Strompreisbremse: Auf einmal Gaspedal

Das Unheil kommt aus dem Trafo nach Hause. Doch die Deutschen bleiben stoisch.

Explodierende Energiepreise: Statt auf die Strompreisbremse treten Versorger auf einmal überall auf das Gaspedal. Das Land aber steht still und staunend. Kann man nichts machen.

Es war immer schon ein großer Vorteil der Deutschen, dass sie fähig waren, sich an neue Lebensumstände schnell und klaglos anzupassen. Im Dritten Reich kaufte man sich eine Hakenkreuzfahne, in der DDR trat man der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft bei. Der Rest war normaler Alltag, jeder richtete sich ein in den Beschränkungen und unterlief sie, wo er konnte. Und jeder nutzte die Freiheiten, soweit sie vorhanden waren, keinesfalls aber mehr.  

Die stoische Nation

Was nicht erlaubt war, aus welchen gründen auch immer, akzeptierten die Deutschen in Ost wie in West stoisch. Erwachsene Männer stehen bis heute geduldig vor roten Ampeln an leergefegten Straßen. Selbst junge Mädchen, die  im tiefen Glauben leben, dass die Welt in Kürze untergeht, wagen es allenfalls, sich aus Protest an ein altes Bild aus dem Mittelalter zu kleben. Nicht aber, den Krieg zu denen zu tragen, die aus ihrer kindlichen Sicht erstens an allem Schuld sind . Und zweitens über umfangreiche Möglichkeiten verfügen, die Welt zu retten, die sie nur eben aus Gründen der Korruption, einer tiefsitzenden Menschenfeindlichkeit oder purer Verantwortungslosigkeit nicht nutzen wollen.

Ein Volk, das auf diese Weise nicht schlecht durch die letzten paar Jahrhunderte gekommen ist, ignoriert veränderte Umstände nicht, es absorbiert sie. So wie die Deutschen nach Stalingrad sicher waren, dass der Krieg verloren ist, waren sie 1980 überzeugt, dass die DDR eines wunderschönen Tages zusammenbrechen wird. 

Als Corona kam, aber die Zombieapokalypse ausblieb, dauerte es einen Moment, aber dann beschloss eine Mehrheit einfach, nun eben mit einer zweiten Grippe zu leben. Und als Putin in die Ukraine einmarschierte, die Bundesregierung und die EU mit einem Wirtschaftskrieg antworteten und die Energiepreise explosionsartig auf das Zwanzigfache stiegen,  versicherte man sich im Zwischendeck, dass es so schlimm schon nicht kommen werde. Weil es nicht so schlimm kommen könne. Weil Deutschland dann nämlich am Ende sei.

Der Preis erreicht die Wirklichkeit

Nun ist es soweit. Nach Monaten, in denen die Bundesregierung schwieg, unterbrochen nur von kurzen Auftritten, bei denen neue Entlastungsversprechen unter die Leute gebracht wurden, erreichen die gestiegenen Großhandelspreise für Strom und Gas nun doch den Alltag der schon länger hier Lebenden. Überall trifft Post von Energieversorgungsunternehmen ein, überall reiben sich die Menschen die Augen. Neun Monate nach dem ersten „Entlastungspaket“, das vor Kriegsausbruch beschlossen worden war, nach Kriegsausbruch aber umgehend zur ersten Kriegshilfe erklärt wurde, steigt der Erdgas für Endabnehmer im Schnitt um 54 Prozent. Der Strompreis verdoppelt sich annähernd: Statt des bisherigen weltweiten Rekordpreises von durchschnittlich 34 Cent pro Kilowattstunde werden nun im Durchschnitt 50 Cent fällig.

Eine Kugel Eis, wie Jürgen Trittin es nennen würde, Erfinder der nach ihm benannten Trittin-Rente und der Energiewende zum Energieausstieg, die das alles erst möglich gemacht hat. Medien tun, was sie können, um den Preisschock abzufedern: Statt mitzuteilen, wo die neuen Preise liegen werden, verlegen sie sich auf Prozentzahlen, auf die getreuliche Übermittlung der Beispielrechnungen der Propagandaabteilungen der Anbieter und auf Hinweise auf die „Strompreisbremse“, die eines Tages alles zu Guten wenden werde. 

Zwischen Anpassung und Trostrechnung

Die Erhöhung wird von den Versorgern selbst am liebsten „Anpassung“ genannt, auch wenn sie aufs Jahr gerechnet bei einer Durchschnittsfamilie einer Verdopplung von 900 auf 1.600 Euro entspricht. Medien nehmen den Vorschlag gern an, um keine Unruhe zu schüren. Aus Trostgründen übernehmen sie auch bereitwillig die Strategie, das Ausmaß der Preissteigerungen auf Singlehaushalte und Monate herunterzurechnen. Dann klingt das alles handhabbar. 35 Euro mehr. Nun ja. Man kann es doch nun auch wieder nicht ändern.

Das Volk ist dankbar für so viel Fürsorge. Wenn es schon schlimm wird, dann muss man so wenigstens nichts davon wissen. Strom um durchschnittlich 61 Prozent teurer, Gas um 54 Prozent, Fernwärme vorerst 30, Lebensmittel 20. Selber schuld, wer noch kein Singlehaushalt ist, der künftig nur „35 Euro“ (TZ) mehr zu zahlen hat. Die fürsorgliche Art, die böse Botschaft zu übermitteln, sie findet dankbare Abnehmer überall. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Das böse Erwachen kommt später immer noch früh genug. Zu ahnen, wie übel es wird, ist belastend genug. Da muss man nicht auch noch wissen. „Das stimmt gar nicht, das stimmt gar nicht“, singt sich die Heldin in einem Buch von Annie Frasier vor, das von 2002 stammt, aber bezeichnenderweise „Eisige Stille“ heißt.

Das mystische Versprechen der „Strombremse“

Wer sich fragte, weshalb die Bundesregierung ihr mystisches Versprechen einer Strombremse“ mit einem Preisdeckel bei 40 Cent verband, obwohl doch der durchschnittliche Strompreis in Deutschland bei nur 33 Cent lag, der hat nun seine Antwort. Es musste erst teurer werden, damit die Bürgerinnen und Bürger das Gefühl, dass es billig wird, eines noch unbekannten Tages wieder richtig genießen können.

FreeSpeech

FreeSpeech.international - Texte und Cartoons zur Meinungsfreiheit