Notvorrat für den Tag danach: Einkaufslisten für den Weltuntergang

Immer unter den ersten Warnern: Der SPD-Politiker Karl Lauterbach plädiert für einen klaren gesetzlichen Rahmen.

Nein, ein paar Marsriegel reichen nicht. Nein, auch Tiefkühlnahrung ist nicht zu empfehlen. Und ja, es darf inzwischen nicht nur gepreppert werden, es soll und muss sogar! Vorsorge ist die Mutter des Überlebens, im Frühjahr schon riet Bundesinnenministerin Nancy Faeser zum Anlegen Notvorräten, die ausreichen sollen, die Familie nach dem Zusammenbruch des normalen Alltagslebens durchzubekommen, bis die EU die Lage wieder im Griff hat.  

Not kennt ein Gebot

Das Bundesamt für Katastrophenschutz (BfK), eine bis vor wenigen Monaten weitgehend unbekannte Bundesvorsorgebehörde, veröffentlichte eigens für den Tag X spezielle Einkaufslisten für den Weltuntergang. Mahnend äußerten sich verschiedene Medien. Wer nicht für sich vorsorge, vergehe sich an der Gemeinschaft aller, weil er im Ernstfall die dann bis zum äußersten überdehnten Kräfte der Reste der noch bestehenden staatlichen Ordnung zu seiner Rettung bemühen werde. Zuspruch und eine spezielle Idee kam vom Bundesgesundheitsminister, einem der aktivsten deutschen Warner: „Wir müssen vorbereitet sein auf die kalte Jahreszeit“, ließ sich Karl Lauterbach zitieren, „ein klarer gesetzlicher Rahmen gehört dazu“.

Staatliche Kontrollen der gehamsterten Vorräte, Auflagen für die jeweilige Umschlagszeit, Prüfungen der Lagerbedingungen in den Wohnungen, Garagen und Kellern – all das ist in Deutschland bisher überhaupt nicht reguliert. Auch die EU hat dazu keinerlei Richtlinien erlassen, die zuständigen Behörden appellieren und setzen auf reine Anarchie: Wer hamstert, der hat, wer es unterlässt, hat Pech.

Angst vor der Anarchie

Der Unternehmer Reinhold Herger schüttelt über dieses anarchische Vorgehen seit Jahren den Kopf. Der Gründer der Imbisskette Hot Bird, ist nicht nur Sohn eines ehemaligen NVA-Offiziers, den sein Vater früh mit grundlegenden Überlebenstechniken vertraut machte, sondern auch Chef des Bundesverbandes der Prepperer (BdP), einer Vereinigung, die in der alten Bundesrepublik noch als Deutscher Notvorsorgeverein (DNVV) firmierte, sich aber unter der Ägide des weitgereisten Ostdeutschen zunehmend diversifizierte und der Globalisierung öffnete.

PPQ sprach mit dem Kenner vieler Krisenszenarien über Strategien der individuellen Gegenwehr, über Plünderer, Bockwurst in Büchsen und Plastiktüten gegen unverhofft eindringenden Atomstaub. Dabei geht es nicht nur um Krieg, sondern um Katastrophen aller Art, also Ereignisse, die Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen gefährden.

PPQ: Herr Herger, Deutschland gilt als sehr sicher, es ist meist warm, die Supermärkte sind meist voll  und zur Not gibt es noch die Spätis. Wozu also ein Verband wie der Ihre?

Reinhold Herger: Unsere Wurzeln liegen natürlich im Kalten Krieg und nachdem der beendet war, haben uns viele verlacht. Ganz so, als würde es die vielen verschiedenen denkbaren Krisen und Katastrophen von der Überschwemmung über Stürme oder Dürren bis hin zur Pandemie oder zum Blackout nie mehr geben können. Selbstverständlich, die größtmögliche Katastrophe ist der Krieg, und nach dem sah es wirklich lange nicht aus. Aber ich habe immer gesagt, besser man hat als man hätte! Und wenn sich niemand mehr für den Zivilschutz interessiert oder um Vorsorge kümmert, ist jeder für sich selber zuständig. 

