Weltweltmeister: Wir sind wieder mehr

Auch bei Corona weltweit ganz vorn: Strom- und Benzinweltmeister Deutschland.

Benzinpreisweltmeister, Exportweltmeister sowieso, globaler Strompreisträger, Gewinner bei der Moralolympiade und nun sogar schon zum zweiten Mal auch Pandemiesieger noch vor Südkorea, Putins Russen und Vietnam: Deutschland triumphiert derzeit an allen Fronten, wirkt aber zugleich überfordert. Trotz der zahlreichen Titel, die das Land in diesen Tagen einheimst, findet sich in der offiziellen Verkündigungssendung „Tagesschau“ bereits seit geraumer Zeit kein Hinweis mehr auf den Siegeszug, den die Menschen zweifellos der klugen und weitblickenden Politik gleich mehrerer Bundesregierungen zu verdanken haben.

Mit sicherer Hand steuerte schon die große Koalition Europas größte Volkswirtschaft durch die Fährnisse der Pandemie, zugleich wurden dabei die Fundamente für den zuletzt beschleunigt in Gang gekommenen Energieausstieg gelegt. Seit einigen Monaten läuft unter der Regie des ehemaligen Juniorpartners nun die nächste Phase, jetzt geht es um das reine Überleben, wenn auch unter Schmerzen, bei denen sicher dafür gesorgt wird, dass sie ein bestimmtes Maß an sozialer Kälte nicht überschreiten.

Medial zeigt sich Überforderung, ein „Krisen-Koller“, wie es Werner Bartens in der „Süddeutschen Zeitung“ genannt hat. Der bekannte Medienpsychologiker Hans Achtelbuscher würde da nicht widersprechen. Er ist sicher, dass der Medienmensch als solcher in seiner Ursprungsgestalt als Protokollbeamter großpolitischer Entscheidungen nicht dafür gemacht ist, mehrere Krisen im Blick zu behalten. „Er hat nicht die Gabe mancher Rehe, im Augenrandbereich scharf sehen zu können“, folgert der Wissenschaftler vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung.

 

PPQ.li hat mit dem Entropieforscher, der vor elf Jahren mit dem EMP erstmals eine Einheit für einheitliche Empörung geschaffen hatte, über die aktuelle Phase des Themensterbens in den deutschen Medien gesprochen und überraschende Details zu Impf- und Solidaritätspflicht erfahren.

PPQ.li: Herr Achtelbuscher, die angesehene Süddeutsche zitiert gerade ein Interview von ihnen mit dem Satz, „der Mensch ist für mehrere Krisen gleichzeitig nicht gemacht“, Sie aber sind damit gar nicht zufrieden?

Achtelbuscher: Das ist korrekt. Es ist nicht möglich, so eine pauschale Aussage auf der Basis des Zweiten Gesetzes der Mediendynamik zu treffen. Wir haben es hier mit einem Phänomenbereich zu tun, der wissenschaftlich betrachtet einen Sonderfall behandelt: Das zweite Gesetz der Mediendynamik  besagt, dass Großereignisse nie gleichzeitig stattfinden, sondern immer fein säuberlich hintereinander, als plane eine große göttliche Regie den Ablauf von Flugzeugabstürzen, Prominentenhochzeiten, Sportevents und Skandalen, so dass alle Weltereignisse eines Tages in keinen Schuhkarton, immer aber exakt  in 15 Minuten „Tagesschau“ passen. Ein auf den ersten Blick rätselhafter Umstand, den aber das erste Gesetzes der Mediendynamik umfassend beschreibt. Ich halte es für unverantwortlich, diese Fixierung, die ja ein bewusstes Weglassen immer miterfasst, auf die Gesamtgesellschaft zu übertragen.

PPQ.li: Aber es wird doch getan?

Achtelbuscher: Ich sehe darin ein Moment der  Überforderung, eine deformation professionelle. Denn schauen Sie, natürlich vermag ein ganz gewöhnlicher Mensch mehrere Krisen gleichzeitig nicht nur zu betrachten und zu bestaunen, er vermag sie in der Regel sogar zu bewältigen. Das geschieht im Kleinen, wenn das Kaffeewasser kocht und im selben Moment der Amazonbote klingelt, es geschieht aber auch wenn das Kind an Supermarktkasse quengelt, der Chef anruft und die Kassiererin eine dringende Nachfrage zu einem Produkt hat, während einem im selben Augenblick einfällt, dass man die Milch vergessen hat, was zum Gedanken führt, dass das Portemonnaie noch daheim liegt.

PPQ.li: Das klingt nach einer komplizierten Situation.

Achtelbuscher: Nicht wahr? Und wir reden hier nicht von einem Bündel an Problemen, die über den Bildschirm hereinschneien und für uns selbst gar keine Möglichkeit bieten, an einer Lösung mitzuarbeiten. Dennoch gelingt es uns in der Regel, die Situation binnen kurzer Zeit aufzulösen, indem wir priorisieren. Was ist wichtig? Was ist am wichtigsten? Medien können das nicht, ihnen fehlt jeder Instinkt, Dinge einordnen zu können. Bei ihnen gibt es groß und groß und klein  und gar nicht. Steht der Zeiger erst einmal auf groß, war es das. Außer Fußball und Wetter existiert dann nichts mehr.

