Mit Hetze gegen Hass: Verspaßung der Naziverbrechen

Verspaßter Verbrecher: Der Führer dient Gemeinsinnfunkern jetzt als Waffe im Kampf gegen Elon Musk und die Meinungsfreiheit.

Er schien schon besiegt, nach 77 Jahren war sein Geist endlich ausgetrieben. Adolf Hitler, in seinen erfolgreichsten Jahren ein Grundbaustein jeder öffentlichen Diskussion in Deutschland, verschwand infolge aktuellerer Bedrohungen zuletzt fasst schon beängstigend schnell aus der medialen Wahrnehmung. Kaum noch Hitlervergleiche, kaum noch Spuren der ehemals flächendeckend gesendeten Berichte über Hitlers Verbrechen, Hitlers Spießgesellen, Hitlers Panzer, Hitlers Frauen und Hitlers Hund. Der Führer, auf dem Höhepunkt des Hitler-Booms senderübergreifend die deutsche Fernsehfigur mit den meisten Bildschirmeinsätzen, schien im Dunkel der Geschichte zu versinken. Keine lange Führernacht mehr, keine Bestseller, keine Kinoeinsätze, keine Suche nach dem „besten Hitler aller Zeiten“ (Ruhr-Nachrichten).

Wer zieht zuerst die Hitlerkarte

Ein Knick in der geschichtlichen Kontinuität, die seit Eva Hermans legendären Talkshow-Auftritt bei Johannes B. Kerner die Basis für einen deutschen Stimmungskampf, der immer auf die Frage hinauslief, wer zuerst die Hitlerkarte zog, um den entscheidenden Stich zu machen. Hitler war auserzählt, leergeschrieben, abgefilmt. Eine nachgewachsene Generation kannte ihn  gar nicht mehr gut genug, um sich zu erschrecken, weil sie wegen des grassierenden Lehrer*/&-Innenmangels im Geschichtsunterricht immer nur bis zu den alten Römern gekommen war. Selbst die traurigsten Spaßvögel im öffentlich-rechtlichen Gemeinsinnfunk konnten kein Lachen mehr mit ihm machen. Der kleine trade mark Bart, der schneidige Scheitel und die Schnarrestimme, sie erreichten die Menschen nicht mehr in einer Welt, in der Donald Trump, Jair Bolsonaro, Viktor Orban und Recep Erdogan viel nähere Bedrohungen waren.

Noch aber ist der Führer nicht tot, seine Wirkungsmacht nicht verloren. Noch gibt es Fans des fürchterlichen Diktators, die das Urteil der Geschichte nicht hinnehmen wollen, sondern eifrig an einer Wiederbelebung des so lange so nützlichen Despoten arbeiten. Die Gelegenheit ist günstig, denn seit sich mit Elon Musk ein amerikanischer Milliardär des Kurznachrichtendienstes Twitter bemächtigt hat, ist es Zeit, der Anfänge zu wehren. 

Fake News vom Weltrekordler

Früh schon hatte sich Mario Sixtus, inoffizieller Weltrekordhalter bei Twitterblocks, entschlossen, die Bedrohung der Einschränkung der Meinungsfreiheit durch Musk durch einen gepfefferten Hitler-Vergleich anzuprangern: Die fake news, der neue Mehrheitsaktionär aus Afrika wolle für die blauen Identifikationshäkchen, mit denen sich Prominente, Politiker, Behörden und Institutionen bisher kostenfrei schmücken dürfen, „20 Dollar“ (Sixtus) kassieren, kombinierte der Grimmepreisträger und „elektrische Reporter“ des ZDF mit einer entmenschten Porträtaufnahme des Schauspielers Bruno Ganz im Hitlerkostüm. Der Schweizer, 2019 verstorben, hatte den bis heute einzigen österreicherischen deutschen Reichskanzler 2004 in Oliver Hirschbiegels Drama „der Untergang“ gespielt und dabei eine Glanzvorstellung abgeliefert, die Hitler viele neue Bewunderer einbrachte.

Verspaßung der Naziverbrechen

Sixtus, neben seiner Tätigkeit für den Gemeinsinnfunk auch immer wieder als Wächter und Melder unzulässiger Ansichten im Netz unterwegs, blieb nicht lange allein. Die „Heute-Show“ des ZDF legte und schärfte nach: In ein Foto von einem Massenaufmarsch der Nazis auf dem Reichsparteitagsgelände in  Nürnberg montierte die lustigste Redaktion des unter enger staatlicher Aufsicht stehenden Gemeinsinnfunksenders ein Bild von Musk und den leicht abgewandelten Goebbels-Spruch „Wollt ihr den totalen Krieg?“

Es hitlert endlich wieder. Mit Hetze gegen den Hass, mit der humorvollen Verharmlosunglosung der unsagbaren Verbrechen des Dritten Reiches gegen Elon Musks Versuch, erreichte zivilisatorische Fortschritte bei der Durchsetzung eines erweiterten Meinungsfreiheitsschutzes bei Twitter abzuwickeln. Die Verspaßung der Nazi-Verbrechen, als bodenlose Geschmacklosigkeit abgeurteilt, als Musk die Verbrechen des Nazi-Regimes instrumentalisierte, sie bekommt durch die Hitler-Initiative der Gebührenfunker neuen Schub. Der Führer, er darf nach Monaten des Adolf-Mangels in den Medien wieder hoffen, zurückkehren zu können in den gesellschaftlichen Debattenraum.

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