Neu im Krisenregal: Das Stromproblem

Eine Kurve, die jeden Anleger entzückt. Nach Jahrzehnten ohne Ertrag strebt die Kurskurve plötzlich mit aller Entschlossenheit gen Himmel. Aus ersten zarten Ansätzen im Dezember 2020, die damals noch als klassische Fehlsignale gedeutet worden waren, entwickelte sich eine Dynamik der Preisentwicklung, wie sie deutsche Aktiensparer zuletzt in den goldenen Jahren des Neuen Marktes gesehen haben. EM-TV und Mobilcom, damals Namen wie Donnerhall für alle, die die von der Bundesregierung versprochene schnelle Mark beim Börsengang der Deutschen Telekom verpasst hatten, explodierten damals vor aller Augen.

Aus 400 Euro – seinerzeit noch der Preis einer Unze Gold, die heute viermal so viel kostet – wurden fast 9.000 Euro, aus 4.000 wurden 90.000. Wer die Nerven hatte, dabei zu bleiben, dann aber rechtzeitig auszusteigen, machte noch mehr Geld als andere später bei Wirecard und Tier-Spezi verloren.

Ein langweiliger Markt

Bei elektrischem Strom geht das nicht, denn an der deutschen Strombörse in Leipzig dürfen nur Firmen handeln. Selbst die gerissensten Fondsanbieter haben keine Papiere auf Strom im Angebot, mit denen private Stromverbaucher hätten mitwetten können auf einen Erfolg der Elektromobilität, der Wärmepumpen und der Elektrifizierung des ganzen Landes. Wozu auch? Bis vor ein paar Monaten war bei Elektroenergie, gehandelt in einem regulierten Markt, nicht viel zu holen für den Kleinanleger. Mal ging es ein wenig rauf. Mal ein wenig runter. Mal kam der Strom aus Braunkohlenkraftwerken und musste für Ökostrom-Nutzer erst umgestrichen werden. Mal war er gleich grün und ging dann für lau nach Frankreich, weil es dann immer gleich zu viel davon gab.

Um die 30 Euro kostete die Megawattstunde meist, manchmal auch 60, eher selten nichts. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gab es einen Ausschlag bis auf 210 Euro, 2012 auch mal einen auf minus 50. Ein Stromproblem aber hatte Deutschland nie. So lange zumindest nicht, dass der Satz „Wir haben kein Stromproblem“ in den langen Gängen des Klimaministeriums zum Morgengruß wurde, im Kanzleramt zum Abendgebet und in der Grünen-Zentrale zu einem Mantra. Wir haben kein Stromproblem. Man müsse jetzt richtige Antworten geben, betonte Parteichefin Ricarda Lang eben erst in einer Stichwortrunde beim ZDF. Darauf hätten die Menschen ein Recht.

Partei ohne die richtigen Antworten

Die richtigen Antworten hatte Lang unglücklicherweise daheim vergessen, im ZDF jedenfalls gab es sie nicht. Vielleicht auch, weil nicht danach gefragt wurde. Der Sendeauftrag! Zusammenrücken! Keine Fehlerdiskussion!

48 Stunde später aber meldete sich das Stromproblem dann auch seine Weise zu Wort. War der Megawattstundenpreis schon seit Jahresanfang kaum noch unter die 90 Euro gefallen – eine Preisregion, die zuletzt 2008, damals aber auch nur sehr kurzzeitig erreicht worden war – sank er seitdem nie mehr darunter. Im Gegenteil: Über 120, 150 und die sagenhaften 210 von 2001 ging es rauf auf 250, auf 350, auf 380 und schließlich mit einem echten Scholzschen Wumms auf über 400. First time in history. Geschichte wurde geschrieben, dort in Leipzig, wo die Zukunft gehandelt wird.

Stolze 1.000 Prozent

Ein Sprung um 1.000 stolze Prozent, verglichen mit dem Durchschnittspreis der Jahre 2010 bis 2020, der sich bislang natürlich nur dort abspielt, wo die Leitungen beschickt werden müssen. Wie beim Erdgas, bei dem die Ampelanlage in Berlin ein drittes Speisungswunder plant, um soziale Unruhen zu unterbinden, die Rechtsfaschisten anheizen könnten, nur weil die private Gasrechnung von 2.000 Euro im Jahr auf 20.000 Euro gestiegen ist, diffundieren auch die neuen Strompreise erst nach und nach bis zu den Empfängern der Endabrechnung durch. 

Kein Preisproblem

Kommen sie dann an, wird sich der derzeitige Weltrekordstrompreis der Deutschen, der bei etwa 32 Cent pro Kilowattstunde liegt, ähnlich nach oben entwickelt haben wie der durchschnittliche Großhandelspreis. Der lag in den vergangenen zehn Jahren bei 4,40 Euro für eine Megawattstunde, jetzt hat er die 400 Euro-Grenze geknackt. Macht auch ohne Rechenstab und mögliche zwei oder fünf Cent Elektrogerechtigkeitsabgabe einen runden Kilowattpreis von 40 Cent, ohne Netzentgelt,   Konzessionsabgabe, Mehrwertsteuer, Stromsteuer, KWK-Umlage, CO2-Abgabe, Offshore-Haftungsumlage und Umlage für abschaltbare Lasten

Die machen derzeit 52.5 Prozent des Gesamtstrompreises aus, der Einkauf von Strom, Lieferung und  Vertrieb nur knapp 23. Ricarda Lang würde schwören, dass wir kein Preisproblem haben, denn zu den 40 Cent Beschaffungskosten pro Kilowattstunde kommen allenfalls 45 Cent an Steuern, Abgaben, Umlagen und Aufschlägen, etwa für „Beitragssatzsenkungen der Rentenversicherung“, wie die Bundesregierung erklärt.

Der Strompreis für den Endverbraucher bleibt also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiterhin deutlichst unter einem Euro pro kWH, zumindest wenn er nicht weit drüber schießt. Und mit einer Kilowattstunde wird man immer noch jeden dritten Tag im Jahr eine Scheibe Toast rösten, sich einmal die Woche ein ganzes Jahr lang für eine Minute die Haare föhnen oder zweimal die Woche eine gnaze Stunde Radio hören.

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