PPQ.li: Das ist eine drängende Frage vieler Menschen gerade, das sehen wir an unserer Leserpost. Die Lesenden und auch die Gemeinsinnmedienschauenden staunen, wie die Pandemie mit einem Schlag verschwand, noch ehe die letzten Maßnahmen überhaupt im Bundestag hatten beschlossen werden können. Wo ist sie denn hin?

Achtelbuscher: Wir nennen das das Dunkelfeld. Das meint einen Bereich, der etwa dem toten Winkel beim einem Lkw-Rückspiegel entspricht. Wer im Nachrichtenführerhaussitz, kann dort nichts sehen, obwohl es da ist. Das ist auch dem Coronavirus geschehen, das einfach auserzählt und mit dem ganzen Streit um eine oder zwei Impfpflichten in eine Sackgasse für jeden seriösen Sendebetrieb geraten war. Am Ende schwebte das Thema nur noch über den Tagesnachrichten, weil das Desinteresse zwar selbst die Redaktionen erreicht hatte, aber ein so starkes und dauerhaftes main theme eben auch lange aus dem Abklingbecken weitersendet.

PPQ.li: Dann kam der Ukraine-Krieg und mit einem Schlag war Corona komplett verschwunden. Für Erfolgspolitiker wie Karl Lauterbach, der Deutschland bis zu diesem Moment gemeinsam mit seinem Vorgänger und den beiden Kanzlernden der beiden Koalitionen auf Platz 1 der weltweiten Ansteckungscharts geführt hatte, bedeutet das nur Häme und garstigkeit.

Achtelbuscher: (lacht) Das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man über Monate geholfen hat, Spalten und unendliche Talkshowstunden zu füllen. Die SZ hat ihn jetzt tatsächlich den „Pechvogel des Monats“ genannt, aus meiner Sicht eine zynische, menschenverachtende Formulierung, die mir recht bösartig zu sein scheint. Dass „seine Warnungen vor einer Sommerwelle“ nun „verhallen“, wie es da hieß, ist doch nicht seine Schuld, er tut doch immer noch, was er kann. Nur hört ihm eben keiner mehr zu und es werden nicht mehr ganze Felder von Mikrophonen in seine Richtung gestreckt. Eine ganz übliche Erscheinung, die in der Endmoräne jeder  Erfolgsgeschichte so auftaucht.

PPQ.li: Der Held verblasst, wenn das Blitzlicht sich auf einen anderen richtet. Aber welche Chance hat denn der normale, mehrfach problembegabte Nachrichtenkonsument, für sich selbst eine Einordnung der aktuellen news zu finden, wenn ihm unisono nur Monothematik angeboten wird?

Achtelbuscher: Ich warne davor, das zu versuchen. Wie ich schon beschrieben habe, ist der Mensch in seinem Normalzustand talentiert, wenn es darum, Probleme zu lösen, die sich ihm unmittelbar stellen.  Das können dann auch mehrere gleichzeitig sein oder sehr drängende oder auch existenzielle. Man müht sich, tut was, kümmert sich, strengt sich an, manche gehen auch einfach ins Bett oder betrinken sich, bis es vorüber ist. Medienprobleme sind allerdings eben anders, sie haben eine fast vollständig theoretische Struktur. Sie und ich, wir können keinen Frieden machen in der Ukraine, nicht durch frieren und und nicht durch schwitzen, nicht durch schlafen, wachen oder irgendetwas machen. Statt nach Einordnung zu suchen, müssten wir uns genaugenommen dahingehend polen, dass wir emotionalen Abstand halten. Genau das aber ist uns als sozialen Wesen nahezu unmöglich, wir müssen und wollen mitleiden, mitbangen.

PPQ.li: Ihren Forschungsergebnissen zufolge ist es vorbei, wenn es vorüber ist, und vorüber ist es erst, wenn man sagen kann, es vorbei, ist das in etwa Ihre Einordnung?

Achtelbuscher: Richtig. Ich will damit nicht dazu auffordern, nicht für den Frieden zu frieren oder über die hohen Preise zu schimpfen, weil das auch nichts nützt. Ich will nur verdeutlichen, dass Nachrichtensendungen Teil der Unterhaltungsindustrie sind, in denen wir uns das Gefühl abholen, nah dran zu sein an einer möglichen Lösung, an die wir glauben oder wir ablehnen können, die uns aber in jedem Fall betrifft, weil es auf unsere Ansicht dazu ankommt. Hier liegt ein Grundirrtum, den ich aber begründet sehe in einer ganz fürchterlichen Tyrannei der Gegenwart über den Rest der Zeit. Immer ist jetzt das Wichtigste, weil das ewige Versprechen lautet, dass es besser und gut werden wird, wenn das erst überstanden ist. Dabei hat schon Gottfried Benn festgestellt, dass Sterben heißt, dies alles hier ungelöst zu verlassen. Daran kann man sich eigentlich recht schön orientieren.

 

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