlicher Verkleidung war ihm, Haase, der Gegner nämlich schon untergekommen in den langen Jahren seines politischen Wirkens. Und immer war er erkannt worden – früher oder später oder umgekehrt. Der Geruch des Gegners war unverkennbar. Wer ihn einmal gerochen hatte, konnte ihn überall schnüffeln.

Was Müller zwo ausgesagt hatte, klang ganz und gar nach einer solchen gerissen eingefädelten gewissenlosen Provokation des Feindes. Haase machte sich auf zu einem ihm aus Tagen des gemeinsamen Kampfes um die Einführung revolutionärer Straßennamen bekannten bekannten Rechtsanwalt. Und im Ergebnis dieses Besuches, bei dem die beiden Männer zwei Bier tranken, aber nicht jeder, sondern jeder eins, verstärkten sich Haases Befürchtungen um ein Vielfaches. Versicherte ihm sein Freund doch, dass es in der Tat keinerlei gesetzliche Bestimmung, ja, noch nicht einmal eine Verhaltensvorschrift über Größe, Art und Textinhalt privater Türbeschilderungen gäbe.

Anarchie im Regelungsloch

Eine Regelungsloch, das Anarchie und Eigensinn Tür und Tor öffnete. Jeder könnte, wenn er wolle, was immer ihm einfiel. Und dagegen machen ließ sich: Nichts! Haase fühlte sich, als schaue er einen Abgrund. Hatte also die nicht existierende Innere Opposition mit Hilfe von CIA, BKA, FBI undwerweissnoch den lange gesuchten rechtsfreien Raum ausfindig gemacht? Waren staats- und Parteiführung, die Zuständigen Organe, die örtlichen Volksvertretungen und die Menschen draußen im Lande, die auf die kollektive Klugheit derer vertrauten, die es besser wissen müssen, über diese Eskalation des Klassenkampfes im Wohngebiet informiert ? Wenn ja, von wem ? Was war zu tun? Trug er, Haase, eventuell die Verantwortung? Wurde man ihn zur Verantwortung ziehen? Kalter Schweiß lief Martin Haase über den Rücken.

Sein ehemaliger Kampfgefährte, der Rechtsanwalt, beruhigte ihn routiniert. Womöglich, erklärte er dem verschreckten Haase, könne ein entsprechend instruiertes Gericht in jedem Fall die vierte Zusatzbestimmung zur Landpflegeordnung/Abs. II „Öffentliche Wandflächen“ in Anwendung bringen. Ordnungsrecht sei immer gut, wenn etwas schnell und unbürokratisch geordnet werden müsse. Haase solle deshalb nur ruhig Blut behalten, alles renke sich sicher schnell wieder ein.

Maßnahmen einleiten

Martin Haase dankte und verabschiedete sich mit zerstreuten Handschlag. Am Abend war mit ihm nicht zu reden, seine Frau, eine freundliche Frau, mit ebenso viel Langmut wie Liebe, ging gegen neun verärgert ins Bett. Haase aber wurde mit jeden weiteren Gedanken unruhiger. Im dritten nächtlichen Erwachen endlich beschloss er, unverzüglich am nächsten Vormittag Maßnahmen einzuleiten. Welche das sein wurden, mussten ja die Genossen vom Revier am Besten wissen, dachte Haase im Wiedereinschlafen, sich noch einmal auf die Seite wälzend, auf der er immer so gut schlief. Im Wegdämmern fluchte er auf Müller zwo, aber ein bisschen war er auch froh darüber, dass dessen schnelle Meldung der Umtriebe es erlauben würde, rasch zu reagieren und dem Treiben ein Ende zu machen.

Schegger, dachte Martin Haase.

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