Neuneuromenschen: Sport im Orient-Express

Kümrams Großgemälde „Sport im Orient-Express“ gilt heute schon als Klassiker einer verrückten Zeit.

Kümram ist jung, er ist mobil, er ist neugierig und hochtalentiert. Seit Severi Jagenberg, der sich als anerkannter Künstler nur Kümram nennt,als Fünfjähriger zum ersten Mal Malkreise in die Hände bekam, zeichnet, porträtiert und malt er alles, was ihm vor die Augen kommt. Über Jahre hinweg galt seine große Liebe der deutschen Bundeskanzlerin, die er wieder und wieder mit den verschiedensten Techniken auf die unterschiedlichsten Materialien auftrug. Hunderte Bilder entstanden in der Ära Merkel, eines schöner als das andere.

Im Alltag des politischen Raumes

Mit dem Abschied der großen Kanzlerin brach für den Meister des Kreidepinsels eine kleine Welt zusammen. Schnell aber fand der fingerfertige Maler ein neues Betätigungsfeld im Alltag des politischen Raum, auf der Berliner Bühne, die er nicht erst seit der Zeitenwende mit seinen unverwechselbaren Kunstwerken illustriert. Egal, ob Annalena Baerbock in Afrika oder im Kampf gegen Corona, mit unnachahmlichen Strich zeigt Kümram immer wieder eine Seite der bitteren Wirklichkeit der 2020er Jahre, der Betrachtern den Atem verschlägt.

Mit der Einführung des Neun-Euro-Tickets und der damit verbundenen Nahverkehrspflicht, die jeden Bürgerin zu einem Teil der Klimarettung durch individuelle Mobilisation macht, wagte sich Kümram nun noch einmal auf ein ganz neues Schaffensgebiet. Erstmals verließ der talentierte Maler, Zeichner und Illustrator der Zeitläufte sein karges Atelier im Flachland um Berlin, um dorthin zu gehen, wo Geschichte passiert, wo die Entlastung der Menschen sich in persona zeigt.

Gewimmel wie in Kalkutta

Auf einem Vorstadtbahnhof im Sächsischen fand Kümram schließlich nach einer 17-stündigen Reise, die er am späten Freitagabend mit einer Busfahrt nur wenige Kilometer von seinem etwas abseits gelegenen Vier-Seiten-Hof begonnen hatte, sein Neun-Euro-Motiv: Ein Gewimmel wie in Kalkutta, Tausende fröhlicher, von der Aussicht auf eine nahezu kostenlose Bahnfahrt euphorisierte Menschen, leere Gleise, Reisendenlenker:innen in schmucken Uniformen, Ölgeruch von den Dieselloks und von Verzweifelten an der Bahnsteigkante zurückgelassene Fahrräder.

An den legendären Orient-Express habe ihn die apokalyptische Szenerie erinnert, wie er ihn im vergangenen Jahr in einem Kinofilm erlebt habe, sagt Kümram, für den sofort klar war: Dieses Bild muss ich malen, muss ich auf den mitgebrachten Karton bringen, muss ich künstlerisch aufarbeiten, für spätere Generationen, die sich wie spätere Generationen  stets niemals werden vorstellen können, wie groß das Glücksgefühl war, dass Uroma, Uropa, die quengelnden späteren Eltern an der Hand , empfunden haben, als nach geduldigem gemeinsamen Warten schließlich doch ein Trommeln der eisernen Räder auf den Schienen erklang wie ein Signal für den Beginn besserer Zeiten.

Corona ist vergessen

Ein Schieben hub an, ein Drängen und eine Suche nach Gemeinsamkeit, die all die Corona-Auflagen endgültig vergessen ließ. Querdenker und Ausflügler, Sachsen und Auswärtige, Frauen, die noch zu Zielen streben, und Männer, die schon zurück nach Hause wollen, sie alle fließen in Kümrams Naturkreide-Gemälde „Sport im Orient-Express“ zusammen zu einer bunten, vielgestaltigen Masse, die miteinander genießt, was die Bundesregierung als Ausgleich für steigende Energie- und Lebensmittelpreise pünktlich vor Beginn der Feriensaison auf den Gabentisch gelegt hat. 

Links ist das Gleis noch leer, rechts wartet schon ein Regionalexpress darauf, dass die letzten Fahrradtourtisten sich von ihren Drahteseln verabschieden. Ein politisches Statement sei die mehrdeutige Bildaufteilung nicht, sagt der Maler, sondern so und genau so habe er die Situation aus seinem Blickwinkel wahrnehmen dürfen. 

Im Ofen karamellisiert

Wo genau, wann genau, Kümram möchte es im Ungefähren lassen, denn sein Gemälde – wie stets in Kreide gezeichnet und später im eigenen Ofen nachkaramellisert, um die Farben lebendiger werden zu lassen – stehe für alles, was das von vielen Reisenden als „Gute-Laune-Ticket“ bezeichnete Geschenk der Ampel für das Land und seine Menschen tue und in den kommenden Monaten noch tun werde.

Es ist aus diesem Grund auch kein einzelner Vielleichtbaldmitfahrender zu erkennen, kein Individuum, das heraussticht aus der mobilen Masse, die die Verlockung des Unterwegsseins ohne besonderen Grund, ohne Anlass und Zweck gleich an diesem ersten Wochenende der Verkehrswende hat aufbrechen lassen ins Ungewisse einer weltweit als besonders marode bekannten Bahn-Infrastruktur. Gelassen wie echte Inder warten die Neuneuromenschen, niemand schimpft oder zetert auf der Leinwand, die im Original zwei mal zwei Meter misst. Alles hier wirkt überaus turbulent und alles vermittelt ein Gefühl, dabeigewesen sein zu wollen oder wenigstens beim nächsten Mal auch an den Start gehen zu dürfen.

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