Tagesschau-Geburtstag: Angst als Erfolgsrezept

Die Reiter der Apokalypse: In 15 Minuten „Tagesschau“ erscheint die Welt seit 70 Jahren als dunkler Ort voller grauenhafter Bedrohungen.

Sie gilt als Hauptdanachrichtensendung der Republik, ein letztes Lagerfeuer der Reste der Informationsgesellschaft, an dem sich wärmt, wer sich für sorgfältig ausgewählte Neuigkeiten aus aller Welt interessiert. Seit Beginn des Sendebetriebes hat sich die „Tagesschau“ ein herausragendes Renommé erarbeitet, über die Jahre gesehen ist sie erfolgreicher sogar als „Bares für Rares“, „Rate mal, was Du weißt“ mit Günther Jauch und „Tatort“.  

Die immer noch im westdeutschen Hamburg produzierte Sendung hat sich dabei zu einem regelrechten Sammelbecken für schlechte Nachrichten, fürchterliche Neuigkeiten und Hinweise auf beunruhigende Entwicklungen entwickelt. Wenn der 20 Uhr-Gong ertönt, wird es dunkel in Deutschland, die Zukunftsaussichten trüben sich ein und obwohl immer wieder Regierungsvertreter gezeigt werden, die große Pläne zur Rettung von diesem und jenem ankündigen, liegt über dem Gesamtsendebetrieb ein Hauch von Weltuntergangsstimmung.

Niederschmetternde Schlagzeilen

Kaum einem anderen Format diesseits von „Lost“, „Fear the Walking Dead“ und „The Cloverfield Paradoxon“ gelingt es so formvollendet, ein redaktionelles Angebot mit derart niederschmetternden Schlagzeilen zu produzieren. „Weltklimarat sieht raschere Erderwärmung“, „Corona-Lage spitzt sich zu“ und „Deutscher in Ägypten gestorben“ erzeugen zuverlässig. Mit großem Erfolg: Sieben Jahrzehnte nach Ausstrahlung der ersten Sendung gelten die Deutschen weltweit als das Volk, das am meisten Angst vor allem hat, von den größten Sorgen geplagt wird und kaum  einen Ausweg aus der verfahrenen Situation sieht, stets von allem am schlimmsten betroffen zu sein.

Angst ist etwas Gutes“, so lautet die Grundausrichtung der „Tagesschau“, die zum Start am 26. Dezember 1952 noch in vollgequalmten Büros zusammengeschnitten und in einem blassen schwarzweiß ausgestrahlt wurde. Seitdem ist vieles besser geworden, nicht aber die alltäglichen Dystopien, über die ein regelmäßiges Publikum von zwischen sechs und zehn Millionen Menschen informiert wird. Es ist ein Albtraum, der sich bis hin zum früher belächelten Internetangebot der Sendung zieht, das seine Aufgabe als Ausgabestelle für Alarmnachrichten ernst nimmt und sogar die Wissenschaft widerlegen konnte. Galt es viele Jahre als als gesicherte Erkenntnis, dass Information in der Regel zu einem Abbau von Angst führt, glückte hier im Dreiklang von TV-Nachrichten, Radiogedudel und Internetangebot der Beweis des Gegenteils.

Hauptquelle der German Angst

Noch vor „Spiegel“, Süddeutscher Zeitung“, „Bild“, „Taz“ und den vom RND mit dystopischen Fantasien versehenen 428 Lokalzeitungen im Land ist die „Tagesschau“ damit zur wichtigsten Plattform der Verbreitung von Furcht und Angst in Deutschland geworden. Für nur 1.844 Euro Produktionskosten pro Erstsendeminute bekommt das Publikum verlässliche Hiobsbotschaften, Nachrichten über das beständige Ansteigen von Hass und Hetze, packende Grafiken aus dem Pandemiekampf der jeweiligen Bundesregierung und Kommentare, die sich entschlossen gegen Schwurbler, Hitler-Anhänger, verlotterte Freiheitsfetischisten und Gegner*innen einer beschleunigten europäischen Integration mit klarer Kante gegen französischen und polnische Atompläne richten.

