Versechzehntfachte Energiepreise: Das laute Schweigen der Lämmer

Elektroenergie zehnmal so teuer, Erdgas 15 sogar mal. Nicht am Ende der Nahrungskette freilich, noch nicht. Aber dort, wo die Gasleitungen und Steckdosen der Kunden beschickt werden: Der Großhandelspreis für Erdgas ist von 3,30 Euro auf mehr als 200 Euro gestiegen. Bei Elektroenergie sieht es kaum anders aus.  

Im Land des ungekrönten Strompreisweltmeisters, in dem Bürger und Unternehmen bereits seit Jahren höhere Preise für elektrische Energie zahlen als sonst irgendwo auf der Welt, kletterte der Preis pro Megawattstunde von 160 auf 480 Euro. Es ist eine Verdreifachung im Matroschkaholz einer Verdopplung, auf deren Rücken die Einführung der CO2-Abgabe ritt, die auf die EEG-Umlage aufgesattelt wurde, die auf den Netzentgelten saß, auf der Stromsteuer, der Mehrwertsteuer, der KWK-Umlage, der Umlage nach §19 StromNEV, der Offshore-Netzumlage, der Umlage für abschaltbare Lasten (AbLa) und der Konzessionsabgabe, denn der Staat soll schließlich auch etwas davon haben.

Eine eher symbolische Umlage

Wir haben kein Stromproblem.

Dass die EEG-Umlage auf den Strompreis abgeschafft wurde, um sie künftig aus der anderen Hosentasche des Steuerzahlers zu bezahlen, galt für deutsche Medien als heldenhafte Tat der entschlossenen Entlastungspolitik. Dass nun leider eine – noch namenlose – „Umlage“ (Olaf Scholz) eingeführt werden muss, um die durch Sanktionspolitik und die vom Bund gestartete Gas-Einkaufsoffensive um jeden Preis förmlich explodierten Erdgaspreise von irgendwem bezahlen zu lassen, hat hingegen mit Nichts zu tun. 

Wie eine üble Laune der Natur ist das Geschehen hereingebrochen, keine Mechanismen wirken hier, nach denen ein Großkäufer mit tiefen Taschen auf einem engen Markt stets die Preise treibt. Nach der ersten Phase der Krisenkommunikation, bei der es darum ging, die Menschen im Land mental auf das Allerschlimmste einzustellen –  Blackouts und eiskalte Wohnungen – gehen Scholz und Klimaminister Robert Habeck nun als Tröster um. Der große Schrecken, sie werden ihn verhindern, nur der kleine, der lässt sich nicht: Es wird teurer werden, hat Olaf Scholz angekündigt, um „zwei Cent“ vielleicht. Es wird teurer werden, hat nun auch Robert Habeck bestätigt. Um „1,5 bis 5 Cent“ vielleicht.

Ein „schwieriger Schritt“, der trösten soll

Das macht schon „300 Euro für eine vierköpfige Familie im Jahr“ (Scholz). Oder womöglich auch „bis zu 1.000 Euro mehr im Jahr im schlimmsten Fall bei einem Vier-Personen-Haushalt“, wie den „schwierigen Schritt“ nachgerechnet hat. Die Botschaft beider ist klar: Es wird nicht schön, aber richtig schlimm wird es auch nicht. Die einen werden zahlen, weil sie können, die anderen nicht, aber die werden auch nicht müssen. Und überhaupt dürfen alle dankbar sein: Wenn die Gasrechnung nach einer Versechzigfachung der Großhandelspreise von 3,30 Euro auf mehr als 200 nur von 1.500 auf 2.000, 4.000 Euro oder 8.000 Euro steigt, ist das ein Geschenk. Selbst wenn dann noch mal „mehrere hundert Euro“ irgendeiner „Umlage“ unklarer rechtlicher Natur obendraufkommen.

Mathematisch unklar, wie diese Rechnung am Ende aufgehen soll. Vermutlich weiß das im Ampel-Kabinett derzeit auch noch niemand, weshalb die Kommunikation ganz auf höchsttransparente Teilwahrheiten setzt. Es wird teurer werden, aber wir sagen Euch lieber noch nicht, wie teurer. Es wird ein harter Winter, aber wir hoffen mal, der Klimawandel auch ein wenig hilft. Wenn alle nicht  mehr Duschen, dann reicht das Gas. Und sowieso, wenn die Preise bleiben, wo sie sind.

Eine Frage der Mathematik

Niemanden beunruhigen, so lange es nicht muss, auf diese Linie haben sich auch die deutschen Leitmedien einschwören lassen. Seit Scholz mit seiner Idee der „Umlage“ um die Ecke kam, für die aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) bereits der Begriff „Energieentlastungsumlage“ (EEU) vorgeschlagen wurde, vermitteln die SZ, FAZ, Spiegel, Taz und der Rest der an die Danachrichtenfabrik DPA angeschlossenen Abspielstationen den Eindruck, mit der Einführung der natürlich solidarischen EEU sei das Schlimmste ab Oktober überstanden. Die 300 Euro für die vierköpfige Familie gibt ja zudem der Staat, denn im September wird die Energieentlastungspauschale aus dem Februar bezahlt.

Nur dass es nicht ganz reichen wird. Bei Beschaffungskosten, die sich vervielfacht haben, reicht die Bundesberuhigungsumlage vielleicht aus, die Energieentlastungspauschale wieder reinzuholen. Doch es wäre ein Wunder, sollten die in Aussicht stehenden zehn (Scholz) oder 30 Milliarden Euro (Habeck) neuer Einnahmen ausreichen, ein Finanzierungsloch von um die zwei bis vier Billionen Euro beim Einkauf von Energieträgern zu stopfen.

Wer selbst rechnet, hat Sorgen

Wer rechnen kann, ist klar im Nachteil. Er muss sich Sorgen machen. Wer nur liest, was in den Gazetten steht und im Gemeinsinnfunk verkündet wird, lehnt sich dagegen entspannt zurück. Na, wenn das alles ist! Wiedermal die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und sie kostet was? 300 Euro? 1.000?

Dass Robert Habeck in einem Nebensatz bereits hat erkennen lassen, dass die „normalen Preiserhöhungen“ (Habeck), die aus den höheren Beschaffungskosten der Versorger nach Auslaufen von langfristigen Verträgen resultieren, natürlich „zusätzlich auf die Verbraucher zurollen“ (Habeck), ist in den Redaktionsstuben noch nicht aufgefallen. Oder aber als Neuigkeit interpretiert worden, die nur den Falschen in die Hände spielen würde. 

Die letzte Tage vor dem Ende

Die letzten Sommertage vor dem Zusammenbruch, die letzten Wochen vor dem Einbruch der unangenehmen Wahrheit in die Wohnzimmer, die sollen die Menschen noch unbeschwert genießen dürfen, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wie sie Strom- und Erdgasrechnungen bezahlen sollen, die von 1.500 Euro im Jahr auf 20.000, 30.000 oder 50.000 Euro gestiegen sind.

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