Spielen mit Sprache: Bauarbeitende und Schlafwagenschaffnernde

Bauarbeitende auf einer Straßenbrücke: Wie weit darf Gerechtigkeit gehen?

Freiburg ist, wie der Name schon sagt, eine freie Stadt in einem freien Land. Tief im Süden, fast schon bei Monaco, ist auch die Sprache frei von Stereotypen, wie sie das Deutsche über Jahrhunderte in ein Korsett aus Regeln zwängten. Im Kampf um eine gerechte Sprache geht die Stadt im Breigau, einer der letzten Gaue, die das Ende des Dritten Reiches sprachlich überlebt haben, einen weiteren Schritt in Richtung Endziel: Bei Stellenangeboten wird die Kommune künftig auf den von der EU vorgeschriebenen nicht-diskriminierenden den Zusatz m/w/d verzichten. Und – der eine Buchstabe mehr ist allemal noch da – stattdessen „alle“ verwenden. Aus Gründen der Datensparsamkeit in „Zeiten leerer Kassen“ (DPA) abgekürzt mit einem knappen (a). 

Alle diese Unterschiede

Für die kleine Universitätsstadt ein großer Schritt in die richtige Richtung, für ganz Deutschland und Europa aber ein Beispiel, wie sich die unzählbaren individuellen Unterschiede einer immer vielfältigeren Gesellschaftsordnung sprachlich ungezwungen abbilden lassen. Bereicherung, die womöglich auch stillschweigend hätte von jedem Lesenden mitgedacht werden können, wenn er wüsste, dass die Suche nach einem Vermessungsingenieur, einem Bauarbeiter oder einer Kneipenaushilfe immer Bewerbern aus allen und sogar aus gefühlten Geschlechtern offensteht, tritt künftig offensiv in einer Nebenform des Pronomens „all“ auf. 

Flankiert wird das (a) zudem von der Entscheidung, die ausgeschriebenen Stellen ausschließlich in der weiblichen Form zu nennen: Gesucht werden in Freiburg nun nur noch Vermessungsingenieurinnen, Bauarbeiterinnen und Kneipenaushilfinnen, so dass sich nach einer entsprechenden Grundausbildung „Lesen und Verstehen Freiburger Stellenausschreibungen“ alle Menschen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Alter, Herkunft oder Religion direkt angesprochen fühlen können. Der entsprechende Kurs findet ab März an der Freiburger Volkshochschule statt, jeweils mittwochs 18.30 bis 20 Uhr, Raum 215, Schreibzeug und negativer G2-test sind mitzubringen.

Altbackene Höflichkeitsformen

Es geht allein um Talent, Können und Einsatz, um eine bunte Stadtverwaltung, die sichtbare Zeichen für die Selbstverständlichkeit aller setzt, ohne sich um altbackene Höflichkeitsformen zu kümmern. Dafür werden die Rechtschreibregeln wieder in Kraft gesetzt, die zwischenzeitlich Unterstrichworten wie  „Lehrer_in“ und „Zuhörer*innen“ hatten weichen müssen. 

Ein Spiel mit der Sprache, in dem das, was für Jahrhunderte Verständigungsgrundlage der Gesellschaft war, sich in Dialekte auflöst, deren Sprechende* sich selbst durch ihr Idiom als Teile bestimmter Milieus zu erkennen geben. Wie das Französische, das einst auch der deutsche Adel pflegte, oder das Arabische, das geschrieben eine andere Sprache ist als gesprochen, funktioniert diese Diglossie als Marker für die klare Differenzierung zwischen zwei Sprachvarietäten,  die Auskunft über sozialen Status des Sprechenden geben. In Medien, zumal in öffentlich-rechtlichen mit Gemeinsinn-Charakter, gehört das die gegenderte Hochsprache mit ihren gerechten Pausen und betonten Sternchen zum Standard. Auf Baustellen, in Werkstätten und in Supermärkten hingegen wird eher uninteressiert als trotzig an der überkommenen Volkssprache festgehalten.

Diglossie als Gesellschaftsspalt

Wie sehr der obere Teil der Diglossie ausschließend wirkt, zeigen statistische Erhebungen, die PPQ.li gemeinsam mit dem Suchmaschinenriesen Google ermittelt hat. danach sind „Studierende“ auf dem besten Wege, die früher üblichen „Studenten“ abzulösen. Auch sogenannte „Lehrende“ schicken sich an, den Lehrer und die Lehrerin aus alten, ungerechten Zeiten aufs Altenteil zu schicken. Von „Bauarbeitenden“, „Polizistenden“, „Verkaufenden“ oder gar „Schlafwagenschaffnernden“, dem sprachlichen Gegenstück zu Neubildung gerechter Begriffe mit Hilfe des sexusneutralen Partizip Präsens, fehlt es hingegen bislang noch völlig.

Ein klaffendes Bedeutungsloch, das für eine gesellschaftliche Spaltung steht, die klar signalisiert, wie weit der Weg noch sein wird, bis nicht nur der Studierende auch im Nebenjob als Verkaufender an der Supermarktkasse ein Studierender bleibt wie nach den neuen Regeln auch ein Lehrender Lehrender bleibt, wenn er gerade schwimmt, tanzt oder gar Drogen konsumiert. Sondern auch ein Bauarbeitender weiter bauarbeitet, wenn keine Brücke asphaltiert, sondern mit Drogerieverkaufenden grillt oder mit Vermessungsingenieurinnen (a) ins Bett geht.

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