PPQ: Aber wenn man nicht weiß, was kommt, wie soll man sich darauf vorbereiten?

Herger: Ein Kinderspiel. Die Vorsorge ist in den meisten Fällen ähnlich! Da verrate ich kein Geheimnis. Bricht unsere gewohnte Ordnung zusammen und sei es nur für ein paar Tage, braucht trotzdem jeder weiter Essen, Wasser, Kleidung, Unterkunft, auch Hygieneartikel, etwas zu lesen, eine Beschäftigung. Und Informationen darüber, was passiert ist, wie es weitergeht, was man am besten tun soll und wie lange es voraussichtlich dauert, bis Rettung kommt. Wir als BdP haben langjährige Erfahrung ein einer Vorbereitung auf solche Fälle. was hält sich, was eignet sich? Was gehört zu einem guten lebenden Vorrat, also zu einer Notfallkammer, deren Inhalt ganz natürlich in den normalen Haushaltsverbrauch eingebaut wird, die aber immer einen Puffer bietet, der ein Überleben wahrscheinlicher macht.

PPQ: Um sich solche Vorräte zuzulegen, braucht es starke Nerven. Gerade als beim Pandemiestart manche begannen, sich einzudecken, gab es viel Kritik an solchen Hamsterern, die als Feinde der Gemeinschaft und als unsolidarisch beschrieben wurde. Wie wappnen Sie sich gegen solche Vorwürfe?

Herger: Unsere Mitglieder schert das nicht. Wir wissen alle, wer zuletzt noch lachen kann, der lacht am besten. Und lachen kann nur, wen noch etwas zu essen hat. Wir vom BdP kaufen deshalb auch mäßig, aber eben regelmäßig. Wir nehmen niemandem etwas weg! Wir kaufen Dinge, die allen in der Familie auch im normalen Alltag schmecken, lassen sie aber ein wenig liegen, so dass immer ein Puffer da ist.

PPQ: Was empfehlen Sie denn genau?

Herger: Unsere Einkaufslisten für den Weltuntergang empfehlen als Faustregel  einen Vorrat für Minimum sechs Wochen. Die zehn Tage, die offiziell genannt werden, sind Aberglaube. Anderthalb Woche? Da hat die Bundeswehr nicht einmal ihre Notstromaggregate repariert. Für den Ernstfall brauchen Sie also einen Erwachsenen sind das etwa zwölf Kilo Brot, Kartoffeln oder Reis, Nudeln, einen Campingkocher mit ausreichend Gaskartuschen, denn der Strom dürfte dann weg sein. Batterien gehören dazu, schwarze Decken, um nachts Licht anschalten zu können. Ein Solarpanel, möglichst groß, zum Aufladen von Akkus. Weiterhin sollten pro Person etwa 8 bis 10 Kilo eingemachtes Gemüse und Obst im Haus sein, Fleischkonserven, Bockwurst in Büchsen, Trockenfleisch, Pork Jerky, Suppen, Öl und – falls es noch länger dauert – Gemüsesamen.  Besonders wichtig ist Trinkwasser, weil eine Katastrophe ja auch diese Versorgung lahmlegen kann. Pro Tag und Person sollten es zwei Liter sein, man kann das aber strecken mit Wasseraufbereitungstabletten oder Filterflaschen. 

PPQ: Das klingt nach viel. Wer soll sich das alles merken?

Herger: Das ist noch nicht alles. Zum ordentlichen Notvorrat gehört auch ein Notfallplan, den Sie vorher mit Freunden und Vertrauten absprechen müssen. Wann treffen wir uns wo? Wohin ziehen wir uns zurück? Wo ist es sicher? Wo findet uns niemand? Wie kommen wir dorthin? Wer bringt welche Lebensmittel mit? Und so weiter. Bis dahin, dass man sich natürlich überlegen muss, wie man die Kostbarkeiten, die man ja dann als einer von ganz wenigen Menschen  noch hat, möglichst gut schützt. 

PPQ: Davon wird amtlicherseits aber nichts erwähnt? 