Es ist das Grundgesetz der „Tagesschau“, das hier allabendlich zu besichtigen ist. Reißerische Überschriften über scheinbar seriösen Berichten. Schwere Wagen, die bedeutungsschwanger vor Gebäuden anhalten, in denen Frauen und Männer im Namen der Bevölkerung gleich über das Schicksal der Welt entscheiden werden. Kleine Bühnen in Berlin, Brüssel, Paris und – nur gelegentlich – anderen Hauptstädten, auf denen Demokraten, die treu zur gemeinsamen Sache stehen, entschlossen Front machen gegen das Klima, gegen Unbelehrbare, Populisten, Republikaner und Hetzer, gegen allzu freien Handel und Russen, Chinesen, Katarer.

Frauen nur als Ornament

Viele Beiträge können frauenfeindlich gelesen werden, denn auch ein halbes Jahrhundert nach dem Start der neuen Frauenbewegung dürfen weibliche Moderatoren die üblen und frustrierenden Neuigkeiten vom Erstarken des Faschismus, dem Überschwappen des Populismus und der Weigerung selbst enger Verbündeter zur Einsicht zwar verlesen. 

Doch selbst sind Frauen hier nahezu nie an einem Übel federführend beteiligt, sie werden zum Objekt reduziert, das in einer männlich geprägten politischen Welt allenfalls mitmachen, nie aber selbst bedeutsame Akzente setzen kann. Selbst die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel machte da keine Ausnahme: Die „mächtigste Frau der Welt“ (Forbes) wurde redaktionell stets nur als ziel- und meinungslose Moderatorin beschrieben, der es damit gar nicht gelingen konnte, eine von Eigeninteressen geleitete Machtpolitik durchzusetzen.

Jeden Abend ein Blick von oben

Die ,Tagesschau‘ veröffentlicht eigentlich ausschließlich Sachen, die einen Blick von oben abbilden“, sagt der Medienforscher Hans Achtelbuscher, der am An-Institut für angewandte Entropie bei der Bundeskulturstiftung seit Jahren zum Themensterben in den deutschen Medien forscht. Traditionell hänge die Redaktion, die das wichtigste Regierungsinstrument jedes Bundeskabinetts gestaltet, sichtlich einer „paternalistischen Betreuungsillusion“ an, sagt der Forschende, dem die Entdeckung des ersten Gesetzes der Mediendynamik gelang. Danach passen Weltereignisse eines Tages in keinen Schuhkarton, immer aber exakt  in 15 Minuten „Tagesschau“. Selbst wenn dazu im Sportteil, der den harten Kern der trüben Aussichten traditionell Richtung Unterhaltungsprogramm abpolstert, gelegentlich von Handball, Golf oder Tennis berichtet werden muss.

Die Nachrichtenproduktion bei ARD-aktuell funktioniere im Grunde wie eine Tele-Novela“, erklärt Achtelbuscher. Es gebe im Tagesgeschäft mit der irrationalen Angst vor allem und jedem wiederkehrende Figuren, deren Rollen als rassistisch, antisemitisch und weit außerhalb der akzeptablen Grenzen angelegt worden seien. Dieses überschaubare Personal an Bösewichtern, das generell von abscheulichen Motivationen, verbrecherischen Absichten und einer tiefsitzenden inneren Verderbtheit getrieben werde, diene als Kristallisationspunkt für verbale Abwehrübungen, in denen sich Lichtgestalten stark machen für das Gute, das in übereinstimmenden Überzeugungen von Bundesregierung und Tagesschau gründe. 

Die Sendung bietet den Betreffenden Gelegenheit, sich in Form von 15-sekündigen Zitaten stark zu machen gegen EU-Feinde, Klima-Leugner, Corona-Gegner und Impfverbrecher“, beschreibt Hans Achtelbuscher das Produktionsverfahren. Der Ausfall tragender Protagonisten des „Puppentheaters“ (Achtelbuscher) – ehemals etwa Donald Trump, der Franzose Sarkozy oder die Britin Theresa May, zuletzt aber vor allem EU-Chef Jean-Claude Juncker, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und Kanzlerin Angela Merkel – werde durch Neubesetzung umgehend ausgeglichen. Wobei es durchaus Ausnahmen von der Regel gebe, so der Wissenschaflernde: „Seit Schulz dem EU-Parlament nicht mehr vorsteht, ist dieser Frühstücksdirektorenposten  auch für die ,Tagesschau‘ überhaupt nicht mehr von belang.“

FreeSpeech

FreeSpeech.international - Texte und Cartoons zur Meinungsfreiheit