Schwundgeld: Wie es durch die Finger rinnt

Er sollte stabil sein, ein verlässlicher Partner, auf den die Menschen dauerhaft vertrauen könne. Der Euro würde, da waren sich seine Väter und Mütter sicher, nach und nach sogar noch mehr werden: Ein junger, frischer Konkurrent für Dollar, Yen und Schweizer Franken, begehrt, weil unbestechlich. 19 starke Staaten stehen heute hinter dem Geld, das Helmut Kohl der Sage nach als Nachfolger der D-Mark akzeptierte, um dafür die deutsche Einheit einzuhandeln.  

Der Preis der deutschen Einheit

In den 20 Jahren, die es das Einheitsgeld für die Europäer gibt, sprangen den elf Gründernationen acht weitere Staaten bei, allesamt wirtschaftliche Riesen wie die Slowakei und Slowenien, Griechenland, Andorra und Estland. Kroatien zumindest wird folgen, der erste Zugang seit acht Jahren. Zwei andere Staaten dürfen, sechs wollen nicht und wenn sie sich nicht allesamt beeilen, wird gar nichts mehr da sein, dem sich beitreten lässt.

Denn in seinem 21. Jahr, dem Jahr der Vollmündigkeit nach bundesdeutscher Tradition, geht es dem stolzen Gemeinschaftsgeld so schlecht wie zuletzt zum Zeitpunkt, an dem es von der Verrechnungseinheit zum Bargeld wurde, samt „Starterset“ (BWHF) und allgemeiner Medienbegeisterung. Das große Euro-Problem, in den glaubenstreuen Magazinen als völlig bedeutungslose „Aufregung um den scheinschwachen Euro“ abgetan, ist der Kaufkraftverlust, der mit dem Tauschkraftverlust der über Jahre als besonders „stabil“ gepriesenen EZB-Währung einhergeht.

Als besonders stabil gepriesen

Wer Öl kauft, muss vorher Dollar kaufen. Wer in China kauft, muss vorher Dollar kaufen. Wer Wasserstoff aus Kanada beziehen will, muss vorher Dollar kaufen. Und wer plant, Flüssiggas aus Katar zu beziehen, wird vorher Dollar kaufen müssen. Wo aber viel Dollarnachfrage ist und viel Euro-Angebot, wo zudem absehbar ist, dass die EU im Winter in ein Energiedesaster schlittern wird, das nicht nur Privathaushalte, sondern auch die Wirtschaft mit zerstörerischer Kraft zu treffen verspricht, da flieht das Geld so schnell es kann aus dem Euro-Geld in irgendetwas anderes. Die Folge: Um einen Dollar zu kaufen, braucht es wieder zwei Mark – wie Anfang des Jahrtausends, als die Unsicherheit darüber, ob der Euro gleich scheitert, den Kurs der jungen Währung zu Boden drückte.

Der Schwundgeld-Charakter der Gemeinschaftswährung zeigte sich zuerst im Tauschverhältnis zum Schweizer Franken.  Mochten sich „Spiegel“-Interpreten auch auf „gängige Schätzungen“ berufen, nach denen „es an den Devisenmärkten eigentlich in die andere Richtung gehen müsste“ und versichern, dass sogar die Industrieländerorganisation OECD berechnet habe, dass „der Euro eher auf so etwas wie 1,30 Euro je US-Dollar steigen und nicht fallen“ müsse – die Realität knallte auch hier wieder wie ein Schippenstil ins Gesicht der Gesundbeter. 

Ratlose Gesundbeter

Nun musste Putin schuld sein, nicht der fatale Hang der europäischen Staatenlenker, die Europäische Zentralbank mit der Geldpresse immer wieder retten lassen zu wollen, was sich eines Tages doch nicht mehr retten lassen wird: Das halbgemeinsame Wirtschaften einer Staatenfamilie, die viel zu groß ist, um sich in schwierigen Zeiten schnell genug bewegen zu können, um dauerhaft zu überleben. Noch schwieriger wird das dadurch, dass die noch 27 Beinchen, auf denen die EU geht, und die 19 Beinchen der Euro-Staaten meistenteils in verschiedene Richtungen laufen: Ein Dinosaurier ist flink dagegen.

Die selbsternannte Zukunftsgemeinschaft aber steht auch zwei Jahre nach dem Beginn der Pandemie mit großen Wiederaufbauplänen in der Hand da, die weder beschlossen noch auch nur planerisch umgesetzt sind. Den großen „Green Deal“, ebenso weder beschlossen noch auch nur abschließend ausgepokert, hat die neue Krise im Osten überholt, Schall und Rauch nur noch sind Klimaziele, europaweite Dämmvorschriften und hochfliegende Himmlsschlösser wie die „grüne Taxonomie“. Alles wird immer teurer, weil das Euro-Geld immer weniger mehr wert ist. Weil es immer weniger wert ist, braucht es immer mehr davon. Mit einer richtigen Währung wäre das nicht passiert.

Träume wie Schäume

Darüber zu reden wird allerdings tunlichst vermieden. Was soll man denn sagen? Dass es in der Geschichte der Menschheit noch niemals gelungen ist, verschiedene Staaten dauerhaft durch eine einheitliche Währung zu einem einheitlichen Wirtschaften zu bewegen? Dass alle Gemeinschaftswährungen in der Geschichte eher bald als später wieder zerbrachen? Niemand hat nichts falsch gemacht, hat die grüne Währungsexpertin Ricarda Lang festgelegt. Keiner aber auch etwas richtig, sagen die Verlaufskurven des galoppierenden Wertverlustes der Euro-Zahler, deren Kaufkraft im Ausland in den zurückliegenden 15 Jahren um ein Drittel gesunken ist. 

Das kostenlose Geld, das eine Ursache der europäischen Geldkrise war, wird derweil immer billiger. Zwar hat die Zentralbank, von humorbegabten Volksaufklärern immer noch lustig „Währungshüter“ genannt, zuletzt den Leitzins erhöht – direkt von gar nichts auf nichts. Aber mit der weiterhin hochschießenden Inflation sinkt der Wert auch jeder homöopatisch verzinsten Anlage schneller als Ursula von der Leyen die Billionenverluste von Sparern und die Kaufkraftverluste von jedem EU-Bürger, der künftig noch ins Ausland reisen möchte als „reinigenden Effekt“ loben kann.

Wer vor 15 Jahren 1.000 Euro hatte, hatte 1.500 Dollar. Wer vor vier Jahren 1.000 Euro hatte, hatte 1.300 Dollar. Wer heute 1.000 Euro hat, bekommt dafür noch 990 Dollar. Erfunden hat das Konzept solchen Schwundgeldes der belgische Ökonom Silvio Gesell, ein beinharter Vegetarier und begeisterter Esperanto-Sprecher, der 1930 in der Obstbau-Genossenschaft Eden bei Oranienburg an der Elbe an einer Lungenentzündung starb, ohne seine Ideen noch verwirklicht sehen zu können.

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