Herger: Ja, die offiziellen Listen sind ein Witz, so gesehen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz veröffentlicht da irgendwelche Hilfestellungen, die zu kurz sind und viel zu wenig. Ein Notvorrat für zehn Tage! 20 Liter Wasser! Drei Kilo Getreide. Getreide!!! Das mahlen Sie dann womit? Aber wenn es nach den Experten dort geht, haben Sie ja Nüsse, Milch und Süßigkeiten. Als BdP-Vorstand schüttle ich nur den Kopf. Was ist denn mit Schnaps? Mit Zigaretten? Mit Tabak? Das sollte man zu Hause haben, denn damit wird man eintauschen können, was einem fehlt. Ebenso wichtig sind Gold- und Silbermünzen, mal so als Tipp von mir.

PPQ: Und Hygieneartikel?

Herger: Das ist wie Milch. Wenn es ums Überleben geht, das nackte Überleben, werden Sie kein Klopapier vermissen. Also sagen wir mal so: So lange Ihre Sorgen um Hygieneartikel kreisen, Rasierapparate, ein Kamm oder saubere Socken, ist die Lage nicht ernst. Das ist ein wichtiges Thema, sich das zu vergegenwärtigen, um eventuell aufkommender Panik vorzubeugen. 

PPQ: Der BdP behauptet in seinen Lehrbroschüren, es könne alles ganz schlimm kommen und dazu reiche schon ein Netzzusammenbruch, weil dann ein Kaskadeneffekt einsetze. Kein Wasser mehr, keine Klospülung, Seuchen, Durst, Krankheiten. was machen wir denn dann?

Herger: Ganz ruhig blieben. So lange Sie es schaffen, ruhig zu bleiben, ist nichts verloren. Rationieren Sie, was Sie haben. Nutzen Sie für menschliche Bedürfnisse einen Eimer oder Einmalbeutel, die Sie außerhalb entsorgen. Zur Not, wenn Sie nicht raus können, einfach weit wegwerfen.  Seife, Zahnpasta und Desinfektionsmittel, das wird dann alles nebensächlich. Aber eine Hausapotheke ist wichtig.  Schmerzmittel, Verbandsmaterial, an Insektenstiche dagegen gewöhnt man sich. Jodtabletten dagegen sind eine Glaubensfrage. Im Falle eines Atomunfalls oder -angriffs kann mit hoch dosiertem Jod die Anreicherung radioaktiver Teilchen im Körper blockiert werden. Sie können aber auch in der Wohnung bleiben, die Fenster noch mal mit Folie verhängen, von außen. Da kommt nichts rein, weil die Strahlung am Staub hängt und dort auch bleibt, so lange der nicht reinrieselt. 

PPQ: Woher aber wollen wir dann wissen, was mit dem Staub gerade los ist, ohne Strom?

Herger: Dafür haben Sie das Batterieradio. Das ist elementar, um während einer Katastrophe Informationen zu erhalten, so lange irgendwer von irgendwo noch irgendetwas senden kann. Sinnvoll sind mehrere aufgeladene Powerbanks für das Smartphone oder ein batteriebetriebenes Radio und eben das Solarpanel. Das gibt Ihnen die Ruhe, auch mal ein Hörbuch hören zu können oder eine DVD aus der guten alten Zeit anzuschauen.  Das hilft manchmal schon, sich zu entspannen.

PPQ: Und was ist, wenn man doch flüchten muss, weil sich die Situation verschärft?

Herger: Dafür liegt ein Fluchtrucksack mit dem Nötigsten bereit, feste Schuhe, eine Regenjacke, eine feste Hose, wasserabweisend. Je nachdem, was Sie sich zutrauen, tragen zu können, kommen in den Rucksack Vorräte rein, die einen schnellen Ortswechsel möglich machen. Aber bitte nicht überladen! Was man nicht vergessen darf: Nicht alle Katastrophen sind planbar und nicht jede geplante Ausweichadresse wird immer erreichbar sein. Die Lage ist dann oft dynamisch. Deshalb ist es sinnvoll, Treffpunkte und Ausweichtreffs zu vereinbaren und einen Fahrplan, in welchem Fall welche Fluchtburg angelaufen wird.

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