Planerfüllung beim Boosterwunder: Kreative Mathematik

Kreativ nachschärfen und schon stimmt es wieder.

Wer mit der Wahrheit lügen muss, weil ihm im Überlebenskampf nichts anderes mehr übrig bleibt, darf nicht klein denken und sich auf kosmetische Veränderungen bei Fakten und Gefühlen beschränken. „Fakten schaffen“ hat die SPD deshalb bereits im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt versprochen – was nicht passt, wird seitdem passend gemacht. Und was danach immer noch nicht stimmt, lässt sich mit Hilfe solidarischer Medienarbeiter auf das richtige Verständisgleis schieben.

Olaf Scholz ist ein Meister in dieser Disziplin. Und als Kanzler kann der Zehn-Millionen-Mann aus dem Frühjahr  mehr noch als bisher darauf zählen, dass niemand nachrechnen wird, was immer er an kreativen Mathematikübungen öffentlich aufführt. Entsprechend selbstbewusst agiert der Sozialdemokrat seit seinem Amtsantritt: Noch vor dem Amtseid versprach er, dass Deutschland bis Weihnachten 30 Millionen Corona-Impfungen „knacken“ (Stern) werde. Angekündigt bei einer Bund-Länder-Runde Ende November, stand das Ziel seitdem wie in Stahl geschmiedet. 30 Millionen Dosen Corona-Impfstoff zu verimpfen. Bis Weihnachten.

Bis Weihnachten

Um das Ziel in 24 Tagen zu erreichen, hätte es etwa 1,15 Millionen Impfungen am Tag geben müssen.  Nichts leichter als das, denn einmal in all den Tagen jubelten die Schlagzeilen sogar über 1,5 Millionen Pikse an nur einem Tag. Weniger laut wurden andere Tage gefeiert, an denen die Zahl der verabreichten Dosen nur mit Mühe über 300.000 kletterte. Scholz griff korrigierend ein: In seiner ersten Bundestagsrede war nun nicht mehr von Weihnachten die Rede, sondern davon,  „dass wir alle zusammen in Deutschland 30 Millionen Impfdosen bis Jahresende in die Oberarme kriegen“. Zudem legte er fest, dass bei der Abrechnung auch „Impflinge“ (DPA) mitgezählt werden würden, die zum Zeitpunkt seines ursprünglichen Impfversprechens bereits geimpft waren.

Das „überraschend ambitionierte Impfziel“, wie der Tagesspiegel den um ein Viertel verlängerten Zeitplan lobte, würde der neue Kanzler einfach Zahnärzte und Veterinäre, aber auch Apotheker einspannen. In Deutschland verboten, aber ohne rote Linien möglich, sobald „erst die rechtlichen Vorgaben geändert“ sein werden. Sind sie bisher nicht, nicht einmal einen Anlauf dazu hat es gegeben. Dafür aber ein engagierte Neuorientierung der Medienmitarbeitenden: Die sind mittlerweile dazu übergegangen, Scholzens Ziel mit „30 Millionen Impfungen bis Jahresende“ neu-korrekt zu umreißen.

Bis Jahresende

Es wird schwer werden. Bei aktuell einer Million Impfungen pro Tag, das ist laut Impfdashboard das „tägliche Mittel der letzten sieben Tage“, hat Deutschland in den zurückliegenden 23 Tagen etwa zwei Drittel der anvisierten Zahl an Impfungen tatsächlich geschafft. Für das verbleibende Drittel bleiben noch acht Tage, davon zwei Feiertage und zwei halbe, an denen durchweg wenigstens 1,25 Millionen Spritzen gesetzt werden müssten, um wenigstens das verwässerte Ausweichziel zu erreichen. Selbst Olaf Scholz, dessen Zusage wenn ich Bundeskanzler bin, dann wird Ostdeutschland endlich wieder ganz oben auf der Tagesordnung der deutschen Politik stehen“ heute schon Legend ist, ahnt, dass das schwerer werden könnte als Putin zu einem Winterfeldzug in die Ukraine  zu bewegen.

Freilich, er hat das mit Weihnachten noch vor ein paar Tagen „beteuert“ (Spiegel). Aber schon ein paar Türchen später hatte der im politischen Berlin oft als Reichsnachichtendienst verspottete RND ein Einsehen. Zum den 128,6 verabreichten Impfungen am Tag nach Scholzens Versprechen waren da gerade mal 19 Millionen weitere gekommen – weit unter einer Million pro Tag Das „klare Ziel von Bund und Ländern“ (RND) muss nun wenigstens über die Zeit, über den Jahresrest und in dasselbe gnädige Vergessen gerettet werden, das schon am Ende von Scholzens erstem großen Impfanlauf stand. 

Bis irgendwann

Das wird schwer, es ist aber möglich, wie der Trend der Berichterstattung zeigt. Kein Nachkarten, kein Herumnörgeln, keine leichtfertigen Zweifel an einem neuen Mann, der gleich mit seinem ersten großen Vorhaben groß scheitert.  Voller Mitgefühl reagiert das ZDF. Die Deutsche Welle lässt Scholz‘ Corona-General das „Impfziel in Reichweite“ sehen und wenn es denn doch nicht klappt, ist das nächste ambitionierte Vorhaben schon klar umrissen: Bis Ende Januar, so hat es Olaf Scholz am Tag der jüngsten „Verschärfungen (DPA) verkündet, der der Tag war, als sein Impfplan bei etwa 17 oder 18 von anvisierten 30 Millionen hängengeblieben war, plane er „weitere 30 Millionen Impfungen“ durchführen zu lassen.

Es klang tatsächlich so, als sei Ziel eins ja nun erstmals erreicht, die Dezemberimpfungen bis Weihnachten oder Jahresende sicher im Sack. Und nun geht’s frisch und fröhlich weiter mit den nächsten Millionen.

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